Augenblicke der Liebe zwischen Krustentieren und Gummipuppen

Über den Tokio-Roman „Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall“ des Brasilianers João Paulo Cuenca

Von Tobias GunstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tobias Gunst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nicht oft hat sich eine Erzählerfigur in der Literatur so präzise selbst beschrieben, wie es zu Beginn des neuen Romans von João Paulo Cuencas die Stimme der Erzählerin Yoshiko tut: „dunkelbraune Augen (Pantone 4975C), perlweiße Haut #5“ hat sie, genau 92,5cm Brustumfang, Nabeltiefe 0,8cm und die Vagina ist mit „senkrechtem Schamhaar“ versehen. Yoshiko ist eine Gummipuppe und sie gehört dem alternden Tanka-Dichter (Tanka ist die älteste bekannte japanische Gedichtform) Atsuo Okuda, der seit Jahrzehnten kein Gedicht mehr veröffentlicht hat, aber nach wie vor von seinem Ruhm lebt.

Nach dem Tod seiner Frau hat er sich Yoshiko bestellt und nutzt sie nun als Zuhörerin, Köchin und Lustobjekt. Hauptsächlich jedoch ist Herr Okuda damit beschäftigt, sein privates Spionagenetz zu organisieren: Überall in der japanischen Hauptstadt Tokio, zentraler Schauplatz des Romans, hat er Kameras und Mikrofone installiert, in jeden Winkel der Stadt scheint er mit seinen „U-Booten“ spähen zu können. Davon bleibt auch sein Sohn Shunsuke nicht verschont, der zunächst Angestellter einer großen Firma in Tokio ist, doch bald seinen Job verliert. Shunsuke erzählt den weitaus größten Teil des Romans, seine Passagen wechseln sich mit kurzen Einwürfen der Gummipuppe und Ausschnitten aus vermeintlichen Interviews einer Literaturzeitung mit seinem Vater ab.

Während Herr Okuda nach wie vor als größter lebender Dichter gilt, nimmt Shunsuke seinen Vater nur als Languste wahr. Übermenschlich groß wirkt diese Languste auf ihn, beherrscht sein Leben und spioniert selbst seine intimsten Beziehungen aus. So ist es kein Wunder, dass Shunsukes Liebesbeziehung zu der polnisch-rumänischen Kellnerin Iulana ebenfalls von seinem Vater durchleuchtet und keinesfalls akzeptiert wird. Für Herrn Okuda ist die Liebe seines Sohnes zu einer Gaijin nicht hinnehmbar – sie macht ihn sogar so wütend, dass er eine Spionin auf die beiden ansetzt. In der riesenhaften Metropole entspinnt sich nun eine seltsame Erzählung um Kontrolle, Überwachung, Eifersucht, falschen und echten Gefühlen, die inhaltlich zwischen dem oberflächlichen Schein und dem tatsächlichen Sein, formal zwischen Fantastik und psychologischer Tiefe schwankt und zeitweise kriminalistische, zeitweise groteske Züge aufweist.

Es ist ein seltsamer Roman mit seltsamem Titel, den João Paulo Cuenca geschrieben hat. Cuenca gilt als einer der besten jungen Autoren Brasiliens, als Journalist schreibt er für die größten brasilianischen Magazine und Zeitungen, 2012 ist sein Band mit gesammelten Reportagen unter dem Titel „A última madrugada“ (Die letzte Morgendämmerung) erschienen. Gleichwohl ist es wohl vor allem dem Umstand, dass Brasilien 2013 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird, zu verdanken, dass sein mittlerweile dritter Roman – sein Debüt gab er 2003 mit dem ähnlich komplexen Roman „Corpo presente“ – zwei Jahre nach seinem Erscheinen in Brasilien 2010 nun als erster Roman Cuencas auch auf Deutsch erschienen ist. Die Kritik ist bis dato verhalten, der Roman wird etwas ratlos wahrgenommen als Kriminalroman, Gesesellschaftskritik oder als interkulturelle Liebesgeschichte. Nichts davon ist ganz falsch und trotzdem scheinen diese Lesarten dem recht kurzen Text – gerade einmal 138 Seiten umfasst er – nicht ganz gerecht zu werden.

„Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall“ entstand nach einem 40-tägigen Aufenthalt des Autors in Tokio 2007, über den er in einem Interview 2011 einmal gesagt hat, er habe niemals in seinem Leben soviel Angst gehabt. Ständig sei er von LCD-Bildschirmen umgeben gewesen, umringt von glatten Oberflächen, die stilisierte und artifizielle, vermeintliche Abbilder der Realität in die Welt geworfen und sie damit bedeckt hätten. Hier sei ihm mehr als je zuvor bewusst geworden, dass alle Menschen Bildfetischisten seien und sich jeden Tag als Fantasiebild neu erschafften.

