Frauen ans Steuer!

Anke Hertlings kenntnisreiche Untersuchung über die schreibenden Autofahrerinnen Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In dem vor einigen Jahren über die bundesdeutschen Bildschirme flimmernden Spielfilm „Carl und Bertha“ sieht man Bertha Benz gegen Ende des Streifens am Steuer (das alles andere als ein Lenkrad war) auf staubigen Landstraßen und unbefestigten Feldwegen die erste Fernreise mit einem pferdelosen Gefährt unternehmen, die je ein Mensch gewagt hatte. Sie führte von Mannheim, der Heimatstadt von Bertha Benz, in ihre Geburtsstadt Pforzheim. Ihr zur Seite sitzen ihre beiden adoleszenten Söhne. Eine Leistung, die nicht nur von feministischer Seite immer wieder gerne erzählt und derjenigen von Mary Shelley als Autorin des ersten Science Fiction-Romans zur Seite gestellt wird. Möglicherweise trifft sie aber ebenso wenig zu wie diese. Romane, die sich dem Genre der SF zuordnen lassen, gab es tatsächlich schon dem berühmten Dr. Frankenstein ein oder zwei. So veröffentlichte Julius Voß seinen „Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert“ bereits acht Jahre, bevor Shelleys „Frankenstein“ erschien. Und Bertha Benz hat das Auto, das damals im übrigen noch als sogenannter pferdeloser Wagen durch die Gegend kutschierte, womöglich gar nicht selbst gelenkt. Dies behauptet zumindest Anke Hertling unter Berufung auf die Memoiren von Carl Benz, denen zufolge seine Frau die Fahrt zwar ohne sein Wissen initiierte. Doch habe nicht sie, sondern ihr älterer Sohn hinter dem Steuer gesessen.

So ganz unwahrscheinlich ist Hertlings Darstellung nicht. Denn Bertha Benz hat der Version aus den Memoiren ihres Mannes, soweit bekannt, nie widersprochen. Zudem hat Hertling auch die für Untersuchung eher marginaler Sachverhalte im Allgemeinen ganz ausgezeichnet recherchiert. Die Geschichte der Auto-Pionierin Bertha Benz lässt sich nun zumindest in dem Buch durchaus zu den eher randständigen Ereignissen zählen. Zwar erzählt es ausweislich des Titel von der „Eroberung der Männerdomäne Automobil“ durch die Frauen, doch konzentriert es sich auf die „Selbstfahrerinnen“ und Autorinnen Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach. Im Mittelpunkt steht also die Zeit der Weimarer Republik. Die Anfänge des Automobils werden nur am Rande vorgestellt, ohne sie ganz zu vernachlässigen. Denn da bis dato noch keine „grundlegende Untersuchungen zur Kategorie ‚Geschlecht‘ in der frühen Automobilkultur“ vorlagen, hat sich die Autorin entschlossen, „die Zeit der Jahrhundertwende mit in den Untersuchungszeitraum der Arbeit aufzunehmen“. Eine ‚Ehrenrettung‘ für Bertha Benz hält sie denn auch noch parat. Nach der Fahrt regte sie eine Neuerung an, die noch heute Bestand hat. Dem Wagen wurde ein dritter Gang eingebaut, damit er Steigungen bewältigen konnte. Denn bergan musste er auf der Fahrt nach Pforzheim noch geschoben werden. Und noch etwas berichtet Hertling: Ende der 1920er-Jahre war es tatsächlich eine Frau, die als erster Mensch mit dem Automobil die Erde umrundete. Wenn das mal keine „Fernreise“ ist. Ihr Name war Clärenore Stinnes.

Hertling konnte nicht nur „noch unbekannte Artikel von Ruth Landshoff-Yorck in ‚Sport im Bild‘ und von Erika Mann in ‚Die Dame‘ ermitteln.“ Auch darüber hinaus hat sie so manche interessante Fundsache zu bieten, wie etwa „Einige Betrachtungen über die Wirkungen des Krieges auf die Psyche der Frau“ von Minna Cauer aus dem Jahr 1917, Elsa Herrmanns Schrift „So ist die neue Frau“ von 1929 oder Georges Antquetils zwei Jahre zuvor erschienene Propagandaschrift über „Das Recht auf die Geliebte“.

