Zwischen Autopsie und Reanimation

Die Interferenzen von Theorie und Literatur seit der Postmoderne sind Thema eines von Klaus Birnstiel und Erik Schilling herausgegebenen Aufsatzbandes

Von Svenja Frank

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Postmoderne zu historisieren, so das viel beschworene Dilemma, widerspricht ihren eigenen Voraussetzungen. Demgegenüber steht sowohl eine wachsende Zahl von Epochendarstellungen, die überdies interne Phasen bestimmen, als auch der wiederholte Ausruf, die Postmoderne habe ihr Ende erreicht. Diese Historisierung zeigt lediglich, dass Theoreme, die einer literarischen Strömung zu Grunde liegen, nicht zwangsläufig den methodologischen Zugriff ihrer literarhistorischen Verortung vorgeben. Der Widerspruch zwischen der Beobachtung ästhetischer und thematischer Verschiebungen, die sich nur schwerlich mit den bisherigen Begriffen postmodernen Schreibens vereinbaren lassen auf der einen Seite und der Zurückhaltung, diese Verschiebungen auch terminologisch als Epochengrenze zu markieren auf der anderen Seite, zeigt jedoch, dass man sich der Konstruiertheit solcher Geschichtsschreibungen in Bezug auf diesen Gegenstand in erhöhtem Maße bewusst ist.

Zentrale Begriffsbildungen, welche die Gegenwartsliteratur deutlicher von der Postmoderne abgrenzen, kamen bisher mit der scheinbar tautologischen „Post-postmoderne“ vorwiegend aus der Amerikanistik beziehungsweise mit der „Transmoderne“ aus der Slawistik. Gemein ist den unter diesen Begriffen gefassten Tendenzen, dass sie die postmodernen Dekonstruktionen – etwa des Subjekts, der Realität und der Erkenntnis – überwinden, indem sie ihnen im Bewusstsein um deren Fiktionscharakter performative Rekonstruktionen entgegensetzen.

Solche Paradigmenwechsel schreibt der kürzlich von Klaus Birnstiel und Erik Schilling herausgegebene Aufsatzband „Literatur und Theorie seit der Postmoderne“ allerdings nicht fort. Die beiden jungen Germanisten, die sich bereits in ihren Dissertationen und in weiteren Publikationen mit den zentralen Fragen des Bandes nach theoretischen Bezügen in der Literatur und der ästhetischen Bestimmungen seit der Postmoderne befasst haben, gehen stattdessen von Hans Ulrich Gumbrechts Konzept einer breiten Gegenwart der Simultaneitäten („Unsere breite Gegenwart“, 2010) aus.

Statt ästhetischer und theoretischer Umbrüche von der Postmoderne hin zur Literatur der Gegenwart, betont der Band daher vielmehr die Interferenz von Literatur und Theorie als ein Kontinuum, das sich von den Gründungstexten der Postmoderne bis zu Romanen aus dem vergangenen Jahr erstreckt. Die beiden titelgebenden Themenfelder werden dabei keinesfalls additiv verstanden, sondern die Einzelbeiträge fragen ohne Ausnahme nach dem Verhältnis von Literatur und Theorie in den untersuchten Texten, was zu einer bemerkenswert kohärenten Gesamtanlage führt. In drei Sektionen widmet sich der Band erstens der Affinität von Theoriediskurs und literarischem Schreiben, zweitens der Theorieinformiertheit fiktionaler Texte und drittens repräsentativen Erzählformen. Voraus gehen den Sektionen jeweils eine konzise Einleitung der Herausgeber, die an die Methodenreflexion der Gegenwartsliteraturforschung anschließt, wie sie zuletzt in Sammelbänden wie jenen von Paul Brodowsky und Thomas Klupp („Wie über Gegenwart sprechen?“, 2010) sowie von Maik Bierwirth, Anja Johannsen und Mirna Zeman („Doing Contemporary Literature. Praktiken. Wertungen, Automatismen“, 2012) geführt wurde.

