Der Autor als erster Zeuge

Johannes Birgfelds kluges Werkstattgespräch mit Michael Kleeberg

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Anfang 1961 ging der Schriftsteller Horst Bienek, Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk, mit einem Tonbandgerät auf Tournee, um die Werkstätten zeitgenössischer Autoren zu inspizieren. Das Projekt, erfolgreich in Zeitschriften und im Rundfunk vermarktet, 1962 als Buch erschienen, hat Schule gemacht. Wie kann man einen Autor origineller kennenlernen als wenn man sich mit ihm über sein Metier unterhält?

Auf vergleichbare Weise ist auch der Band „Michael Kleeberg im Gespräch“ zustande gekommen. Eine Lesung an der Universität des Saarlandes im Zusammenarbeit mit dem Saarländischen Rundfunk zog ein Gespräch mit den Studierenden nach sich. Aus dem Bedürfnis, die Worte des  Autors nicht verhallen zu lassen, ist – unter der Federführung des in Saarbrücken lehrenden Germanisten Johannes Birgfeld – ein sorgsam komponierter Werkstattdialog mit dem 1959 geborenen Michael Kleeberg enstanden. Es geht um das Schreiben, um autobiografische Prägungen, Erfahrungen mit Büchern und dem Literaturbetrieb (etwa in der Klagenfurter Erzählung „Literatur“), um philosophische und poetologische Standortbeschreibungen. Dabei wird zwar der Anschein, dass der Fragende den Autor erzählen lässt, gedämpft. Aber die Substanzsicherheit der Fragen ersetzt meistens die mangelnde Gesprächsspontaneität.

Hervorhebenswert sind Michael Kleebergs Anmerkungen zur Kunst-Theodizee (Wie beschreibt der Autor menschliches Leiden?), seine Erläuterungen zur Entstehung der Romane „Ein Garten im Norden“ (1998) und „Das amerikanische Hospital“ (2010) sowie die Anmerkungen zur schriftstellerischen Entwicklung (über die Eindrücke der frühen Jack London- und Hemingway-Lektüre und die „Kurzgeschichte als Lehrzeit auf dem Weg zum Roman“). Sein von Wieland inspiriertes Romandebüt, „Proteus der Pilger“, erschien 1993 „nach über 20 Absagen aller renommierten deutschen Verlage beim Mitteldeutschen Verlag“. Ein Jahr später las er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und erfand einen Protagonisten, der ihm im „außenseiterischen Blick auf die Literaturszene“ ähnelte – nicht aber in der tragischen Handlungskonsequenz. Das Problem, von dem die 1997 erschienene Erzählung „Literatur“ handelt, kommt aus dem Literaturbetrieb. Warum sind die Medien nicht mehr fähig, zwischen Inszenierung und Ernst von ungewöhnlichen literarischen Ausbruchsversuchen zu unterscheiden? Kleebergs Figur Schrader begibt sich leichtfertig in die Berge und erfriert beinahe, die Medien deuten das als Publicity-Gag und zeichnen den Autor für seine „Fantasie und Anstrengung“ aus.

Michael Kleeberg gibt sich als Autor zu erkennen, der sich nicht auf die Rolle eines aufmerksamen Zeitkommentators beschränkt, sondern Gegenwart sehr weit versteht: als „Zeitraum, den ich vom Hörensagen umfassen kann“. Die Aufgabe des Epikers sieht er in der Suche nach „Gesetzmäßigkeiten im Individuellen“. Was muss der Autor beim Erzählen verändern, um möglich erscheinen zu lassen, dass es das, wovon er erzählt, auch gegeben haben kann: Von dieser Absicht ist Kleebergs Romanschreiben geleitet. Der Gesprächsband ist, wie Birgfeld sympathischerweise schreibt, „kein Königsweg“, sonst wäre die germanistische Forschung ja Rankenwerk, aber doch ein privilegierter Blick auf ein in Thematik wie auch Sprachkunst äußerst anregendes, lesenswertes Werk.

Titelbild

Johannes Birgfeld: Michael Kleeberg im Gespräch.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2013.
150 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783865253385

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