Kollektivsingular und Lebenskunstwerk

Rüdiger Safranskis Goethe-Biographie für unsere Zeit

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als vor 50 Jahren eine Goethe-Biographie erschien, deren Verfasser der heutzutage leider weitgehend vergessene Richard Friedenthal war, schlug über ihm der geballte Zorn deutscher Goethe-Verehrung zusammen. Das sich gebildet dünkende Kleinbürgertum des Landes schäumte vor Wut ob der „verantwortungslosen und zerstörenden Verzerrungen“ ihres Dichters. Jedenfalls erschien 1963 die „schädliche Karikierung“ Goethes im Piper Verlag, nachdem in einer Hamburger Zeitung monatelang ein Vorabdruck zu lesen war, begleitet vom Gejammer der volksaufklärerisch inspirierten Leserbriefschreiber, dass der „vergötterte“ Goethe „auf das Niveau der Reportagen über ehemalige Fürstinnen, Filmstars und Sängerinnen herab“ und in „den Staub gezogen würde.“ Was hatte der Biograph eigentlich getan? Der 1896 in München geborene Richard Friedenthal, 1938 nach England emigriert, hatte in seiner Biographie „Goethe – Sein Leben und seine Zeit“ für einen Teil der Deutschen schlichtweg das gekränkt, was sie ihren Nationalstolz nannten. Und er hatte eine Biographie geschrieben, die zum Bestseller avancierte; sie hatte angelsächsisches Format. Goethe war vom Podest genommen worden, seine Hände wurden unverschämt als Arbeiterhände beschrieben, auch die dunklen Seiten in seinem Leben sparte die Biographie nicht aus. Goethe wurde durch Friedenthal für die junge, nachgewachsene Generation wieder lesbar gemacht, ironisch gebrochen und doch bejaht, der letztlich nicht korrumpierbare Wesenszug des Weimarer Schriftstellers durch die Zeiten hinweg wieder sichtbar und fühlbar.

Von Rüdiger Safranski gibt es eine Reihe von Biographien, über E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller, seine Epochen-Bücher über die Romantik und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, die ihn in die direkte Nachfolge Friedenthals rücken. Auch das große Leserpublikum, das er mit seinen Werken erreicht, lässt Analogien zu. Seine zu Goethes Geburtstag im August erschienen Biographie „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ jedenfalls hat das sehr Unwahrscheinliche bereits jetzt geschafft, dass ein Buch über Goethe zahlreiche Leser findet.

Die Biographie sei, so wird es vom Verlag umschrieben, ein Höhepunkt des biographischen Schaffens von Safranski, der sich dem Höhepunkt der deutschen Literatur, einem „Jahrhundertgenie“ widme. Mit den Forschungen über Goethe lassen sich Bibliotheken füllen, so oft und viel ist über ihn zusammengetragen und geschrieben worden. Es gibt seine Korrespondenz, seine Jahres- und Tageshefte, seine autobiographische Schrift „Dichtung und Wahrheit“, seine Gedichte, Dramen und Romane. Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik-Stiftung mit Sitz in Weimar, zählte einmal auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb, er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern, Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Safranski nähert sich Goethe über die primären Quellen, er will uns einen Goethe „wie zum ersten Mal“ präsentieren, aus seinem literarischen Werk, seinen Briefen, Tagebüchern und Gesprächen und den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen. Wir werden so zu Beobachtern eines Menschen, dessen Lebenszeit vom Rokoko bis zum Maschinenzeitalter des 19. Jahrhunderts reichte. Was Safranski vor allem fasziniert, ist die individuelle Gestaltung dieses Lebens im Gegenzug zur modernen digitalen Vernetzung aller mit allen, die er als „Stunde des Konformismus“ interpretiert. Goethe habe es trotz aller Verbundenheit mit seiner Zeit verstanden, „ein Einzelner zu bleiben“. Hier wird ein Zug Goethes ins Positive gedeutet: Goethe nahm nur das auf, was er produktiv verarbeiten konnte. Alles andere ignorierte er. Das hatte Folgen, für ihn selber wie auch für einige seiner Schriftstellerkollegen, die sich an ihn wandten. Dem Barockdichter Johann Christian Günther, der mit 28 Jahren 1723 verarmt und ausgezehrt in Jena starb, verbaute er mit seinem Richterspruch sogar noch eine postume Karriere in der Literaturgeschichte. Dieser lautete so kurz wie ignorant: „Er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.“ Diesen Spruch haben Generationen von Studienräten und Professoren bis ins 20. Jahrhundert hinein nachgebetet.

