Ein ungeliebtes Stiefkind

Eberhard Th. Haas belebt die Diskussion um Sigmund Freuds „Totem und Tabu“

Von Dominik RoseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dominik Rose

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hundert Jahre ist Sigmund Freuds kulturtheoretische Abhandlung „Totem und Tabu“ inzwischen alt, die 1912/13 als Artikelfolge in der Zeitschrift Imago erstmals erschien. Und noch immer heftig umstritten. Ihre Rezeptionsgeschichte, resümiert der Psychoanalytiker Eberhard Th. Haas, besteht vor allem aus Ablehnung. Viele Thesen Freuds gelten inzwischen als überholt, etwa zum Totemismus, der in der Ethnologie heute keine Rolle mehr spielt. Die größte Angriffsfläche bot Freud sicherlich mit der spekulativen Kernthese seiner Arbeit, die für die meisten Leser eine ungeheure Provokation dargestellt haben muss: Den Ursprung von Religion und Gesellschaft markiert für Freud ein Mord, begangen von einem urzeitlichen Brüderclan an seinem despotischen Vater, in dessen Folge der gemordete Vater auf der Basis von Schuldgefühlen seiner Mörder zu einem Gott erhöht und fortan in rituellen Opferfesten geehrt wird. „Im Anfang“, schließt Freud, „war die Tat.“

In seinem Vorwort zur Taschenbuchausgabe von „Totem und Tabu“ plädiert Mario Erdheim für eine Neuinterpretation des Werks, die über den „rätselhaften Exotismus“ hinausgeht und einen Erkenntnisgewinn über die unbewussten Strukturen unserer Kultur verspricht. Einen wichtigen Beitrag hierzu leisten die in „100 Jahre Totem und Tabu“ versammelten Aufsätze, die Freuds Werk aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen beleuchten und zum Teil erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie Freuds Zeitgenossen auf die Veröffentlichung reagiert haben, empfiehlt sich der Aufsatz des Anthropologen Alfred Kroeber. 1920 hatte Kroeber einen vernichtenden Artikel für die Fachzeitschrift American Anthropologist verfasst, den er einige Jahre später jedoch deutlich abmilderte. Dieser spätere, in versöhnlichem Tonfall geschriebene Text ist im Band abgedruckt. Es wäre sicher interessant gewesen, auch Kroebers harsche frühere Abrechnung mit Freud zu lesen, die auf die Rezeption des Buchs entscheidenden Einfluss hatte, aber der vorliegende Aufsatz offenbart ebenfalls deutlich, was die Anthropologen etwa von der Vatermord-These hielten: Freud habe hier offensichtlich Fantasie mit historischer Wahrheit verwechselt.

Neben der inhaltlich motivierten Kritik konstatiert Elizabeth Bott Spillius, Psychoanalytikern und Anthropologin, aber auch methodische Einwände seitens einer sich wandelnden Wissenschaft, in der sich empirische Detailforschung gegenüber interdisziplinären, großen Entwürfen durchgesetzt hatte. Freuds verallgemeinernder Ansatz und seine Motivation, den Ursprung kultureller Entwicklung zu rekonstruieren, galten bereits bei Erscheinen seiner Arbeit als veraltet und wissenschaftlich unkorrekt. Der Aufsatz von Bott Spillius ist auch deshalb lesenswert, da sie Freuds Text rekapitulierend zusammenfasst und auf seine zentralen Punkte verdichtet. Ein historischer Beitrag kommt von der bekannten Ethnologin Margaret Mead, die Freuds Ausführungen zum Tabu der Toten mit ihrem eigenen Forschungsmaterial abgleicht. Nach Freud treten im Verhältnis zu den Toten ambivalente Gefühle auf, neben Zuneigung auch Feindseligkeit, wobei letztere unbewusst bleibt. Ist dieser Gefühlskonflikt stark ausgeprägt, kann das zu neurotischen Symptomen führen. Welche der miteinander streitenden Gefühle ausgelebt und welche unterdrückt werden, ist kulturell vorgegeben. Mead veranschaulicht ihre Thesen am Beispiel einiger Naturvölker, die sich in ihrer Trauerpraxis deutlich von unserem Kulturkreis unterscheiden, und plädiert für eine Gesellschaft, die dem Trauernden institutionelle Äußerungsformen für beide Gefühlseinstellungen ermöglicht. Faszinierend ist hierbei die Erkenntnis, dass sich der moderne Mensch im Umgang mit dem Tod nicht wesentlich von den Naturvölkern und den Zwangsneurotikern unterscheidet, die Freud in seinem Text beschreibt. Oder anders ausgedrückt: Tabus sind nach wie vor höchst wirksam.

