Aufstieg und Verfall einer Familie

Kim Namcheon schildert in seinem Roman „Der große Strom“ eine Gesellschaft im Umbruch

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Pak Chambong ist ein Sozialaufsteiger. Zugegeben, er entstammt der koreanischen Oberschicht; doch starb sein Vater gerade noch rechtzeitig, um nicht das ganze Vermögen in Opiumrauch aufgehen zu lassen. So erbt Pak wenigstens ein paar Schuldscheine, die er rücksichtslos in Geld umsetzt. Dass dabei einem der Schuldner der Schlag trifft, trägt ihm fast nebenbei eine Konkubine ein: Er weiß es sogar als Gnade darzustellen, dass er dessen früh verwitwete und also auf dem Heiratsmarkt wertlose Tochter mit sich nimmt. Noch ein paar gelungene Spekulationen in Krisenzeiten, und Pak kann sich in jener Kleinstadt ansiedeln, in der er fortan durch Landwirtschaft und vor allem durch Geldverleih eine zentrale gesellschaftliche Stellung einnimmt.

Dieser Aufstieg ist die Vorgeschichte. Kim Namcheons im Original 1939 erschienener Roman „Der große Strom“ spielt in der koreanischen Provinz im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Der japanische Einfluss wird spürbar, doch noch ist Korea keine Kolonie. Vielmehr stehen Japan und auch christliche Mission für einen ersten Kontakt mit der Moderne. Deren Formen sind vielfältig: Fahrrad und Petroleumlampe, westliche Anzüge und Bärte, und die ganz fortschrittlichen Eltern lassen ihre Kinder erst heiraten, wenn die 19 Jahre alt sind – statt mit 15. Wenn man mit sowas erstmal anfängt, ist bald kein Halten mehr: Die traditionellen Zöpfe werden (ganz unmetaphorisch) geschoren, und manche beginnen frech, an individuelle Liebe zu denken.

Die Umbruchzeit, die den Aufstieg eines Pak Chambong erst ermöglichte, wird auch sein Problem. Die Familienordnung gerät außer Kontrolle. Pak ist, nach herrschenden Maßstäben, kein Reaktionär, aber Patriarch ist er doch; und er handelt unter Bedingungen, die traditionale Werte noch kennen. So versucht er zwar, den Sohn, den er von seiner Konkubine hat, gegenüber den drei legitimen Söhnen nicht zu benachteiligen. Doch ist klar, daß er ihm keine Frau vermitteln kann, die als erstrangig gilt. Dabei ist es doch dieser Bastard Hyeonggeol, der an Kraft und Energie den offiziellen Nachkommen überlegen ist und dem Paks ganzer Stolz gilt.

Hyeongjun, der älteste Sohn, ist schwache Nebenfigur. Gemäß Altershierarchie der eigentliche Nachfolger des dominanten Vaters, wird er doch Opfer von dessen früher Heirat: Ohne Hoffnung auf sinnvolle Aktivität, verfällt er dem Spiel und löst am Ende der Handlung beinahe eine Katastrophe aus. Der mittlere, milde Bruder Hyeongseon heiratet glücklich und tut wenig. Der Jüngste und die Schwester spielen kaum eine Rolle.

Zum eigentlichen Gegenspieler des Vaters wird Hyeonggeol, der sich um Normen nicht schert. Kim Namcheon weiß eindrücklich den Weg vom Gefühl, zurückgesetzt zu sein, bis hin zum unabhängige Handeln zu schildern; umgekehrt, beim Vater, die Entwicklung von pflichtgemäßer Fürsorge über unwillige Bewunderung bis zur Erkenntnis, dass dieser Hyeonggeol nicht zu kontrollieren ist.

Die heldenmütige Entwicklung Hyeonggeols ist gebrochen. Wo es an Heiratsmöglichkeit wie an erlaubter vorehelicher Sexualität fehlt, liebt er als – wenn auch zweitrangiger – „junger Herr“ nach unten. Für eine Amüsierdame ist es gewohnter Alltag, derart benutzt zu werden; für die leibeigene und an einen stinkenden Knecht zwangsverheiratete Magd Sangne hingegen steht Hyeonggeol für einen Rettung aus ihrer Misere, und vielleicht zerbricht sie daran, für ihn nur eine Etappe auf dem Weg zu seiner Befreiung zu sein.