Leben und Werk Goethes jedenfalls, der Schriftsteller ebenso wie der „Meister seines Lebens“ machen ihn, so Safranski, für die Nachwelt unerschöpflich. Die Intention des Biographen bestehe vor allem darin, dass die heutige Generation die Chance habe, im Spiegel Goethes sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen. Das Buch Safranskis ist dieser Versuch; es beschreibt einerseits das Leben und Werk eines „Jahrhundertgenies“, andererseits will es „die Grenzen und Möglichkeiten einer Lebenskunst erkunden.“

Schon bei der Schilderung der „schwierigen Geburt“ Goethes verzichtet Safranski wohltuend auf die Zeilen aus Goethes autobiographischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“, in denen schicksalsträchtig vom Schlag der Uhr und der Konstellation der Gestirne die Rede ist. Dies ist eine Ausnahme in der Goethe-Biographik, und der Autor setzt allein damit schon einen eigenen Akzent. Safranski fragt sich, ob es vielleicht Ironie sei, dass Goethe bei der Schilderung der Geburt deren „erfreuliche Folgen für die Allgemeinheit“ erwähnt. Der Großvater und Schultheiß Johann Wolfgang Textor nahm nämlich die „lebensgefährliche Geburt“ zum Anlass, die Geburtshilfe der Stadt Frankfurt zu verbessern, „welches denn“, so Goethe, „manchem der Nachgeborenen mag zu Gute gekommen sein.“

Der heranwachsende Goethe wurde von Hauslehrern erzogen, studierte in Leipzig und Straßburg, ohne Promotion, und wurde, wie sein Vater, Jurist. Eine Reise führte Goethe 1770 nach Sesenheim, wo er Friederike Brion kennenlernte. Er schildert in „Dichtung und Wahrheit“ diese Zeit als eine Idylle, die so idyllisch allerdings nicht war. Sie fand ein jähes Ende. Goethe verließ Friederike. Über das Ende der Beziehung bemerkt er lakonisch: „Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist.“ Hier ist sie spürbar, die Kälte Goethes, die aus seiner Autobiographie zuweilen tritt, trotz aller Versuche der Harmonisierung und Glätte, ein Wesenszug, der vielen, die ihn kannten, nicht verborgen blieb. Zu seinen Gunsten muss hinzugefügt werden, dass er später auch bekannte, an Friederike schuldig geworden zu sein. In die Straßburger Zeit fiel seine Freundschaft mit Lenz, die andauerte, er ließ ihn sogar nach Weimar kommen, wo er ihn allerdings nach einem peinlichen Zwischenfall polizeilich ausweisen ließ. Goethe hat sich für das weitere Schicksal von Lenz nicht interessiert.

Das Schauspiel „Götz von Berlichingen“ machte Goethe in Deutschland berühmt, der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde in Europa zum Bestseller. Napoleon behauptete bei einem Treffen mit Goethe im Jahre 1808 in Erfurt, er habe diesen Roman sieben Mal gelesen. Noch in Frankfurt begann er sein „Faust“-Projekt, bis er, des genialischen Treibens der Stürmer und Dränger und des literarischen Lebens überdrüssig, einen radikalen Schritt vollzog, als er 1775 in das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar ging, wo er es, als Favorit und Freund des Herzogs, zum Minister brachte. Er hatte die Pyramide seines Daseins zugespitzt, zumindest, was die eine Seite des praktischen Lebens betraf. Er betrieb Naturforschungen, aber sein Beruf engte ihn ein und er floh nach Italien, der Herzog bezahlte sein Gehalt großzügig weiter. Nach der Rückkehr lernte er zum Verdruss der ohnehin verärgerten Charlotte von Stein ein Blumenmädchen namens Christiane Vulpius kennen und lebte mit ihr in wilder Ehe zusammen. Es kommt schließlich zu einer Freundschaft mit Friedrich Schiller, das „glückliche Ereignis“ werden sie es nennen. Safranski hat schon in seinen vorausgegangenen Büchern darauf aufmerksam gemacht, wie die beiden unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungskonzepte Goethes und Schillers nun ineinandergriffen und in einen gemeinsamen Feldzug gegen den damaligen Literaturbetrieb mündeten, und wie stark sich die beiden Autoren gegenseitig in ihren literarischen Arbeiten bis zum Tode Schillers 1805 beeinflussten und unterstützten. In diesem Zusammenhang muss auf ein Buch aufmerksam gemacht werden, das leider nicht zu einer breiteren Rezeption geführt hat, obwohl die Autorin Katharina Mommsen heißt. Die Germanistin, die zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zu Goethe und Goethes Werk und seinem Verhältnis zur islamischen Welt, aber auch zur Lebenskunst Goethes vorgelegt hat, schreibt in ihrem 2010 erschienen Buch „Kein Rettungsmittel als die Liebe – Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtung“, dass die meisten Biographen in Goethes und Schillers Verbindung lediglich ein bloßes Zweckbündnis sehen und ihren Fokus eher auf die „gemeinsame Lebensarbeit“ richten. Mommsen deckt eine ganz andere, bislang verborgene Dimension des Dichterbundes auf: In vielen Liebesgedichten der beiden und in „chiffrierten Zeugnissen“ sei ein „geheimer Dialog“ zu entdecken, der den „innersten Grund“ ihrer Partnerschaft offenbare. Katharina Mommsen beschreibt die Geburt der Weimarer Klassik aus dem Geist des platonischen Eros. Leider ist in der Biographie Safranskis auf diese These der großen Goethe-Forscherin kein Bezug genommen worden.