Der Autorin zufolge werden nicht nur Automobile, sondern auch das Geschlecht konstruiert. Mag der eine Konstruktionsprozess auch ein technischer und der andere ein sozialer sein. Ihre Untersuchung gilt nun der Frage, „wie Geschlechtsspezifika im Automobilismus entstehen“, welche „Funktionen“ sie erfüllen und wie sie sich entwickeln. Konfrontiere man die „Zuschreibungen“, die Autofahrerinnen in der „Pionierzeit des Automobils“ mit den späteren „automobilen Neuen Frauen“, treten „emanzipatorische Ansätze“ hervor, wie sie etwa der 1926 in Berlin ins Leben gerufene „Deutschen Damen-Automobil-Club“ vertrat.

Ist in diesem Zusammenhang die damals weit verbreitete Illustrierte „Die Dame“ eine der wichtigsten Quellen Hertlings, so zieht sie in einem weiteren Teil ihrer Arbeit vornehmlich literarische Werke heran. Schließlich handelt es sich ja auch bei den drei Frauen, denen ihr besonderes Interesse gilt, nicht nur um Autofahrerinnen, sondern auch um Autorinnen. Doch nicht nur deren Texte dienen Hertling als Quellenmaterial, sondern ebenso wohl zahlreiche Romane und sonstige Texte anderer SchriftstellerInnen vornehmlich der Neuen Sachlichkeit. AutofahrerInnen gelten dieser sich ausdrücklich als ‚männlich‘ verstehenden Art Literatur als „Sinnbild für den Aufbruch aus tradierten Rollenmustern“.

Schließlich wendet sich Hertling noch den Chancen zu, die der „Aufschwung des Presse- und Verlagswesens“ zur Zeit der Weimarer Republik schreibenden Frauen eröffnete, was nicht zuletzt zur „Diskursivität des Themas Frau und Automobil“ beitrug. Dieser Teil des Buches bildet den Schwerpunkt der Untersuchung, für die Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach von besonderem Interesse sind, weil sie „leidenschaftliche Autofahrerinnen“ waren und als Autorinnen „ein Schreibverständnis jenseits von ‚Geschlecht‘ vertraten“. Allen dreien dient das Automobil allerdings keineswegs dazu, „ein emanzipatorisches Programm zu formulieren“. „Vielmehr loten sie über das Auto neue Lebensentwürfe aus und hinterfragen und überschreiten in ihren Texten bewusst und durchaus provokant geschlechtsspezifische Rollenmuster.“

Doch zunächst noch einmal ein kurzer Blick auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der eine „Frau Dr. von Papp“ einem Bericht „Allgemeinen Automobilzeitung“ zufolge bereits 1907 die erste gewerbemäßige „Gentleman-Cauffeuse“ oder wie man heute sagen würde, Taxi-Fahrerin war. Lange konnten sie und einige wenige ihr folgende Geschlechtsgenossinnen diese Tätigkeit allerdings nicht ausüben. Einer der Gründe dafür waren die Anfeindungen männlicher Kollegen. Sie zählen zu den zahlreichen Vorkommnissen, mit denen sich Hertlings These validieren lässt, dass „der Diskurs von der ‚Männersache‘ Automobil sowohl der Absicherung und Gewährleistung der eigenen Vormachtstellung im Automobilismus als auch der Versicherung der eigenen Rolle im Geschlechtergefüge dient.“

Das zeigt sich auch in der Werbung, in der bereits zu einer Zeit, als Fahrerinnen noch kaum auf den Straßen zu finden waren, modisch gekleidete Damen „als Anreiz für Männer, sich einen Wagen anzuschaffen“, hinter dem Lenkrad in Szene gesetzt wurden. „Neben Luxus und Eleganz demonstrieren Frauen die Ungefährlichkeit und leichte Handhabung der neuen Technik.“ Bald konnotierte die Automobil-Werbung „Tempo, sportliche Leistung und Berufstätigkeit“ männlich und „ein Leben in Luxus und Exklusivität“ sowie „Sportlichkeit, Beweglichkeit, Mobilität“ und „Freizeitvergnügen“ als weiblich. Beides sollte zum Kauf eines Wagens anregen. Im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung sollte Eugen Diesel schließlich klagen, „dass das Auto durch die Nutzung der Frau ‚verweichlicht‘ sei“.

