Der digitale Wandel

Zwei Appelle für mehr netzpolitische Partizipation: „Die stille Revolution“ von Mercedes Bunz und Jakob Steinschadens „Digitaler Frühling. Wer das Netz hat, hat die Macht?“

Von Yana BreindlRSS-Newsfeed neuer Artikel von Yana Breindl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mercedes Bunz und Jakob Steinschaden befassen sich in ihren Büchern „Die stille Revolution“ und „Digitaler Frühling. Wer das Netz hat, hat die Macht?“ jeweils auf ihre Weise mit den gesellschaftspolitischen Aspekten der Digitalisierung und der Internet[Brigitte 1] Vernetzung durch das Internet. Als Kulturwissenschaftlerin und Journalistin hat sich Mercedes Bunz schon früh mit der Digitalisierung und der Geschichte des Internets auseinandergesetzt. Ihre Herangehensweise an das Thema ist daher auch von ihrem philosophisch-historischen Werdegang geprägt. In ihrem Buch  zieht sie zuerst eine Parallele zwischen der Industrialisierung des 18. und 19. Jahrhunderts und den heutigen Umwälzungen der Digitalisierung, um sich der zentralen Frage des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik zu stellen. So sieht Bunz dDie aktuellen Fragen, rund um die Verarbeitung und Verbreitung von Informationen, die Rolle von Computer-Algorithmen, die Herausforderung desr Experten durch eine neue Form der digitalen Öffentlichkeit, die Dominanz des Internetangebots durch privatwirtschaftliche Unternehmen, oder der Verlust etablierter Geschäftsmodelle, wie dies im Journalismus der Fall ist, sieht Bunz eng mit der fundamentalen Angst des Menschen verbunden, von Maschinen beherrscht zu werden. „Die stille Revolution“ ist ein Plädoyer, sich mit dieser Furcht auseinanderzusetzen und die Chancen der Digitalisierung zu erkennen, um zusammen eine bessere Zukunft zu gestalten. Denn wie Computer und Algorithmen eingesetzt werden, entscheiden dieMenschen nach bestimmten Logiken, die wir grundsätzlich hinterfragen und mitgestalten können. Hier bietet uns die Digitalisierung neue Wege, die digitale Gesellschaft um als aktive Bürger mitzubestimmen.

Jakob Steinschadens „Digitaler Frühling“ setzt da an, wo Bunz’ Appell endet: bBei denen, die den Wert der Digitalisierung erkannt haben und sich bereits an diversen Machtkämpfen rund um das Internet beteiligen. Aufgrund von seiner journalistischen Tätigkeit zum Thema digitale Medien erkundet Steinschaden acht Internet-Phänomene, welche die Medien und die Politik faszinieren und die auf die Mobilisierung der Kleinen und Unterdrückten gegenüber der Reichen und Mächtigen hinweisen. Für Steinschaden ist das Internet ein mächtigerbedeutender Verstärker, der auch kleinen Gruppen erlaubt, Macht zu erlangen. SteinschadenEr bietet dazu Einblicke in die Hintergrundgeschichten, Taktiken und Strategien von Internetbewegungen wie Anonymous, den Piraten, WikiLeaks, im arabischen Frühling und Occupy. Anhand von zahlreichen Beispielen und persönlichen Interviews,  schildert Steinschaden das ErmächtigenErstarken der Subalternen, die sich Internet-Technologien zu nutze machen, um die Mächtigen dieser Welt, seien es Diktatoren, Staaten oder Unternehmen, herauszufordern.

Diese Gruppen befinden sich in einer Vielzahl annetzpolitischern Machtkämpfen. Sie setzen sich ein für mehr Transparenz, Offenheit, direkte und persönliche Einbindung in Entscheidungsprozesse. Aber auch Anonymität ist ein Thema, ein gegenüberals Gegengewicht zu Interessen der Profitmaximierung und dereiner Sicherheitspolitik, die Ihre Dominanz verteidigent, indem sie mehr Kontrolle durch Identifizierung der Internetnutzer und mehr Überwachungsmöglichkeiten einfordernt. Am Beispiel von Facebook, einem Konzern, dem Steinschaden 2010 schon sein Buch, „Phänomen Facebook“, gewidmet hatte, zeigt er aber auch, wie das Hacken, das unter anderem Anonymous inspiriert, auf ganz unterschiedliche Weise auch zur Optimierung der Unternehmenskultur und so zur Profitmaximierung genutzt werden kann. Fernab von politischen Idealen wird Hacken durch Facebook als ständiges Bemühen um schnelle Resultate und beständiges Ausdehnen von Grenzen ausdehnen interpretiert. Die Basis des Geschäftsmodells von Facebook und vielen anderen Sillicon -Valley- Firmen sind die persönlichen Daten Ihrer Nutzer, die weiter vermarktet werden. Das Ziel ist es es neue Wege zu finden, die Nutzer für seine Produkte zu begeistern, Ihnen personalisierte Inhalte anzubieten und so möglichst viele Daten über sie zu sammeln und zu verkaufen. Beim Thema Big Brother veranschaulicht Steinschaden, wie direkte Zensur immer mehr einer schleichenden und verborgenen Form der Überwachung weicht. Diese wird zwar von westlichen Staaten verurteilt, jedoch erst durch die Entwicklung und den Verkauf westlicher Überwachungstechnologie möglich gemacht. Denn nicht nur Diktaturen in fernen Ländern wollen wissen, was Ihre Bürger im Internet machen, dies ist auch immer wieder ein Bestreben westlicher Politik. Für Steinschaden ist eine effektive Kombination von Online- und Offline-Aktivismus nötig, um problematische Gesetzesvorlagen zu stoppen.

Als positives Beispiel, wie ein moderner Staat an die Herausforderung der Digitalisierung herangehen kann, nennt Steinschaden Island, das mit seiner „Icelandic Modern Media Initiative“, einen freien Hafen für Daten anbieten will, und so für viel Aufsehen gesorgt hat. Seit dem Eerscheinen des „digitalen Frühlings“ ist die Initiative aber noch längst nicht umgesetzt worden, und Forderungen nach Netzsperren und automatisierten Kontrollen von Daten sind auch in Island keine Seltenheit.

Bunz’ und Steinschadens Bücher ergänzen sich gut und regen an, sich mit den gesellschaftspolitischen Folgen der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Die Reibungsflächen zwischen Transparenz, Offenheit, geschlossenen Systemen und Kontrolle machen sich in einer Vielzahl von gesellschaftlichen Themenfeldern bemerkbar. Die Umwälzungen sind schon in vollem Gange, und Möglichkeiten der Partizipation bestehen durchaus. Nun müssen sich die Leser selbst entscheiden, in was fürwas für einer digitalen Gesellschaft sie leben wollen und in wieweit sie sich in die Denkweisen, die diese beherrscht, einbringen wollen.

[Brigitte 1]Vernetzung durch das Internet

Titelbild

Mercedes Bunz: Die stille Revolution. Zur Einführung.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.
170 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783518260432

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Jakob Steinschaden: Digitaler Frühling. Wer das Netz hat, hat die Macht?
Verlag Carl Ueberreuter, München 2012.
190 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783800075423

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