Wanderungen durch die Welten des Kommunismus

Mario Keßler schreibt die politische und intellektuelle Biografie der deutsch-österreichischen Kommunistin Ruth Fischer

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wer ist Ruth Fischer“, fragte im Frühjahr 1924 der Journalist Erich Dombrowski alias Johannes Fischart in der „Weltbühne“. Sie sei ein „Temperament“, lautete die Antwort: „Ein sprudelndes Maulwerk. Ein Vulkan des Radikalismus. Ein Motor. Ein von allem erwägenden und überlegenden Denken freier Wille. Ein Wille zur Macht.“ Diese eroberte sie zwar nicht im Staat, nicht in der sich 1924 mühsam stabilisierenden Weimarer Republik, wohl aber in der Kommunistischen Partei. Dort wollte sie, so noch einmal Dombrowski, „unumschränkt kommandieren“, wollte, über den „Zufälligkeiten des Tages stehend, angebetet werden wie der Dalai Lama“.

Dieses Porträt zeichnete Dombrowski wenige Monate, nachdem Ruth Fischer an die Spitze der KPD gerückt war. Die Herrlichkeit dort währte nicht lange. Schon im September 1925 war sie wieder vorbei. Sie war, wie man ebenfalls in der „Weltbühne“ lesen konnte, „einem von Moskau diktierten Kurswechsel zum Opfer gefallen“. Carl von Ossietzky, von dem diese Einsicht stammte, scheute sich nicht, ein wenig schmeichelhaftes Urteil anzuhängen. Ruth Fischer habe „mit der Sensationsgier“ einer sich in die „Politik verlaufenen Bürgerin“ agiert, schrieb er, sie habe durchaus „Gefühl für Taktik und Intrige“ mitgebracht, überhaupt „so manches, was zum Inventar der Parteiführung“ gehörte. Allein, „das Wichtigste“ sei ihr versagt geblieben: „die Wirkung ins Weite“. Sie habe „niemals überzeugen können“, daß sie auf ihrer Position „notwendig“ gewesen sei: „Gewiß, sie konnte gelehrig wie ein Star das nachplappern, was ihr Meister Sinowjew [der Führer der Kommunistischen Internationale] für Leninismus ausgab. Aber es war immer nur dogmatisches Nachschwatzen von Dogmenkram. Es fehlte das Merkzeichen legitimierender Persönlichkeit.“

An Ruth Fischer schieden sich die Geister. Ihr Talent, zu polarisieren, Weggefährten und Gegner vor den Kopf zu stoßen, schien unerschöpflich. Das hat ihr Tun in starkem Maße bestimmt, war ein Quell heilloser Konflikte und kurzlebiger Triumphe, zahlreicher Verletzungen und Enttäuschungen. Sie war glaubensstark, getragen von unverrückbaren Überzeugungen und Wahrheiten. Das hinderte sie nicht, bisweilen zu schäbigen Winkelzügen zu greifen. Sie konnte, wenn es opportun war, bedenkenlos austeilen, musste freilich ebenso viel einstecken. Mario Keßler schildert sie als Figur der „Extreme, nicht des vermittelnden Denkens“. Genau dies mache sie interessant, argumentiert er, zeige doch ihr „politisches Handeln“, gleichviel welchem ‚Lager’ sie sich gerade zuordnete, „die faszinierenden und verlockenden, die abstoßenden und schockierenden Seiten der im 20. Jahrhundert wirkenden Kräfte“. Das Faszinosum an der causa Fischer sei die Glücksverheißung des Kommunismus, der „Anspruch, eine gerechte Welt zu schaffen“, das Abstoßende die unaufhörliche Deformation der Idee in einer zusehends totalitären Praxis, die im Stalinismus ihre grausigen Schreckenspunkte erreichte.

Schon dies lässt ahnen, dass sich der Ehrgeiz des Autors nicht darauf beschränkt, Ruth Fischers mit Irrungen und Wirrungen prall gefülltes Leben einfach nachzuerzählen. Vielmehr ist er bestrebt, ihren Fall zu einem Fall des ganzen Zeitalters zu machen. Das geht über die üblichen situativen Kontextualisierungen hinaus, wächst sich vielmehr zur „Biographie einer Epoche“ aus. Zuvorderst und hauptsächlich gerät dabei jene Bewegung ins Blickfeld, der die Protagonistin sich anheimgab und die sie mit ihrem Zorn verfolgte, als deutlich wurde, dass sich die Dinge anders entwickelten, als von ihr gewünscht. Ihre Geschichte ist insofern über weite Strecken die Geschichte der Kommunistischen Internationalen und ihrer deutschen Sektion, der KPD. Gleichgültig, ob von innen oder außen agierend: Verstrickt in die dort geführten Debatten über den ‚richtigen‘ Kurs, in die daraus resultierenden Wendungen, Windungen und Bocksprünge war sie allemal. Das hat zur Konsequenz, die Perspektiven, an denen sie sich abarbeitete, mit den ideologischen Gewissheiten und Konfliktfeldern der KPD zu verknüpfen. Entscheidend für deren Kurs war zum einen die „prinzipielle Opposition zur bürgerlichen Gesellschaft“, zum andern die Konkurrenz zur reformistischen Sozialdemokratie, deren Dominanz im Arbeitermilieu sie zwar in Krisenzeiten erschüttern, aber nie beseitigen konnte, schließlich drittens die Machtkämpfe in der Sowjetunion, die den Manövrierraum und die Autonomie der deutschen ‚Bruderpartei‘ je länger desto empfindlicher beeinträchtigten.