Eberhard Th. Haas befasst sich, in Anlehnung an einen eher schwierig zu lesenden Aufsatz von René Girard, mit den bei Freud beschriebenen sakralen Opferriten und verdeutlicht, welche gesellschaftliche Bedeutung diese Riten vor dem Aufkommen der Schrift hatten. In krisenhaften Situationen einer Gemeinschaft konnte sich die aufgestaute Gewalt in der Opferung eines Sündenbocks entladen, auf den alle negativen Gefühle der Gruppe projiziert wurden. Im Anschluss an Chaos und Gewalt folgte, nachdem die Krise mit dem blutigen Opfer getilgt war, eine neue Ordnung. Gerade in Phänomenen wie dem Sündenbock-Prinzip kann man als Leser leicht eine kulturgeschichtliche Konstante entdecken, die sich nicht auf das beschriebene sakrale Zeitalter beschränkt, sondern in der Menschheitsgeschichte immer wieder anzutreffen ist. Dass am Anfang einer sozialen Ordnung die Gewalt steht, deckt sich mit Freuds Ursprungsthese.

An diesem pessimistischen Befund setzt der Theologe Wolfgang Palaver an und plädiert für eine Hinwendung zum biblischen „Gott der Gewaltfreiheit“, um die „zwischenmenschlichen Gewaltpotentiale“ zu überwinden. Zugleich kritisiert er Freud dafür, in seiner Vatermord-These verkannt zu haben, dass ein Schuldbewusstsein, wie Freud es dem Brüderclan nach dem begangenen Mord zuspricht, in der vorbiblischen Zeit gar nicht existiert haben könne. Damals sei jede Schuld, wie in den griechischen Mythen ersichtlich, immer auf das Opfer verschoben worden. Palavers Aufsatz liest sich leider mitunter wie eine Predigt, insbesondere wenn er zum Ende vor einer „apokalyptischen Katastrophe“ warnt, werde der „wahre Gott“ nicht erkannt. Verbunden ist dieses Plädoyer mit dem ideologischen Vorwurf an den Atheisten Freud, sich nicht auf die Bibel besonnen zu haben.

Sehr lesenswert hingegen ist der Beitrag der Kulturwissenschaftlerin Ulrike Brunotte, die „Totem und Tabu“ in seinem zeithistorischen Kontext analysiert. So deutet die Autorin Freuds Konzept des Brüderclans, das auch in späteren Texten des Autors immer wieder auftaucht, als Reaktion auf die im deutschsprachigen Raum ab etwa 1900 aufkommenden, völkischen, latent homoerotischen Männerbünde und weist richtigerweise darauf hin, dass in Freuds Kulturtheorie die Frauen keine nennenswerte Rolle spielen. Das bürgerliche Männlichkeitsbild jener Zeit bezeichnet Brunotte als Referenzkategorie dafür, wer zur völkischen Gemeinschaft gehören darf und wer nicht. Verblüffend ist hierbei, wie schwer sich Freud damit tut, sich von den Idealen der zunehmend antisemitisch geprägten Männerbünde zu emanzipieren. Brunottes Aufsatz zeigt auf, wie wichtig es ist, Freuds Text im Zusammenhang mit der Zeit seiner Entstehung zu lesen.

Überhaupt lohnt es sich, Freud zu lesen. Diese Botschaft vermittelt der in manchen Beiträgen nicht immer leicht nachzuvollziehende, aber an originellen Einblicken reiche Band. In „Totem und Tabu“ steckt weitaus mehr als jene „erstrangige Kuriosität“ (René Girard), der am Ursprung der Kulturentwicklung verortete Mord. Die Relevanz von Freuds Text zeigt sich in den unbewussten psychischen Prozessen, die auch in unserer heutigen Gesellschaft, etwa in unserem Verhältnis zum Tod, wirksam sind, und in der Erkenntnis, dass die Anfänge unserer hehren Kultur eng mit Gewalt verknüpft sind. Oder, wie Haas es in seinem Aufsatz pointiert formuliert: „Wenn wir von Kultur sprechen, nehmen wir die Paläste und Dome wahr, nicht aber die Gräber, auf denen sie errichtet wurden.“

Titelbild

Eberhard Th. Haas (Hg.): 100 Jahre Totem und Tabu. Freud und die Fundamente der Kultur.
Psychosozial-Verlag, Gießen 2012.
300 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783837920925

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