Als der Raum immer enger wurde

Ulrike Jureit rekonstruiert die katastrophale Beziehung von „Territorium“ und „Lebensraum“ zwischen Kaiserreich und Holocaust

Von Jens PriwitzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Priwitzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als im 19. Jahrhundert die Europäer Afrika unter sich aufteilten, nahmen sie nicht einfach nur fremde Länder in Besitz. Sie ordneten einen ganzen Kontinent von Grund auf neu, zogen Grenzen, wo vorher keine waren und etablierten eine Herrschaftspraxis, die in dieser Form in weiten Teilen unbekannt war. Die europäische Territorialordnung zu exportieren erwies sich als schwieriges Unterfangen. Grenzkommissionen tagten jahrzehntelang, und eskalierende Streitigkeiten mussten von einem Schiedsgericht beigelegt werden, weil die in den Verträgen formulierten Markierungen vor Ort unauffindbar waren. Berge entpuppten sich als sanfte Hügel, für die nicht einmal die Einheimischen einen eigenen Namen hatten, und Wasserfälle wanderten je nach Jahreszeit von Norden nach Süden und umgekehrt.

Zwar scheiterte die koloniale Landnahme, zumindest für das Deutsche Kaiserreich, das kaum in der Lage war, den zu kolonisierenden Raum umfassend zu erschließen. Doch zeigen sich die Spuren bis in die Grenzziehung heutiger Staaten. Zugleich erzeugte die territoriale Aneignung ein Bild, das wirkmächtiger kaum sein konnte: die Vorstellung, dass es einen leeren Raum gebe, der sich rechtlich und symbolisch in Besitz nehmen und erschließen ließe. Dieser Fiktion und ihren verheerenden Folgen spürt Ulrike Jureit in ihrer überaus klugen Studie „Das Ordnen von Räumen. Territorium und Lebensraum im 19. und 20. Jahrhundert“ nach.

Friedrich Ratzel und die Biologisierung der Geographie

Territorium und Lebensraum – diese beiden Begriffe standen seit Mitte des 19. Jahrhunderts in einem engen Zusammenhang. Heutzutage wird der zweite Begriff vor allem mit der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik assoziiert – mit der „Eroberung von Lebensraum“, wie das gängige Schlagwort dafür lautete. Jureit, Historikerin und Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung, schlägt einen weiten Bogen zurück. Denn wie sich zeigt, lässt sich das Verständnis von „Lebensraum“ nicht direkt als Kontinuitätslinie von den kolonialen Eroberungen gerade zum Nationalsozialismus ziehen.

Mindestens genauso wirkmächtig erwiesen sich die Brüche in den räumlich-politischen Ordnungsentwürfen der Zeit. Diese lassen sich zunächst auch als Reflex auf bestimmte Erfahrungen in der Moderne lesen. Auf der einen Seite resultierte nämlich die Verbindung von Territorium und Lebensraum aus der Veränderung politischer Territorialitätskonzepte, die mit der Etablierung von Nationalstaaten nun Staat und Raum unauflöslich miteinander verknüpften. Zugleich wurden mehrere Erfahrungen immer spürbarer: der weltweite Verkehr von Gütern, Menschen und Ideen ließ die Erde immer kleiner werden und erzeugte das Bild einer globalen Einheit. Dazu kam, dass die fortschreitende Technisierung eine Beschleunigung aller Lebensprozesse bewirkte, die mit einer räumlichen Verdichtung korrespondierte.

In ihrem Buch zeigt nun Jureit, dass dieses Gefühl, durch eine steigende Weltbevölkerung nicht mehr genügend Raum zum Leben zu haben, der wissenschaftlichen und politischen Konturierung des Lebensraum-Begriffes zugrunde lag. Nicht nur das war ein Beweggrund für das Kaiserreich, Kolonien zu erwerben, sondern es wurde auch zur Begründungsformel imperialer Herrschaft und jeglicher Territorialordnung. Im „Lebensraum“ verschmolzen geografische, politische und biologische Aspekte, die den Staat zum Organismus erklärten, der mit seinen Konkurrenten einen „Kampf um Raum“ führte. Zum Stichwortgeber avancierte schnell der Geograf Friedrich Ratzel. Seine Forschungen über die gesetzmäßigen Beziehung von Mensch und Raum wurden weit rezipiert, wenngleich weniger seine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern vielmehr seine explizit „Politische Geographie“ als Anleitung zur Raumaneignung Karriere machte.

In drei Fallstudien zeichnet die Autorin die Wandlungen des „Lebensraumes“ nach. Sie beginnt bei der Vorstellung des „leeren Raumes“, in der koloniale Imaginationen und die Praxis von Grenzkommissionen in den afrikanischen Kolonien des Kaiserreichs zusammentreffen. Weiter führt der Weg über die deutschen Entwürfe zur territorialen Ordnung, mit denen „Deutscher Raum“ nach dem Versailler Friedensvertrag von 1918 (wieder-) hergestellt werden sollte. Schließlich widmet sich Jureit den brutalen Territorialisierungspraktiken der Nationalsozialisten, die den eroberten Raum im Osten „leeren“ wollten, um ihn dann von Grund auf neu zu germanisieren.

Der Studie kommt es dabei sehr zu gute, dass sie nicht einfach nur Vorstellungen über territoriale Ordnungen reproduziert beziehungsweise das nation-building des Deutschen Reiches schon teleologisch auf die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges zusteuern lässt. Denn wie Jureit plausibel argumentiert, erlaubt die semantische Vielschichtigkeit von „Lebensraum“ zu Zeiten des Kaiserreiches und der Weimarer Republik nicht von vornherein eine nahtlose Kontinuitätslinie zu Hitlers oder Himmlers völkischen beziehungsweise rassebiologischen Vorstellungen über „deutschen Lebensraum“ im Osten. Ähnlichkeiten zwischen deutscher Kolonialherrschaft in Ostafrika und nationalsozialistischer Eroberungspolitik in Osteuropa lassen sich nicht einfach über einen kausalen Nexus übereinander blenden.