In der Zwischenzeit waren die „Selbstfahrerinnen“ immer zahlreicher auf den Straßen zu sehen. So wurden sie in den letzten Jahren der Weimarer Republik im Unterschied zu den Frauen genannt, die sich von einem Chauffeur fahren ließen. Ein Begriff, der sich im Laufe der 1920er-Jahre durchsetzte und an Stelle des zuvor gebrauchten Ausdrucks Autlerin trat. Männer die selbst ihr Auto steuerten und zuvor Autler hießen, wurde nun bemerkenswerterweise nicht entsprechend Selbst- sondern Herrenfahrer genannt. Ein Sprachgebrauch, zu dem der feministischen Linguistik sicherlich manche interessante Überlegung einfallen dürfte. Jedenfalls sind die Selbstfahrerinnen der 1920er-Jahre weithin akzeptiert; allerdings nur, solange sie „einem ‚femininen‘ Erscheinungsbild entsprechen“.

Was nun die zeitgenössische Literatur der Neuen Sachlichkeit betrifft, so legen deren „Imaginationen zur automobilen Frau“ noch einmal „explizit offen, was sich im neusachlichen Diskurs um eine ‚neue Männlichkeit‘ bereits andeutet“: Als „Inbegriff weiblicher Emanzipationsversuche“ personifiziert die Auto fahrende Frau die Angst der Männer vor einer „instabilen Geschlechterordnung“. Immerhin eröffnet die auch literarische Popularität der Autofahrerin Autorinnen die Möglichkeit, sich „über das Automobil journalistisch und schriftstellerisch zu profilieren“. Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach gelang das in ganz besonderem Maße. Anhand zahlreicher Texte belegt Hertling ihre These, dass im „Mittelpunkt“ der einschlägigen Texte der Schriftstellerinnen „die auf ihre Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung insistierende automobile Frau“ steht. „Politischer Kampf und frauenemanzipatorische Programmatik“ sind ihnen als Angehörige einer Generation, die bereits die klug, ausdauernd und nicht zuletzt kämpferisch erstrittenen Errungenschaften der Ersten Frauenbewegung genießen können, dabei allerdings „eher fremd“.

Stattdessen „hinterfragen, kommentieren und überschreiten“ sie in ihren „neuen frechen“ Texten bewusst zeitgenössische Geschlechterrollen und -vorstellungen. Alles dies zeigt Hertling eindrücklich. Doch streicht Hertling auch einen wesentlichen Unterschied zwischen den schreibenden Fahrerinnen heraus: „Für Erika Mann und Ruth Landshoff-Yorck gewährleistet das Auto Abenteuer, Unabhängigkeit und Lust am Reisen. Annemarie Schwarzenbach hingegen problematisiert das Reisen als moderne Existenzform, als fortwährende Suchbewegung des emotional und intellektuell haltlosen modernen Individuums.“

Anke Hertling hat mit ihrer Arbeit eine kenntnisreiche und überaus informative Untersuchung vorgelegt, die eine große Forschungslücke schließt und zudem durchaus über den Kreis der sich wissenschaftlich mit Geschlechterforschung oder kulturellen Aspekten der Automobilgeschichte Beschäftigenden von Interesse ist.

Titelbild

Anke Hertling: Eroberung der Männerdomäne Automobil. Die Selbstfahrerinnen Ruth Landshoff-Yorck, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013.
310 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783895289415

Weitere Informationen zum Buch





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN