Ein Ausrufezeichen

Über das von Peggy Piesche herausgegebene Buch „Euer Schweigen schützt Euch nicht“ über die „Schwarze Frauenbewegung in Deutschland“

Von Heinz-Jürgen VoßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heinz-Jürgen Voß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das von Peggy Piesche herausgegebene Buch „Euer Schweigen schützt euch nicht: Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland“ gibt als Hommage an Audre Lorde einen literarischen und inhaltlichen Überblick über die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland. Bereits veröffentlichte und neue, literarische und sachorientierte Texte wurden aufgenommen, um der Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde zu ihrem 20. Todestag zu gedenken und ausgehend von ihrem Wirken in der Bundesrepublik 25 Jahre Schwarze deutsche Frauenbewegung Revue passieren zu lassen – mit Blick auf die veröffentlichten Schriften, die geführten Kämpfe und den Widerstand gegen den rassistischen und teilweise selbst Morde rechtfertigenden Normalzustand in der Bundesrepublik.

Begriffe und Politik: weiß und Schwarz

„Die Großschreibung von Schwarz verweist auf die Strategie der Selbstermächtigung und zeigt das symbolische Kapital des Widerstandes gegen Rassismus an, welches rassistisch markierte Menschen und Kollektive sich gemeinsam erkämpft haben“[1], schreibt die Herausgeberin. Sprache ist ein grundlegender Bestandteil widerständigen Handelns. Bedeutsam ist es daher, dass Selbstorganisationen die Definitionshohheit über die Begriffe haben, mit denen sie sich und ihr Streiten benennen und mit denen sie bezeichnet werden. Hingegen ist es oft so, dass die (ausgrenzende) Mehrheit diese Definitionsmacht verneint und stattdessen selbst beansprucht, wie es in aktuellen Debatten um rassistische Begriffe in Kinderbüchern deutlich wurde. Dass diese Auseinandersetzungen derzeit überhaupt stattfinden, dass also zunehmend Begriffe des deutschen Kolonialismus und Rassismus in der Kritik stehen, ist das Verdienst der politischen Kämpfe, die von People of Color geführt wurden. Piesche schreibt in ihrer Einführung: „Ein kollektives Trauma in Sprache zu fassen, heißt nämlich vor allem, es zu überwinden. Denn Trauma definiert sich auch und vor allem über die Abwesenheit von Sprache. Mit Sprache eine normative Erinnerungskultur anzufechten und ihr etwas fundamentales entgegenzusetzen, was deren Nationalverständnis zutiefst erschüttert, ist, was wir in den Zeugnissen der Schwarzen Frauenbewegung wieder finden können.“

Rassistische Zustände in Deutschland

Erst seit den Kämpfen unter anderem der Schwarzen deutschen Frauenbewegung und weiterer People of Color wird in der Bundesrepublik überhaupt von Rassismus gesprochen. Zuvor – und teilweise noch immer – ist von „Fremdenhass“ oder „Ausländerfeindlichkeit“ die Rede. Damit geht auch eine Bedeutungsverschiebung einher. „Ausländerfeindlichkeit“ erscheint als Problem einer kleinen Minderheit – zum Beispiel Neonazis, Rechtsextremen – zugeschrieben. Der systematische Charakter der Ausgrenzung und Gewalt – der Rassismus – wird geleugnet. So liegt es eben nicht nur an kleinen, hasserfüllten Menschengruppen, dass Menschen in der Bundesrepublik als „fremd“ bezeichnet werden und sie physischer und psychischer Gewalt von weißen Mehrheitsdeutschen ausgesetzt sind, vielmehr geht es bei Rassismus um „die Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht. Entgegen der (bequemen) landläufigen Meinung ist für Rassismus eine ‚Abneigung‘ oder ‚Böswilligkeit‘ gegen Menschen oder Menschengruppen keine Voraussetzung. Rassismus ist keine persönliche oder politische ‚Einstellung‘, sondern ein institutionalisiertes System, in dem soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen für weißen Alleinherrschaftserhalt wirken […].“ (Noah Sow)[2]. Ein Hinweis dafür, wie wirkmächtig Rassismus in der BRD und der DDR waren und in der um die DDR vergrößerten Bundesrepublik sind, ist schon die weitreichende Kolonialgeschichte Deutschlands. Konrad Adenauer, einer derjenigen, die 1922 zur Vereinigung mehrerer Kolonialgesellschaften die „Koloniale Arbeitsgemeinschaft“ gründeten, konnte sogar Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Erst 1974 wurden die verbliebenen zwei Dutzend deutschen Kolonialgesellschaften abgewickelt. Ist im Band die Kolonialgeschichte Deutschlands nicht detailliert nachgezeichnet, sondern wird auf die gründlichen Ausarbeitungen von May Opitz [Ayim] in „Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (Frankfurt/Main 1992) verwiesen, findet sich im Band selbst eine prägnante Darstellung von Gloria Wekker für den Kolonialismus der Niederlande, die klar den Charakter von Kolonialismus und seine Bedeutung für die kapitalistische Wirtschaftsordnung benennt: „Überfliegt man die Geschichte der ‚niederen Lande am Meer‘, so kann man feststellen, dass die sehr unternehmungsfreudige Bevölkerung seit dem 15. Jahrhundert in alle Himmelsrichtungen ausschwärmte, um Absatzgebiete für den Handel ausfindig zu machen, Sklaven aus Westafrika in die Neue Welt zu verschiffen, Reichtümer andernorts zu plündern und davon die Grachtengebäude, die Amsterdam heute noch zieren, bauen zu lassen. Kaffee, Kakao, Gummi, Diamanten, Zucker, Baumwolle, Pfeffer, Holz, Gewürze: Vermögen hat dies alles eingebracht auf den Amsterdamer Märkten. Im 17. Jahrhundert erreichte die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ein Wohlstandsniveau, das es zum reichsten Land der Welt machte und noch heute gehören die Niederlanden zu den reichsten Ländern der Welt. Eine entscheidende Rolle hat dabei die Handelsflotte gespielt. Die Vereinigte Ostindische Kompanie herrschte über die Weltmeere, vom Kap der guten Hoffnung bis nach Japan und ihr Schwesterunternehmen, die Westindische Kompanie, hatte das Sagen über das Gebiet, welches später als ‚The Middle Passage‘ bezeichnet wurde. Die Handelsflotte und die Einwanderer ermächtigten sich im Rahmen der Expansion des niederländischen Reiches der Überseegebiete als billige Produzenten wichtiger Rohstoffe und als Absatzgebiete für in Europa produzierte Waren. […]“.

