Facetten der Gewalt

Ein von Christian Gudehus und Michaela Christ herausgegebenes Handbuch bündelt interdisziplinäre Sichtweisen auf das Phänomen der Gewalt

Von Nico Schulte-EbbertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nico Schulte-Ebbert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich der renommierte Metzler-Verlag in seiner fast einhundert Titel umfassenden Handbuch-Reihe einem so zeitlosen wie aktuellen, omnipräsenten wie marginalisierten (Forschungs-)Thema widmet: „Gewalt“, so der plakative Titel des im April 2013 erschienenen „interdisziplinären Handbuchs“. Mehr als zehn Jahre ist es her, seit das nur als epochal zu bezeichnende, fast 1.600 Seiten starke „Internationale Handbuch der Gewaltforschung“, herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer und John Hagan, im Westdeutschen Verlag erschienen ist. Neben diesem ‚Mammutprojekt‘ weiß sich das weitaus schmalere Metzler-Handbuch durch Prägnanz, erweiterte und teils überraschende interdisziplinäre Zugänge sowie – naturgemäß – durch Aktualität (hierzu zählen auch ‚neuere‘ Erscheinungsformen der Gewalt wie etwa das Mobbing in sozialen Medien, gewalthaltige digitale Spiele oder der noch junge Forschungszweig „Gewalt an Tieren“) zu behaupten.

Die Herausgeber, der Sozialpsychologe Christian Gudehus und die Soziologin Michaela Christ, die am „Norbert Elias Center for Transformation Design & Research“ der Universität Flensburg forschen, nähern sich mit 58 weiteren Autoren in 56 breitgefächerten Beiträgen dem Phänomen der Gewalt als „Teil menschlicher Sozialität“. Nach einer kurzen Einführung nebst definitorischen Abgrenzungen gliedert sich das Handbuch in die folgenden fünf Hauptteile: In „Rahmungen von Gewalt“ analysieren zehn Autoren auf gut 80 Seiten kontextuelle Gewalt in unterschiedlichen sozial hergestellten ‚Rahmen‘ – von der Erziehung über Polizei, Religion bis hin zu Sexualität. Dreizehn „Praktiken der Gewalt“ finden sich im anschließenden, etwa 75 Seiten starken Gliederungsabschnitt, der Ausführungen zu Amok, Folter, Ohrfeige und Vergewaltigung enthält. In Kapitel IV, „Merkmale, Prävention und Folgen“, dem mit 14 Beiträgen auf 85 Seiten facettenreichsten Abschnitt, werden so unterschiedliche Gewaltaspekte wie Akteure, Körper, Raum oder Schmerz behandelt. Literatur, Massenmedien und dem Internet widmen sich sieben Autoren auf etwa 40 Seiten unter „Repräsentationen der Gewalt“. Elf unterschiedliche „[d]isziplinäre Zugänge“ – von der Anthropologie über die Hirnforschung bis zur Sportwissenschaft – beschließen im Umfang von gut 90 Seiten den Hauptteil der Forschungsbeiträge dieses Handbuchs.