Die einzelnen Beiträge jedoch konzentrieren sich auf die Textanalyse. Die Entscheidung, sich auf theoretische Texte und Erzählliteratur zu beschränken, korrespondiert mit den vorwiegend diskursiven, nicht ästhetischen Fragestellungen des Bandes, fokussiert den Blick und setzt zugleich den derzeit vermehrt zu beobachtenden Gegentrend zur Interdisziplinarität fort. Die Beiträge stammen denn auch aus den entsprechenden Philologien – der Amerikanistik, Anglistik, Germanistik und der Romanistik, sowie aus der Philosophie.

Bestimmt Gumbrechts Zeitverständnis den literaturhistorischen Grundton des Bandes, so eröffnet die wissenschaftstheoretische Darstellung des Tübinger Doktoranden Tom Poljanšek mit ihrer Leitthese von der inhärenten und notwendigen Nähe von Literatur und Theorie paradigmatisch das Thema. Literatur als etablierter modus operandi für die Beschreibung von Vagheiten, solle der Theorie, die sich im Bereich der Geisteswissenschaften fortwährend mit nicht eindeutig Bestimmbarem konfrontiert sieht, als Modell dienen. Wie Reflexion im theoretischen und literarischen Schreiben zusammenfließt, exemplifizieren die darauffolgenden Beiträge. Am deutlichsten wird dies bei Erik Schilling, der zeigt, dass die fiktionalen Erzähltexte und die semiotischen Schriften Umberto Ecos affine und komplementäre Weltzugänge darstellen, deren Verhältnis sich nicht in linearen Einflussrichtungen fassen lässt.

In der zweiten Sektion wird mit der theorieinformierten Metaisieurung literarischer Texte ein zentrales Charakteristikum der Epoche seit der Postmoderne Gegenstand der Untersuchung. Sonja Arnold arbeitet anhand dreier Beispiele stringent Selbstreflexivität als Merkmal der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur im Umgang mit dem faktisch Vergangenen heraus und damit eine ästhetische Transformation von Theorie im literarischen Text. Matthias Schreiner diagnostiziert seinerseits in den literarischen Psychopathografien Susan Sontags und Julia Kristevas eine Postmoderne-Kritik, wobei jedoch unklar bleibt, inwiefern seine These tatsächlich der gender-Problematisierung bedurft hat. Zwei weitere Untersuchungen gehen entscheidend über solche Fallstudien hinaus: Klaus Birnstiel führt theorieaffine Tendenzen in der Gegenwartsprosa unter anderem auf das narrative Potential von Theorie und ihrer Neigung zur Selbstästhetisierung zurück und zeigt exemplarisch anhand der Analogie von Text und Subjekt im Schreiben Thomas Meineckes, wie Theoreme des Poststrukturalismus in Literatur überführt werden. Der Marburger Germanist Jan Süselbeck greift literaturtheoretisch mit den Plagiatsvorwürfen der jüngsten deutschen Literaturgeschichte ein Thema auf, das den theoretischen Voraussetzungen der Postmoderne wie der Dekonstruktion des schöpferisch tätigen Individuums scheinbar zuwider läuft. In seinem Ansatz gelingt es ihm, die poststrukturalistischen Prämissen mit jüngeren Positionen, die eine performative Rückkehr von Autorschaft konstatieren, zu vereinen, indem er für eine Anerkennung der Kopie als Kulturtechnik unserer Zeit plädiert.