Deutschland (beziehungsweise zunächst die deutschen Staaten) war eines der Länder, die während der Industrialisierung am meisten von Kolonialismus profitierten. Deutschland beutete selbst Menschen in besetzten Ländern und geografischen Regionen aus und es profitierte – wie kein anderes Land – aus der Einfuhr von Rohprodukten aus den vom übrigen Europa kolonialisierten Ländern. Genau wie von weißen Mehrheitsdeutschen oftmals geleugnet wurde (und wird), dass es Rassismus in Deutschland überhaupt gibt (sondern eben von „Ausländerfeindlichkeit“ gesprochen wird), wurde auch lange Zeit die deutsche Kolonialgeschichte als ‚nicht so bedeutend‘ verniedlicht und gerechtfertigt. Das ganze Gegenteil ist richtig, wie May Opitz [Ayim] in „Farbe bekennen“ herausgearbeitet hat und damit einen zentralen Bestandteil für das weitere Streiten der Frauen legte.

Maisha M. Eggers lässt im Band die Beiträge der Schwarzen deutschen Frauenbewegung Revue passieren, wobei ein weiterer Punkt des Verleugnens durch weiße Personen deutlich wird – auch der Rassismus in der DDR wurde gern verdrängt, weil es in einem sozialistischen Land angeblich so etwas ja gar nicht geben könne. Eggers wendet den Blick auf die Erträge der Arbeiten der Frauen of Color: „Stück für Stück [entsteht] ein Bild Schwarzen Lebens in Deutschland. Das Kolonialerbe Deutschlands wird aus Schwarzen Perspektiven erforscht und theoretisiert. Es entstehen Arbeiten zum Wilhelminischen Imperialismus und zur Situation Schwarzer Menschen in der Weimarer Republik. Es werden Dokumente, Berichte und Forschungsergebnisse zusammengetragen – zum Genozid am Volk der Herero und der Nama, zu deutschen Kolonialverbrechen und zu den Forderungen nach Reparationszahlungen. Arbeiten zu Schwarzen Opfern des Faschismus werden gesammelt, ebenso zur nationalsozialistischen Kolonialpolitik. Lebenszeugnisse und Dokumente werden analysiert und ausgewertet – zur zweiten Nachkriegszeit, zur Situation von Schwarzen Deutschen in Westdeutschland zur Zeit der Besatzung sowie zu Schwarzen Deutschen in der DDR. In Auseinandersetzung mit dem Umgang der DDR mit Schwarzen Menschen erscheinen Arbeiten, in denen die Politik der plakativen Solidarität der realen Segregation gegenübergestellt wird, zur Situation der Schwarzen VertragsarbeiterInnen in der DDR sowie zu den Schwarzen Kindern (Namibia-Kindern) im DDR-Schulsystem.“

Schließlich findet sich im Band ein Beitrag von May Ayim erneut abgedruckt, in dem sie das kollektive Wende-Erinnern der weißen Mehrheitsdeutschen mit ihrer Perspektive kontrastiert: „Zum ersten Mal, seit ich in Berlin lebte, musste ich mich nun beinahe täglich gegen unverblümte Beleidigungen, feindliche Blicke und/oder offen rassistische Diffamierungen zur Wehr setzen. Ich begann wieder, beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln nach den Gesichtern Schwarzer Menschen Ausschau zu halten. Eine Freundin hielt in der S-Bahn ihre Afro-deutsche Tochter auf dem Schoß, als sie zu hören bekam: ‚Solche wie euch brauchen wir jetzt nicht mehr, wir sind hier schon selber mehr als genug!‘ Ein zehnjähriger afrikanischer Junge wurde aus der vollen U-Bahn auf den Bahnsteig hinaus gestoßen, um einem weißen Deutschen Platz zu machen …“. Offensichtlich war sowohl aus Sicht der weißen Mehrheitsdeutschen aus der BRD als auch der DDR klar, wer denn zu ‚Staat‘ und ‚Volk‘ dazugehöre und wer nicht.

