Die käufliche Gesellschaft

Debra Satz über Waren, Werte und die Macht der Märkte

Von Alexandra HildebrandtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Hildebrandt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Autos, Organe und Medikamente, Drogen, Waffen, Wählerstimmen, Finanzderivate und Sex können auf Märkten gekauft werden. Das hat Auswirkungen auf die Bedingungen und Wertvorstellungen einer demokratischen Gesellschaft. Den Schlüssel zur normativen Bewertung von Märkten findet die US-amerikanische Philosophin Debra Satz in der Idee der demokratischen Gleichheit. Ihr Anliegen ist es, die eindimensionale Sichtweise von Märkten, die sich in der Regel auf das Kriterium der Effizienz konzentrieren, in Frage zu stellen.

In ihrem nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch „Von Waren und Werten“ beschreibt sie Märkte als Institutionen, die genauso viele politische und moralische Fragen aufwerfen wie ökonomische. So wie die Ameisen in einer Kolonie haben die in einem Markt kooperierenden Individuen „keine Diktatoren, keine Generäle, keine bösen Drahtzieher. In Wirklichkeit gibt es gar keine Form von Anführer.“ Die Marktteilnehmer sind nicht verpflichtet, Anweisungen zum Kaufen und Verkauf zu befolgen. Aus „millionenfachen unabhängigen Einzelentscheidungen“ entsteht eine Marktordnung, „auch wenn solche Entscheidungen von einer Reihe staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen getragen werden.“ Die unsichtbare Hand des Marktes „waltet nicht ohne fremde Hilfe“: Märkte sind auf bestehende Eigentumsrechte, Informationen und nichtmarktwirtschaftlichen Institutionen (Gerichte, Aufsichtsbehörden und Schulen) angewiesen – ebenso auf soziales Vertrauen und andere Motive, die über Eigennutz im engen Sinne hinausgehen. Dargestellt wird auch die Gegenthese: Märkte können Eigentumsrechte, Informationen und nichtmarktwirtschaftliche Institutionen beeinflussen.

Für den Umgang mit Märkten sind die Rahmenbedingungen relevant, denn ein Verbot ist nicht immer die nachhaltigste Lösung. Vielmehr plädiert Satz dafür, nach der Wirkung eines strikt durchgesetzten Verbots von Kinderarbeit oder von Prostitution zu fragen. Damit rücken sowohl soziale Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse als auch die „Frustration grundlegender menschlicher Interessen“ in den Mittelpunkt ihrer Marktkritik. Dabei geht es ihr nicht darum, den Markt als solchen verwerfen, der als soziale Institution vor allem aufgrund seiner Funktion als „effizienter Mechanismus der Verhaltenskoordination und Ermöglichung von Tauschbeziehungen“ unersetzlich ist. Allerdings behauptet sie auch nicht, dass bestimmte Güter intrinsisch oder ihrer Natur nach keine Waren seien.

Bestimmte Güter sollten nach Satz nicht als Waren gehandelt werden, da dies die demokratische Gleichheit zwischen den Bürgerinnen und Bürgern unterminieren würde, und aus demselben Grund sollte ein jeder Zugang zu bestimmten Gütern (zum Beispiel Stimmrecht oder Schulbildung) haben. Ihr geht es um Differenzierung, denn nicht alle Märkte sind gleich. Unter Rückgriff auf die theoretischen Ressourcen der klassischen politischen Ökonomie von Adam Smith über Karl Marx bis Ronald Dworkin betont sie nicht nur die soziale Integration von Märkten, sondern auch deren Unterschiedlichkeit. Sie analysiert die Konsequenzen einer ganzheitlich ausgerichteten Marktorientierung für die Gesellschaft – in ökonomischer, ökologischer, sozialer, politischer und kultureller Hinsicht.

Von „toxischen“ Märkten spricht sie, wenn sich diese der eingeschränkten Handlungsfähigkeit der Marktteilnehmer verdanken, deren Verwundbarkeit ausbeuten und/oder schädliche Konsequenzen für Einzelne oder die Gesellschaft haben. Satz unterscheidet zwischen individuell oder sozial schädlichen Konsequenzen des Marktes (zum Beispiel Lebensmittelmärkte, bei denen Preisfluktuationen zu Hunger führen) und bestimmten Eigenschaften der Marktakteure. Sie verweist etwa auf den Diamantenmarkt, dessen Erlöse zur Finanzierung grausamer Bürgerkriege verwendet werden: „Im Lichte meiner Analyse lässt sich unsere negative Reaktion auf diesen Markt am besten verstehen, wenn wir sie auf sein extrem schädliches Ergebnis – dass er einen blutigen Bürgerkrieg am Laufen hält, in dem Tausende oder Zehntausende sterben, daher der Begriff ‚Blutdiamanten‘ – und auf die eingeschränkte Handlungsfähigkeit so vieler Menschen beziehen, die von den kriegsfinanzierenden Märkten betroffen sind.“ Vier Werte sind für sie von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung toxischer Märkte: eingeschränkte Handlungsfähigkeit, Verwundbarkeit, extreme Schäden für den Einzelnen und extreme Schäden für die Gesellschaft.

Die Beschäftigung mit Märkten und ihren Grenzen heißt zugleich auch, sich die Frage zu stellen, in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Vor diesem Hintergrund ist das Buch lesenswert – allerdings bleibt es zu sehr im Theoretischen, auch werden Aussagen häufig wiederholt. Und es werden viele Möglichkeiten und Chancen, die das Thema bietet, ausgeblendet. Zum Beispiel, wie bahnbrechende Innovationen Märkte strukturell verändern können, und dass es nur sehr selten die etablierten Marktführer sind, von denen der Wandel ausgeht.

Eine der wichtigsten Aussagen des Buches geht unter im Dickicht der Theorien: „Viele von uns wollen, dass sich unsere Werte und Urteile in unserer Arbeit widerspiegeln, wie auch in den Produkten, die wir konsumieren, und darin, welchem der miteinander kämpfenden Götter (wie Max Weber sie nannte) wir mit unserer Lebensweise dienen.“ Es wäre wünschenswert gewesen, diesen Teil fortzuschreiben, denn die Zahl der moralisch sensiblen Konsumenten ist in den vergangenen Jahren stetig angewachsen. Sie entscheiden nicht nur nach dem Geld. Auch Image, Marke und Moral sind entscheidend. Insofern kann die Vertrauenswürdigkeit zum Beispiel von Handelsunternehmen als wesentlicher Teil ihres Kapitals angesehen werden, denn wenn sie sich gegenüber ihren Anspruchsgruppen moralisch korrekt verhalten, müssen sie weniger Skandale fürchten. Ist ihr gutes Images gefährdet, droht ihnen Konsumentenabstinenz oder -boykott. Damit sinken Umsatz und Gewinn. Kunden wollen mit ihrer Kaufentscheidung auch Botschaften vermitteln, die sich auf faire Produktionsbedingungen und den Erhalt der Umwelt gleichermaßen beziehen. Die Summe ihrer Kaufentscheidungen bestimmt den Markt und zeigt, dass eine andere Wirtschaft möglich ist.

Titelbild

Debra Satz: Von Waren und Werten. Die Macht der Märkte und warum manche Dinge nicht zum Verkauf stehen sollten.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Adrian und Bettina Engels.
Hamburger Edition, Hamburg 2013.
318 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783868542622

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