Der Nobelpreis für Lyrik

Eine Erwartung

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

Der Nobelpreis für Lyrik wird auch dieses Jahr nicht verliehen. An geeigneten Kandidaten mangelt es nicht, dafür an allem anderen. Der deutsche Buchpreis wird jedes Jahr für den besten Roman ausgelobt. Für das beste Gedicht oder den besten Gedichtband gibt es keine vergleichbar hohe – und vergleichbar hoch dotierte – Auszeichnung, weder national noch international. Das darf man bedauern, wenn man kein Lyrik-Verächter ist. Einstweilen muss man Vorlieb nehmen mit den Nobelpreisträgern, die auch oder vorwiegend Lyriker sind. Und das sind immerhin einige.

Der letzte war, etwas überraschend, Tomas Tranströmer. Man gönnte diesem vom Leben schwer gebeutelten Dichter die Auszeichnung. Aber man konnte sich auch fragen, warum den Preis nicht – zumindest mit ihm zusammen – ein anderer schwedischer Autor erhalten hat, der bekannter und vielseitiger, dabei gleichfalls ein bedeutender Lyriker ist: Lars Gustafsson. So geht es einem mit jeder Entscheidung des Nobelpreiskomitees: Es gibt immer Alternativen, einfach weil die Zahl der auszeichnungswürdigen Autoren so hoch ist.

In den letzten 40 Jahren haben große Lyriker den Preis erhalten: Pablo Neruda, Eugenio Montale, Czesław Miłosz, Joseph Brodsky, Octavio Paz, Derek Walcott, Seamus Heaney, Wiesława Szymborska. Sie alle waren schon vorher anerkannt und hatten ihr Publikum. Manche Preisträger sind aber auch erst durch die hohe Auszeichnung einer größeren Leserschaft außerhalb ihres Heimatlandes bekannt geworden, z.B. Jaroslav Seifert, Vicente Aleixandre oder Odysseas Elytis. Die meisten von ihnen dürften inzwischen aber wieder so bekannt oder unbekannt sein, wie sie es vor der Verleihung des Nobelpreises waren.

Nicht alle ausgezeichneten Lyriker sind als Lyriker ausgezeichnet worden. Boris Pasternak, einer der großen russischen Dichter des 20. Jahrhunderts, hat den Nobelpreis, den er dann nach einer beispiellosen politischen Kampagne in der sowjetischen Öffentlichkeit nicht annehmen durfte, für seinen einzigen Roman „Doktor Schiwago“ erhalten. Auch darüber könnte man streiten. Allerdings besteht der Anhang des Romans aus 25 Gedichten Jurij Schiwagos, der Arzt und Autor ist.

Schwerer als solche Streitfälle wiegen die Versäumnisse. Mario Luzi, Inger Christensen und Ted Hughes sind gestorben, bevor sie den Preis hätten erhalten können – wenn sie Aussichten auf ihn gehabt haben. Viele noch bedeutendere Dichter sind ebenfalls nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden, etwa Rafael Alberti oder Bertolt Brecht, wohl jeweils aus politischen Gründen. Statt Giuseppe Ungaretti wurde der vielleicht nicht ganz so bedeutende und heute außerhalb Italiens vergessene Salvatore Quasimodo ausgezeichnet. Auch für die Nichtberücksichtigung Ungarettis mag es politische Gründe gegeben haben. Das Vorwort zu seinem Gedichtband „Il Porto Sepolto“ schrieb Benito Mussolini, mit dem der Dichter befreundet war. Ähnlich dürfte dem zeitweise hoch gehandelten Ezra Pound das Bekenntnis zum italienischen Faschismus geschadet haben, wobei sein Werk davon mehr gezeichnet ist als das Ungarettis.

Allerdings haben nicht nur ideologisch unumstrittene Autoren den Literaturnobelpreis erhalten. Pablo Neruda ist als bekennender, lange stalintreuer Kommunist erst spät, zwei Jahre vor seinem Tod, nach langen Auseinandersetzungen ausgezeichnet worden, obwohl er ohne Zweifel der wichtigste spanischsprachige Lyriker und der meistgelesene Liebesdichter seiner Zeit war. Von seinen politischen Irrtümern hatte er sich damals längst auch poetisch distanziert.

Und heute? Wenn am lyrischen Stammtisch nach dem möglichen Nobelpreisträger für Lyrik gefragt wird, fallen einige Namen. In der deutschen Literatur reicht keiner an Hans Magnus Enzensberger heran. Doch dass schon wieder ein deutschsprachiger Autor, noch dazu ein so schwer fassbarer intellektueller ausgezeichnet wird, ist unwahrscheinlich. Und Günter Grass, der die aufsehenerregendsten Gedichte der letzten Jahre geschrieben hat, wird dafür den Nobelpreis nicht ein zweites Mal erhalten.

Unter den lebenden amerikanischen Lyrikern ragen John Ashbery und Charles Simic hervor. Allerdings scheinen us-amerikanische Autoren in Stockholm keinen besonders guten Ruf zu genießen. Einen großen Namen bei Kennern der chinesischen Lyrik genießt Bei Dao, der ein Dissident in jedem Sinn ist. Aber auch er dürfte wenig Chancen haben, nachdem sein Landsmann Mo Yan im letzten Jahr ausgezeichnet wurde. Die zeitgenössischen japanischen Dichter wie Kijima Hajime haben international nicht genug Beachtung gefunden. Mircea Dinescu dagegen war, nach dem Sturz Ceauçescus, auch über Rumänien hinaus eine Zeit lang bekannt. Aber das ist schon wieder lange her. Dass diese Namen dem großen Publikum ebenso wenig sagen wie der des von vielen hochgeschätzten Neuseeländers Allen Curnow, muss allerdings nicht viel bedeuten: Unbekanntheit war in Stockholm noch nie ein Ausschlusskrititerium.

Zu denken wäre weiter an eine Reihe inzwischen hochbetagter lyrischer Veteranen, die alle zumindest einmal einen großen Namen hatten. Nicanor Parra, der Erfinder der ‚Antipoesie’, nach Neruda der wichtigste lateinamerikanische Lyriker, soll dem Vernehmen nach noch leben, bald 99 Jahre alt. Manchmal macht der wandlungsfähige und wandlungsfreudige, einst durch seine Lesungen in Stadien populäre Jewgenij Jewtuschenko wieder von sich reden, der inzwischen 80 ist. Schließlich ist auch der 2012 mit dem Premio Reina Sofía für sein Lebenswerk ausgezeichnete 88-jährige Ernesto Cardenal nicht vergessen, der durch sein unglückliches politisches Engagement aber wohl zwischen alle Parteien geraten ist.

Immer wieder fällt, seit ein paar Jahren, der Name Bob Dylan. Doch dieser einst genialische Sänger hat auch als Autor seine beste Zeit längst hinter sich. Er dürfte ebenso wenig in Frage kommen wie ein anderer ungleich frischer wirkender bedeutender Songwriter: Leonard Cohen. Bereits vor einem halben Jahrhundert, noch bevor er als Musiker bekannt wurde, veröffentlichte er Gedichte und Romane, mit denen er sich einen Ruf als Schriftsteller erwarb.

Doch damit genug der Namen – auch wenn mit ihnen keineswegs die Liste der Autoren erschöpft ist, die dieses Jahr den Nobelpreis für Literatur nicht bekommen werden.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zu Signet von Simone Frieling.





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