Anfang der 1990er-Jahre wurden unter dem Beifall hunderter Schaulustiger und tatenlosen Zusehen der Polizei von Mehrheitsdeutschen regelrechte Pogrome veranstaltet. Häuser und Wohnungen wurden überfallen und angezündet, People of Color wurden brutal überfallen, viele sogar ermordet. Aslan Erkol und Nora Winter geben einen Überblick über die Opfer und Tathintergründe: 183 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt seit 1990. Statt einer Verurteilung dieser Gewalt schlugen sich deutsche Politiker aus CDU/CSU, FDP und selbst der SPD auf die Seite der Mörder und Brandstifter und machten die Opfer der Anschläge als Schuldige aus. Bundesinnenminister Rudolf Seiters erklärte im Zusammenhang mit den Pogromen: „Die Übergriffe haben gezeigt, dass die jetzige Gesetzeslage nicht ausreicht. Dem Hauptproblem, dem unkontrollierbaren Zustrom von Wirtschaftsflüchtlingen vor allem aus Osteuropa, kann nur mit einer Verschärfung des Gesetzes begegnet werden.“[3] Auf dieser Basis wurde das Asylrecht in Deutschland 1993 quasi abgeschafft, indem sich gerade die Bundesrepublik massiv für die so genannte Drittstaaten-Regelung einsetzte. Zum zwanzigsten Jahrestag der faktischen Abschaffung des Asylrechts in diesem Jahr fanden zahlreiche Protestaktionen und antirassistische Wochen statt – organisiert insbesondere von People of Color.

Literarische Würdigung und Fazit

Sind in dieser Besprechung insbesondere die politischen Zusammenhänge und das Streiten von Frauen of Color sowie die Ignoranz weißer WissenschaftlerInnen gegenüber ihren Beiträgen im Blick, so sollte der Band nicht nur in dieser – allerdings wichtigen – politischen Dimension in den Blick genommen werden. Er entsteht erst vollständig durch die Zusammenschau der geschichtlichen und politischen Beiträge, ihrer literarischen Dimension und der in erster Linie literarischen thematischen Beiträge. Audre Lorde und May Ayim sind seit mehreren Jahrzehnten für ihre literarischen Arbeiten weithin bekannt geworden. Sie verbinden eine reiche Sprache mit mal hintergründigem, oft aber offensivem politischem Inhalt. Neben einigen von ihren Beiträgen finden sich weitere lyrische (unter anderem von Ana Herrero Villamor und von Raja Lubinetzki) und prosaische (unter anderem von Nzingha Guy St. Louis) im Band, die zum empathischen Weiterdenken anregen. Und gerade literarische Texte waren und sind es, mit denen „[d]ie Aneignung, Anfechtung und Subversion hierarchisierender Kategorisierungen“ zum Teil schon gelungen ist. „Schwarze weibliche Realitäten und Blickperspektiven“ sind über Texte und Gedichte thematisiert wurden – und werden über sie thematisiert – und tragen damit zum „Bewusstsein Schwarzer Menschen in Deutschland“, zur Veränderung deutscher Sprache bei und zum politischen Handeln bei.

Der Band ist für die bewegenden, die teilweise notwendig verschreckenden literarischen Beiträge und die punktgenauen Sachinformationen zu empfehlen, er ist ein Ausrufungszeichen, das einfordert, dass endlich auch in den wissenschaftlichen Disziplinen und bei emanzipatorischen Weißen die Texte Schwarzer Frauen, von Frauen of Color als fundierte und als wissenschaftliche Beiträge zur Kenntnis genommen werden müssen.

[1]Anmerkung: Detaillierte Quellenangaben der Zitate aus dem besprochenen Buch in der Reihenfolge ihrer Nennung: S. 7 (Text von: Peggy Piesche), S. 12 (Peggy Piesche), S. 142 (Gloria Wekker), S. 91 (Maisha M. Eggers), S. 56 (May Ayim), S. 89 (Maisha M. Eggers)

[2]Noah Sow in: Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alazard [Hg.] 2011, [K]Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache: Ein kritisches Nachschlagwerk, Münster: Unrast Verlag, S. 37.

[3]zit. nach: Simone Fischer 2007: Lesbisch-feministischer Rassismus und Antirassismus in den 90er Jahren. In: Dennert, Gabriele / Leidinger, Christiane / Rauchut, Franziska [Hg.]: In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Berlin: Querverlag, S. 310-316, S. 312.

Titelbild

Peggy Piesche (Hg.): „Euer Schweigen schützt Euch nicht“. Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland.
Orlanda Frauenverlag, Berlin 2012.
240 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-13: 9783936937954

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