Goethe arbeitete an seinem literarischen Werk, machte Politik und pflegte Umgang mit Wissenschaftlern und Künstlern. Er wurde zu einer Instanz, zu einem lebenden Denkmal. Er betrachtete sich selbst als ein historisches Sujet, schrieb, so Safranski, neben Augustins „Confessiones“ und Rousseaus „Confessions“ die „für das alte Europa wohl bedeutendste Autobiographie, „Dichtung und  Wahrheit“. Das Würdevolle und Steife seines Lebens werde mit dem Alterswerk „Faust“ auffällig kontrastiert, in dem „er sich … auch als kühner und sardonischer Mephisto, der alle Konventionen sprengt“, zeige.

Safranski betont, dass Goethe stets der Unterschied zwischen literarischen Werken einerseits und dem zu führenden Leben andererseits bewusst gewesen sei. Aber auch seinem Leben wollte er den Charakter eines Kunstwerks geben: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Die eine Seite bilden die Werke, die andere Seite kommt in der Aufmerksamkeit zum Vorschein, die er der Natur und der Welt widmete. Er glaubte, dass die Aufmerksamkeit, die „zarte Empirie“, ausreiche, das Wichtige und Wahre zu erkennen, so Safranski. Andere waren ihm egal, sie kamen nicht in Betracht, was ihn störte, wurde missachtet. Davon konnten sie alle ein Lied singen: Lenz, Jean Paul, Kleist und Hölderlin. Der arme Hölderlin. An seine resignierten Worte aus Weimar „Sie können mich nicht gebrauchen“ darf in diesem Zusammenhang erinnert werden. Goethe hat nichts hintertrieben, er hat sich einfach nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Vielleicht hatte er sein „Heideröslein“ im Sinn. Safranski beschäftigt sich nicht weiter mit Hölderlin, erwähnt, dass Hölderlin Goethe während eines Besuchs bei Schiller nicht erkannt habe, eine Todsünde. Hölderlin versuchte, den Fehler wiedergutzumachen. Vergebens. Götter und Kunstwerke missachtet man nicht.

Goethe, so Safranski, war ein Sammler. Er fragte sich stets bei persönlichen Gesprächen und Begegnungen, ob sie ihn, so sein Lieblingsausdruck, „gefördert“ hätten. Ein Augenblick galt als gerettet, wenn er in eine Form gebracht werden konnte, schreibt der Biograph und erzählt die Episode, wie Goethe ein halbes Jahr vor seinem Tode „noch einmal auf den Kickelhahn“ kletterte, „um jenes Gekritzel von einst an der Innenwand der Jägerhütte zu lesen: ‚Über allen Gipfeln ist Ruh.’“

Safranski hat eine Biographie geschrieben, die Goethes Leben und Werk als ein Gesamtkunstwerk erscheinen lässt, von dem auch wir etwas über uns selbst lernen können, wenn wir es denn wollen. Wenn der alte Goethe von der Kollektivität seines Ichs spricht, dann findet darin keineswegs ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, kein Narzissmus seinen Ausdruck, sondern eher artikulieren sich hier am Ende eines lange Lebens Demut und Bescheidenheit, die so gar nicht zu einer Deutung Goethes als Gesamtkunstwerk zu passen scheinen. Am 17. Februar 1832, ein Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch zu Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht? … Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Hinweis zu erwähnter Literatur:

Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen.
Wallstein Verlag, Göttingen 2010.
Wolfgang Holler (Hg.): Lebensfluten – Tatensturm. Begleitbuch.

Klassik Stiftung Weimar, Weimar 2012.

Titelbild

Rüdiger Safranski: Goethe - Kunstwerk des Lebens. Biografie.
Carl Hanser Verlag, München 2013.
748 Seiten, 27,90 EUR.
ISBN-13: 9783446235816

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