Ruth Fischer, 1895 als Elfriede Eisler in Leipzig geboren, war die Tochter des jüdischen Philosophen und Privatgelehrten Rudolf Eisler, verbrachte ihre Jugend zusammen mit ihren jüngeren Brüdern Gerhart und Hanns in Wien, wohin die Familie 1901 übergesiedelt war. Sie machte Abitur, nahm ein Studium auf, ohne es abzuschließen, wurde Mitglied der Sozialdemokratie. Wie für manch andere aus ihrer Generation war der Krieg eine Wegscheide, setzte einen Prozess der Radikalisierung in Gang, der die junge Frau im politischen Spektrum weit nach links trieb. Im November 1918 gehörte sie zu den Mitbegründern der kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs. Um ihren Radius zu erweitern, ging sie im August 1919 nach Berlin, wo sie über eine Scheinehe die deutsche Staatsbürgerschaft erwarb. In der KPD stieg sie rasch auf, wurde zur entschlossenen Exponentin all derer, die dem herrschenden System mit kompromissloser Negation begegneten, sich dabei in uferlosen Wendungen wie dieser versteigend, die sie im Dezember 1919 vor Wiener Genossen zu Gehör brachte: „Wir müssen den Kapitalismus wie ein Tier hetzen“, und zwar so lange, bis er „unter einigen wuchtigen Schlägen machtlos zu Boden fällt“.

Derart autosuggestive Beschwörungsformeln waren fern jeglicher Realität, fern auch einer nüchternen Analyse der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und der darin gegebenen Chancen. Funktionäre, die einen Sinn für pragmatisches Handeln oder doch Reste von Augenmaß bewahrt hatten, stießen bei Ruth Fischer regelmäßig auf taube Ohren und erbitterte Feindschaft. Der Hamburger Aufstand im Herbst 1923, geboren aus Überschätzung, Fehlkalkulation und Kommunikationspannen, geriet zur Niederlage der KPD, aber indem sie an deren Spitze rückte, zum Sieg Ruth Fischers. In ihrer kurzen Amtsperiode trieb sie energisch die Bolschewisierung, will sagen die Unterwerfung der Partei unter die Maximen und Direktiven aus Moskau voran. Zur Seite stand ihr dabei Arkadij Maslow, den sie 1919 in Berlin kennengelernt hatte. Dieser wurde, wie Keßler formuliert, für fast zwei Jahrzehnte der „bestimmende Mann“ in ihrem Leben: Ratgeber, Mitstreiter und Geliebter.

Der Rauswurf, den im August 1926 das Zentralkomitee der KPD verfügte, stempelte beide zu ‚Renegaten‘. Fortan war Ruth Fischer zwar nicht ohne Ambitionen, aber machtpolitisch erledigt. Da sie auf Sinowjew und Trotzki gesetzt hatte, zog deren schwindender Einfluss das Schwinden des ihren nach sich. Stalin, der als Sieger aus den Positionskämpfen der russischen KP hervorging, wurde fortan das Objekt unnachgiebiger Ablehnung. Ruth Fischer wandte sie nicht vom Kommunismus ab, wohl aber wurde sie eine leidenschaftliche Antistalinistin. Alternative Parteigründungen wie der ‚Leninbund‘ blieben allerdings erfolglos. Als 1928 ihr Reichstagsmandat endete, das sie und Maslow ernährt hatte, wurde sie in Berlin Sozialfürsorgerin. Literarische Frucht dieser Tätigkeit war die gemeinsam mit den befreundeten Arzt Franz Heimann 1933 bei Rowohlt publizierte „Deutsche Kinderfibel“, eine Sammlung von Fallstudien, die den Zusammenhang zwischen sozialen Notlagen, Tendenzen gesellschaftlicher Dekomposition und Klassenbewusstsein zu ergründen suchten. Ihr Optimismus ging darüber nicht verloren. Die „Arbeiterklasse allein repräsentiert die Zukunft“, prognostizierte sie am Ende, was im Angesicht der heraufziehenden braunen Diktatur nur noch Phrase war.