Dem Desiderat der Forschung entsprechend richten die formalästhetischen Einzeluntersuchungen in der dritten Sektion den Blick beinahe ausschließlich auf Erzähltexte der letzten zehn Jahre. Einige Beiträge unternehmen hier nun auch den Versuch, jüngste Erzählformen aufgrund ihrer veränderten Funktion für den Text deutlicher von den postmodernen Beispielen abzugrenzen. So zeigt etwa Alexandra Tischels germanistische Perspektive schlüssig, wie sich intertextuelle Verweissysteme als charakteristisches Merkmal postmodernen Schreibens einerseits zwar in ironischer Überspitzung fortsetzen, sie jedoch zugleich Funktionen einnehmen, die einen Rückgriff auf die existenziellen Themen der Moderne suggerieren. Diesen Simultaneitäten setzt der Anglist Wolfgang Funk einen Paradigmenwechsel entgegen, demzufolge die Rekonstruktion der Handlungsebene im englischsprachigen Gegenwartsroman verstärkt dem Leser obliege. Für Leser, die nicht mit dem beispielgebenden Werk Julian Barnes’ vertraut sind und um dessen narrative Linearität wissen, hätte jedoch deutlicher herausgearbeitet werden müssen, wie sich der beschriebene Rezeptionsprozess der Handlungsrekonstruktion von den Herausforderungen heterogener Postmoderne-Romane, man denke etwa an Thomas Pynchons „V“, unterscheidet.

Die Einzelstudien basieren zwar meist auf dem Vergleich zweier Textbeispiele und hätten mit umfassenderen Korpora noch überzeugender Tendenzen der jüngsten Erzählliteratur darlegen können, in der Zusammenschau jedoch ergeben sich wertvolle Einsichten: Im Unterschied zu den bisher konstatierten Charakteristika der Postmoderne scheint sich die gegenwärtige westeuropäische und US-amerikanische Literaturlandschaft verstärkt durch Essentialisierung, ethische Dimensionen, Authentizitätserfahrungen und Rekonstruktionen von Identität und Geschichte innerhalb einer markierten Fiktionalisierung. Somit leistet der Aufsatzband einen unverzichtbaren Beitrag zur literarhistorischen Beschreibung der Gegenwart, ein Ergebnis, das die Herausgeber zur Orientierung wohl noch entschiedener hervorheben hätten dürfen.

Dieses Offenhalten des literaturgeschichtlichen Horizonts und das Nebeneinander überaus reichhaltiger Einzelanalysen entsprechen jedoch dem Zeitverständnis einer sich ausdehnenden Gegenwart, das dem Band zugrunde liegt. Damit zeigt sich zudem, dass sich die argumentative Stringenz der Beiträge auch auf die Gesamtkonzeption erstreckt. Sowohl die Einleitungen als auch die Textanalysen greifen zentrale Aspekte des Theoriediskurses und des narrativen Schreibens auf und beleuchten ihre vielseitigen Wechselbeziehungen. Insbesondere die Sektionseinführungen thematisieren umfassend und auf hohem Reflexionsniveau methodologische Probleme und deren Lösungsvorschläge. So werden zum Beispiel zurecht die Herausforderungen diskutiert, vor die eine theoretisch avancierte Literatur die Literaturtheorie stellt, will man nicht das Instrumentarium heranziehen, das im Text selbst verhandelt wird: Eine Einsicht, die noch immer nicht ausreichend berücksichtigt wird. Dass der Band, statt in die oftmals idiosynkratische Terminologie seines Gegenstandes zu verfallen, ausnahmslos mit präzise definierten Begriffen operiert und von einer bestechenden stilistischen Klarheit geprägt ist, macht ihn auch für interessierte Studierende zugänglich und wird seinen Einfluss noch befördern: den Einfluss auf die Diskussion der Fragen, ob die Postmoderne im Sinne einer sich ausdehnenden Gegenwart noch andauert oder aber zu Ende geht, was danach kommt und wie die Abgrenzung dessen auch die Bestimmung der Postmoderne verändert.

Titelbild

Klaus Birnstiel / Erik Schilling (Hg.): Literatur und Theorie seit der Postmoderne.
Hirzel Verlag, Stuttgart 2012.
235 Seiten, 44,00 EUR.
ISBN-13: 9783777622590

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