Der Autor Kim Namcheon war Kommunist, Mitglied der Korea Artista Proletaria Federatio und in der späteren, repressiven Phase der japanischen Kolonialherrschaft zwei Jahre inhaftiert. Danach trat das offen propagandistische Element in seinem Werk zurück; schwer zu entscheiden ist, welche Bedeutung hier die Zensur hatte und welche Rolle die Entwicklung der linken Ästhetik und die Einflüsse eines Georg Lukács, der die Gestaltung von Totalität im Roman forderte, spielten. „Der große Strom“ fügt sich in diese Ästhetik ein. Der Roman, wenn er den Aufstieg und Verfall einer Familie schildert, wirkt wie ein Konzentrat der „Buddenbrooks“ von Thomas Mann – bis hin zu Pak Chambong, der an seinem 40. Geburtstag sozial alles ihm Mögliche erreicht hat und dem, wie dereinst Thomas Buddenbrook, plötzlich der Gedanke kommt, dass er nun nur noch bergab gehen könne.

Der Unterschied ist, dass die Hoffnungen der Familie nicht wie mit dem kränklichen Hanno Buddenbrook sterben, sondern mit Hyeonggeol ein kühner Ausbruch markiert ist. Dessen Rücksichtslosigkeit fordert Opfer wie Sangne, doch es ist eine Aufwärtsentwicklung, die falsche Sentimentalitäten beseitigt. Kim Namcheon hat Hyeonggeol einen Folgeroman gewidmet, der leider noch nicht übersetzt ist; doch wird schon aus dem „Großen Strom“ deutlich, dass er nichts zu schaffen hat mit dem koreanischen Opfermythos, dass ein eigentlich friedliches Volk durch militaristische Japaner gequält worden sei. Vielmehr zeichnet sich sein Werk durch eine marxistische Bejahung der Moderne aus, mag sie auch wie das Christentum oder die Neuerungen der Japaner von außen kommen. Kim Namcheon hat einer Vielzahl von koreanischen Autoren das voraus, dass er nicht völkisch-national denkt, sondern in Kategorien historischen Fortschritts.

Wie er Gesellschaft erfasst, ist für deutsche Leser manchmal langatmig. Ausführliche Beschreibungen von Hochzeitsriten mögen koreanischen Lesern 1939 eine soziale Verortung erlaubt haben, heute und hier sind sie trotz nützlicher Anmerkungen der Übersetzer in ihrer inhaltlichen Dimension schwer verständlich. Dann aber gibt es Szenen, die zu fesseln vermögen. Wie Braut und Bräutigam sich nach arrangierter Heirat in der Hochzeitsnacht überhaupt zum ersten Mal begegnen, wie sie überwacht von neugierigen Verwandten und Festgästen sich trotz aller Peinlichkeiten langsam anzunähern vermögen, wie in dieser schwierigen Lage aus Enttäuschung und Hoffnung doch Vertrauen entsteht, das ist meisterhaft geschildert. Viel später im Roman erfährt der Landarbeiter Duchil, wie seine Frau Sangne ihn mit einem der „jungen Herren“ betrogen hat. Sein Schwanken zwischen Gewalt und Liebe, Hoffnung und Verzweiflung hebt auch diesen Charakter plastisch hervor, der gar nicht vorteilhaft eingeführt war.

Kim Namcheon gelingt es, mittels einer kleinstädtischen Umgebung die Gesellschaft als Ganze zu schildern, in ihrem Zustand wie auch, durch ihre Widersprüche, in ihrer Entwicklung. Dass sein Roman anschaulich wirkt, ist auch der gelungenen Übersetzung zuzuschreiben. Angesichts der Bedeutung, die die Familie für die koreanische Lebenswelt hat, gibt es zahlreiche koreanische Familienromane, die nicht immer gut sind und nicht immer in gutes Deutsch übertragen. Hier aber liegt ein kluger Roman vor, der mit Freude lesbar ist.

Titelbild

Kim Namcheon: Der große Strom. Roman.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Jung Youngsun und Herbert Jaumann.
Iudicium-Verlag, München 2012.
263 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783862050857

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