Die Eroberung der Macht durch die Nazis zwang Maslow und sie in die Emigration nach Paris. Die Moskauer Schauprozesse gegen die alte bolschewistische Elite bestärkten ihre Gegnerschaft zum System des Stalinismus. 1936 wurden sie dort öffentlich verdächtigt, einen Auftrag zur Ermordung Stalin vergeben zu haben. Das kam einem Todesurteil in Abwesenheit gleich: „Ruth Fischer und Arkadij Maslow waren jetzt vogelfrei“, resümiert Keßler, „zur Jagd durch ihre stalinistischen Todfeinde freigegeben“. Der Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich veranlasste die beiden erneut zur Flucht. Gemeinsam erreichten sie Lissabon. Dort allerdings trennten sich ihre Wege: wie sich zeigen sollte, für immer. Ruth Fischer ergatterte ein Visum für die Vereinigten Staaten, Maslow blieb zunächst zurück, erhielt dann jedoch eine Aufenthaltsgenehmigung für Kuba, wo er im Mai 1941 landete. Ende November, wenige Tage nachdem die Einreise in die USA bewilligt worden war, kam er in Havanna unter mysteriösen, nie aufgeklärten Umständen ums Leben. Er sei auf der Straße tot aufgefunden worden, erfuhr Ruth Fischer am Telefon.

Im Blick auf die Ermordung Trotzkis ein Jahr zuvor lag die Vermutung nahe, dass auch hier die Häscher Stalins am Werk gewesen waren. Es gab Indizien, aber bewiesen werden konnte nichts. Für Ruth Fischer war dies ein Wendepunkt, politisch wie persönlich. Dass sie sowjetische Agenten der Tat verdächtigte, war zu erwarten; nicht ganz so selbstverständlich jedoch war, dass sie auch ihre Brüder mit Beschuldigungen überzog: Hanns Eisler, den Komponisten und kommunistischen Fellow Traveller, vor allem aber Gerhart Eisler, den Funktionär, der im Auftrag der Komintern in den USA arbeitete. Das führte zu lebenslangem Zerwürfnis, wurde vertieft, als sie vor dem Ausschuss für Unamerikanische Tätigkeit gegen ihn aussagte, sich in der Folgezeit von Geheimdienstleuten und Journalen als, wie Keßler das einschlägige Kapitel betitelt, „Kronzeugin der ‚kommunistischen Verschwörung‘“ einspannen ließ. In dieser Rolle profilierte sie sich landauf landab, schrieb, gefördert von der Harvard University Press, ein Buch über „Stalin und den deutschen Kommunismus“, dessen Herrschaft sie als „Übergang zur Konterrevolution“ wertete. Der Tod des Diktators weckte neue Hoffnungen, die sie wesentlich auf die kommunistischen Bewegungen in der „Dritten Welt“ richtete. Diese begleitete sie mit Wohlwollen, dabei, wie der Autor resümiert, vom Antikommunismus allmählich sich lösend. 1956 siedelte sie nach Paris über, wo sie im März 1961 starb.

„Die Nachwelt flocht“ ihr, so Keßler, „keine Kränze“. Sie sei, meinte Sebastian Haffner, „eine von vielen westlichen Kommunisten“ gewesen, die „unter Stalin zu Abtrünnigen wider Willen“ geworden seien: ein Urteil, dem unser Autor beipflichtet. Seine Biografie erzählt die Geschichte einer politisch Gescheiterten, sie ist erschöpfend, facettenreich und eindringlich. Besonderes Interesse verdienen die Passagen über Fischers Aktivitäten in den USA, die sich vielfach auf aussagekräftige Materialien des Nachlasses stützen. Bisweilen tut Keßler des Guten an Fußnoten und Exkursen zu viel, die für sich genommen zwar interessant sind, den Lesefluss aber doch behindern, zumal nicht alles gänzlich neu ist, was da ausgebreitet wird. Merkwürdig berührt der mehrfach auftauchende Neologismus „Herrscherklasse“, was wohl die anscheinend verpönte Rede von der „herrschenden Klasse“ auf unverfängliche Weise ersetzen soll. Tatsächlich ist es ein Unwort. Mario Keßler begegnet seiner Protagonistin mit der professionellen Distanz des Historikers, ein Adorant ist er nicht, seine Sympathien für eine demokratische Variante des Kommunismus verhehlt er jedoch nicht. Da dergleichen nirgendwo realisiert worden ist, öffnet sich hier ein weiter Raum der Imagination. Manch kritischer Seitenhieb trifft die Sozialdemokratie, der an entscheidenden Wegmarken des historischen Prozesses, etwa 1914, 1918 und 1933, Versagen attestiert wird. Darüber ließe sich lange streiten, aber dies zu tun, hieße, ein neues Kapitel in einem andern Buch aufzuschlagen.

Titelbild

Mario Keßler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895-1961).
Böhlau Verlag, Köln 2013.
750760 Seiten, 59,90 EUR.
ISBN-13: 9783412210144

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