Neben der übergeordneten Fragestellung: „Wie also wird gegenwärtig das, was Gewalt genannt wird, bestimmt?“ gehen die Autoren der Frage nach der jeweils speziellen Funktion von Gewalt, ihren „Aneignungsformen und Aneignungspraxen“ sowie ihrer disziplingebundenen Darstellung nach. Es ist einerseits wenig überraschend, wie sehr die Antworten auf diese Fragen in den unterschiedlichen Fachgebieten übereinstimmen. Andererseits faszinieren gerade im naturwissenschaftlichen Bereich die Schwerpunktsetzungen und Erkenntnisse, die auch die Alltagssemantik der Gewalt ausweiten und den Leser für Begriffsnuancen sensibilisieren. Als besonders interessant und erhellend erweisen sich auch für den in der Gewaltthematik bewanderten Leser die „Grenzbereiche der Gewalt“ – namentlich der Suizid, der gewaltfreie Widerstand, die Naturgewalten (etwa in Form des Klimawandels) oder die juristisch legitimierte Gewaltausübung als Notwehr beziehungsweise Selbstverteidigung. Hierin liegt die große Stärke des Metzler-Handbuchs.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren oder kritisch anmerken wollte, so wäre dies – neben einigen formalen Flüchtigkeitsfehlern – zweierlei: Es gibt in einzelnen Beiträgen kurze etymologische Operationen (etwa zum Attentatsbegriff oder zur Gewalt selbst) oder die Offenlegung historischer Wurzeln bestimmter Phänomene [etwa der Folter oder des (Kampf-)Sports], doch es findet keine Analyse der Gewaltsynonyme selbst statt. (Die Ausnahme zeigt sich in Kapitel IV.8, das sich der Grausamkeit widmet.) Ein Satz, der mit „Aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen der erziehenden Eltern […]“ beginnt (Kapitel „Erziehung“), impliziert einen graduellen oder qualitativen Unterschied zwischen ‚aggressiv‘ und ‚gewalttätig‘. Ob und wenn ja inwiefern Begriffe wie ‚Gewalt‘, ‚gewaltsam‘, ‚aggressiv‘, ‚Aggression‘ oder ‚Aggressivität‘ differenziert werden können, mag ebenso unscharf, kontext- oder fachgebietsabhängig sein wie die Unterscheidung zwischen ‚Gewalt‘, ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘, eine Begriffstrias, um die das gesamte Handbuch kreist.

Der zweite marginale Kritikpunkt bezieht sich auf die nicht ganz nachvollziehbare Gliederung: Die Aussage der Herausgeber, die Philosophie, die „ihr Recht, als erste Disziplin hier zu Wort zu kommen, zum einen ihrem Alter, zum anderen ihrer Funktion als reflektierende Autorität verdankt“, deckt sich keineswegs mit dem inhaltlichen Aufbau des Handbuchs: Erst in Kapitel VI.6 kommt der von Alfred Hirsch verfasste Beitrag „Philosophie“ zu einem vielmehr sehr späten, fast schon abschließenden Wort (es folgen noch Psychologie, Kriminologie, Soziologie, Soziobiologie sowie die Sportwissenschaften, während Anthropologie/Ethnologie, Erziehungswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Hirnforschung und Literaturwissenschaft vorausgehen). Ohnehin wäre es wünschenswert gewesen, gerade die disziplinären Zugänge in einem explizit als „interdisziplinär“ ausgewiesenen Handbuch an den Anfang zu positionieren. Sicherlich wird ein Handbuch nur in den seltensten Fällen linear gelesen; der Einstig in das Phänomen der Gewalt über die unterschiedlichen Fachgebiete sei an dieser Stelle jedoch in toto empfohlen. Hier wird der aktuelle Forschungsstand ebenso prägnant dargestellt wie ein Abriss der intradisziplinären Geschichte des Gewaltbegriffs sowie Desiderata an künftige Forschungsvorhaben, die durchaus kritisch ausfallen. Nach dieser Orientierung, die erste Impulse und Ansatzpunkte liefert, kann dann gezielt in den ‚Spezialkapiteln‘ nach Gewaltaspekten geforscht werden.

Sollte der Leser auch hier noch nicht fündig werden, so wäre ein Blick in den ausführlichen Anhang ratsam, der nicht nur ein Personen-, Sach- und Ortsregister enthält, sondern zudem weiterführende Informationen – eine Auswahlbibliografie, Institutionen, Zeitschriften und (Internet-)Ressourcen rund um den Themenkomplex ‚Gewalt‘ – anbietet, was erneut das vor Augen führt, was die Herausgeber einleitend anmerken: „Gewalt aus wissenschaftlicher Perspektive ist weniger ein zu definierender Gegenstand als ein zu konstituierendes Forschungsfeld.“ Wer sich aktuell oder in Zukunft mit der ‚Anatomie der menschlichen Destruktivität‘ – um einen bedeutenden Werktitel Erich Fromms zu zitieren – auseinandersetzen möchte, der wird dieses Handbuch nicht ignorieren können.

Titelbild

Christian Gudehus / Michaela Christ (Hg.): Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2013.
420 Seiten, 69,95 EUR.
ISBN-13: 9783476024114

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