Von der Ordnung des Raumes zum Ordnen von Räumen

Dabei stellt die Autorin personelle oder institutionelle Kontinuitäten gar nicht in Abrede, doch die Praktiken im Umgang mit dem Raum erlauben einen differenzierteren Blick: Während die nationalsozialistische Eroberung im Osten die totale Zerstörung und Neugliederung eines als existenziell empfundenen Raumes bedeutete, war das Ziel kolonialer Herrschaft eben nicht, eine rassische beziehungsweise völkische Homogenität herzustellen, sondern die wirtschaftliche und politische Superiorität. Diese genauen Beobachtungen im Detail korrespondieren mit einer Fülle von Archivmaterial, das einen tieferen Einblick in die Aneignung von Räumen ermöglicht. Somit wird auch verständlich, warum Jureit ihre Untersuchung nicht die „Ordnung des Raumes“, sondern das „Ordnen von Räumen“ betitelt hat.

Denn Konzeptionen, die eine bestimmte Ordnungsvorstellung vom Raum schon immer implizieren, erweisen sich nur als eine Seite der Geschichte. Die andere – und viel spannendere – Seite der Geschichte sind „die unterschiedlichen Formen der administrativen, ökonomischen, institutionellen wie auch infrastrukturellen Raumaneignung“. Diese „inneren oder äußeren Landnahmen“, ob nun in Deutsch-Südwestafrika, in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg oder den Ostgebieten, die Hitler und Stalin unter sich aufteilten, waren immer komplexe Prozesse. Jureits Studie stellt überaus überzeugend heraus, wie konzeptionelle Raumvorstellungen mehr oder weniger bewusst handlungsleitend sein konnten. Doch zugleich lassen sich ein Vielzahl von Aneignungen, Umformungen und Konkretisierungen identifizieren, die alle Zwischenschritte beeinflussten, bis schließlich eine vertraglich vereinbarte Grenze gezogen werden konnte.

Als wirkmächtig in diesen Prozessen erwies sich die Kartografie. Weniger ein reines Abbildungsmedium stellt sie Räume entsprechend von Interessen her. Jureit analysiert eine Vielzahl von Beispielen (die dem Buch als schön gestaltetes Heft im Vier-Farben-Druck beigegeben sind), bei denen Karten und kartografische Darstellungen bei der Konstitution von Räumen und dem „Kampf um Raum“ eine wichtige, wenn nicht die zentrale Rolle spielte. Erhellend ist beispielsweise die Passage über die Gebietszuteilungen während der Versailler Friedensvertragsverhandlungen. Die Vertreter des besiegten Kaiserreiches unterlagen in den Diskussionen über die Aufteilung Oberschlesiens zwischen Deutschland und Polen nicht nur, weil sie das vom US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson ins Spiel gebrachte „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ missverstanden. Sondern auch, weil sie dem visuell überzeugenden Kartenmaterial der polnischen Delegation nichts gleichwertiges entgegensetzen konnten.

Die Langlebigkeit eines Begriffes und die Macht der Fiktion

Jureits Studie funktioniert hervorragend als Einführung in die komplexe Geschichte des Begriffes „Lebensraumes“ und den damit verbundenen Eroberungsphantasien. Durch den Dreischritt Kaiserreich – Weimarer Republik – Nationalsozialismus vermeidet sie, in der kolonialen Eroberung nur die Vorgeschichte der NS-Vertreibungs- und Ausrottungspolitik zu sehen. Stattdessen werden Modifikationen, Umdeutungen und Veränderungen sichtbar, mit denen „Lebensraum“ zunehmend stärker rassebiologisch und völkisch ausbuchstabiert werden. Dadurch kann Jureit auch klar die Unterschiede zwischen kolonialen und nationalsozialistischen Raumkonzepten bringen, die sie auf die prägnante Formel vom „leeren“ und „geleerten Raum“ bringt.

Darüber hinaus zeigt sich bei dieser Arbeit der Vorteil einer raumtheoretisch operierenden Geschichtswissenschaft, die nicht bei Konzeptionen und Proklamationen stehen bleibt. Denn der überaus anregende Hauptteil von Jureits Studie liegt in der Rekonstruktion der Bedeutungen, der Vorstellungen, aber vor allem in den Praktiken, die den Raum ordnen. Die Fallbeispiele demonstrieren, wie Menschen sich Räume zu eigen machen und diese dabei formen. In der Zusammenführung von Theorie, Akteursperspektive und Handlungen lassen sich somit sowohl die Zwänge als auch die jeweiligen Spielräume klar konturieren.

Was ins Auge fällt, ist nicht nur die Langlebigkeit bestimmter Begriffe, wenngleich spätere Generationen etwas ganz anderes darunter verstehen können. Sondern auch die Macht der Fiktion, wenn sie sich erst einmal in den Köpfen der Zeitgenossen festgesetzt hat, und die großen Schwierigkeiten, Begriffe in konkrete Handlungen zu übersetzen. Auf diese Weise vermag Jureit spannend und überaus informativ die unheilvolle Geschichte eines umstrittenen Begriffes und die damit verbundenen Planungs- und Ordnungspraktiken nachzuzeichnen.

Titelbild

Ulrike Jureit: Das Ordnen von Räumen. Territorium und Lebensraum im 19. und 20. Jahrhundert.
Hamburger Edition, Hamburg 2012.
444 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783868542486

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