Die Herstellung und den Konsum von Bildern, das ist es, was im Roman Herr Okuda perfektioniert hat. Sein Spionagenetzwerk ist seine Art, die Welt wahrzunehmen und sie zu sehen und das ist es, was er an seinen Sohn Shunsuke weitergegeben hat: „Das ist es, was ich mein Leben lang von meinem Vater, Herrn Atsuo Okuda, gelernt habe: das Sehen.“ Tatsächlich schreibt Herr Okuda auch noch Gedichte, in denen er seinen „schönen Gefühle[n]“ Ausdruck verleiht und Yoshiko „die Welt draußen, und was über ihr ist und darunter“ erklärt, doch diese Gedichte lesen wir nicht: sie bleiben unausgesprochen im Roman, Teil der einzig wirklich intimen Beziehung, die es in Cuencas Tokio noch gibt, zwischen dem Dichter und seiner Puppe. Was wir lesen, das sind Abbilder, Oberflächen, artifizielle Konstrukte und Vorstellungen, die Cuenca in Literatur überführt hat. Sein Roman ist nicht so sehr ein Text über Tokio und das Leben in der Metropole, über Liebesbeziehungen zwischen Japanern und Europäern, sondern er hat einen Roman geschrieben über Vorstellungen und stereotype Bilder, die wir von Japan und Tokio haben.

„Dieses Buch handelt ausschließlich von Repräsentationen“, hat Cuenca gesagt, und tatsächlich: Man findet nicht die Stadt Tokio im Roman wieder, sondern Klischeebilder, die man davon hat. Natürlich kommt der alternde japanische Dichter in diesen Vorstellungen vor, der kurze Gedichte verfasst hat, denen unter der Oberfläche so viel tiefe Bedeutung über das Leben abgerungen werden kann. Natürlich kommt auch ein mutiertes Monster darin vor, das die Stadt zu zerstören droht wie Godzilla, natürlich kommt die für den Europäer vermeintlich so abnormale japanische Sexualität darin vor, die uns in Europa durch mediale Erzeugnisse immer wieder präsentiert wird, puppenartige Schulmädchen mit großen Augen treten auf, es kommt die Gaijin vor, die selbstverständlich so groß gewachsen ist, dass sie alle Japaner im Roman überragt, die japanische Technik, ein wenig am Rande auch die düstere Seite Japans durch dunkle Gassen und Gewalt und nicht zuletzt der gefürchtete japanische Kugelfisch Fugu, der nur von eingeweihten Köchen zubereitet werden darf, um den Ausfluss des hochgiftigen Sekrets zu verhindern, das tödlich ist.

All das erscheint wie aus einem Werbeprospekt für das Land des Lächelns entnommen. Doch Shunsuke erinnert uns: „Fotos sind gut für Reklame, für Werbung, um ein Produkt zu verkaufen.“ Aber sie sind auch eine „abnormale Manipulation“. Denn tatsächlich ist jener so giftige Kugelfisch gar nicht mehr gefährlich, längst werden nur noch gezüchtete Fugus verkauft, die völlig ungiftig sind – so informiert uns der Erzähler. Und genauso, wie damit das Klischeebild des gefährlichen Fisches dekonstruiert wird, dekonstruiert der Roman unsere Klischeebilder von Japan und führt sie in seiner an Fantasik und Surrealismus grenzenden Erzählweise als bloße Konstrukte vor, die mit einer wie auch immer gearteten Realität nichts zu tun haben.

Der Vergleich mit Haruki Murakami, der in einer Kritik des Deutschlandradios vorgenommen wurde, ist daher auch abwegig. Während Murakami bestimmte Klischeebilder von Japan geradezu fortzuschreiben scheint, versucht Cuencas Roman sie zu dekonstruieren, so dass am Ende von Japan nicht viel mehr übrig bleibt. Das ist vielleicht auch das große Problem des Romans: er lässt kein Bild mehr übrig, nichts bleibt stehen, was in der fiktiven Welt als wahr oder real gelten könnte. Damit wirkt er desillusionierend und traurig, oftmals schwierig und unverständlich – und doch ist es ein guter Roman, dem es gelingt, Spannung aufzubauen und dessen Lektüre sich lohnt. Nicht zuletzt deshalb, weil es Cuenca mit seiner lakonisch-distanzierten Sprache, die dennoch sehr bildhaft und poetisch sein kann, gelingt, stilistisch zu überzeugen. Michael Kegler ist es auf bewundernswerte Weise gelungen, diese feine Stilistik ins Deutsche zu übertragen.

Titelbild

Joao Paulo Cuenca: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall. Roman.
Übersetzt aus dem brasilianischen Portugisisch von Michael Kegler.
A1 Verlag, München 2012.
141 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783940666314

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