Et pereat mundus

Ein offener Brief an Arno Schmidt, aus gegebenem Anlass

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sehr geehrter Herr Schmidt,

am 18. Januar wären Sie 100 Jahre alt geworden. Dazu sei Ihnen alles Gute gewünscht. Oder sollte Ihnen das zu schmucklos formuliert sein? Sie selbst hatten Martin Walser 1953 in einem Brief empfohlen, er möge bei Gelegenheit, wenn er einmal in Mainz sei, zu dem gealterten Alfred Döblin „wallfahrten“ und ihm Ihr „Om mani padme hum“ ausrichten. Dabei handelt es sich um ein buddhistisches Mantra, das den Wunsch ausdrückt, die Lebewesen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu befreien.

Wir wissen nicht, wie es bei Ihnen nun damit steht. In Ihrer Erzählung Tina oder über die Unsterblichkeit (1956) verbleiben die toten Autoren jedenfalls zunächst in einer seltsamen unterweltlichen Zwischenexistenz. Sie können sich daraus erst befreien, wenn ihr Werk komplett vergessen ist. Es darf also nirgends mehr gedruckt sein oder auch nur irgendwie Erwähnung finden. Obwohl es sich um ein relativ kommodes Elysium handelt, wünschen sich die Verstorbenen nichts mehr als das baldige Verblassen ihres literarischen Ruhms, um endlich ins „Nichts“ eingehen zu können. Entsprechend ärgern sich die Gefangenen über jeden eifrigen Rezensenten, jeden Interpreten oder Editor, der ihre Wartezeit verlängert.

Nun weiß man ja, dass Besprechungen wie diese ohnehin mindestens einen genauen Leser haben – den Autor des kritisierten Buchs. Ich werden den Verdacht nicht los, dass Sie tatsächlich immer noch irgendwo da unten sitzen und dies hier zur Kenntnis nehmen werden. Ich bitte Sie: Regen Sie sich jetzt mit Ihrer chronischen Angina pectoris wegen dieses Artikels bloß nicht gleich allzusehr auf!

Vielleicht winken Sie aber auch schon ab: In dem Band „Und nun auf, zum Postauto!“, der hier vor mir liegt, kann ich mehrfach nachlesen, dass Sie Rezensenten ohnehin nie ernst nahmen. Zumindest gaben Sie in Ihren Briefen gerne vor, Besprechungen eigener Bücher überhaupt nicht lesen zu wollen, um Ihre Ruhe zu haben.

Das ist Ihr gutes Recht. An der Stelle beginnt aber andererseits auch schon meine Kritik: Sie verharrten in dem Punkt zu Lebzeiten in Ihrer typischen Schroffheit letztlich auf dem antiintellektuellen Niveau der Kulturpolitik im „Dritten Reich“, die, mit Verlaub, 1936 mit Joseph Goebbels’ „Erlaß zur Neuformung des deutschen Kulturlebens“ jede Form der „Kunstkritik“ verbot, damit sich das Publikum „selbst ein Urteil“, eine „Meinung“ bilden könne. Jedenfalls ‚meinten‘ Sie noch 1954 in einem Brief an einen Redakteur des „Hamburger Anzeigers“, dass „es für die Verbreitung aller Literatur wesentlich besser wäre, es würden einmal 10 Jahre lang keine sogenannten Kritiken mehr erscheinen“.

Warum diese typisch deutsche Ablehnung unabhängiger Beurteilungen von Literatur? Zum Glück fügten Sie damals wenigstens nicht hinzu, was Ihrem Kollegen Günter Grass 2007 auf der Frankfurter Buchmesse herausrutschte – die angebliche „Entartung des Journalismus“, der es in dem Fall gewagt hatte, den ehemaligen SS-Freiwilligen für seine Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel zu kritisieren. Auch Sie wollten 1933 angeblich einmal zur SS, aber das steht in einem anderen Buch.

Hören Sie jetzt bitte noch nicht gleich auf zu lesen, Herr Schmidt! Wo und wie Ihnen dies hier auch immer zur Kenntnis kommen mag, ich habe immerhin auch eine gute Nachricht für Sie. 1979, also kurz vor Ihrem plötzlichen Tod im selben Jahr, schimpften Sie, was sich „diese Kerle, die German= und sonstigen =isten“ denn eigentlich einbildeten, da sie „von Literatur und wie es im Gehirn selbst eines kleineren Poeten zu schalten pflegt keine Ahnung haben!“ Man könne diesen Akademikern „seine Verachtung gar nicht oft & deutlich genug bezeigen! –“.

Was diese Klientel betrifft, gibt es tatsächlich Hoffnung für Sie: Auch wenn nun jene kleine Sammlung teils noch unveröffentlichter und verstreuter Briefe von Ihnen erschienen ist, aus der ich hier die ganze Zeit zitiere und die Ihre Wartezeit dort unten auf unbestimmte Dauer verlängern dürfte, kommt das Interesse an Ihrem Werk in der Literaturwissenschaft kaum mehr in Gang. Im Gegenteil: Beim vergangenen Germanistentag in Kiel sagte mir ein Mitarbeiter eines angesehenen Wissenschaftsverlags, dem ich vorschlug, man könne doch einmal gemeinsam ein Arno-Schmidt-Handbuch projektieren, das komme gar nicht in die Tüte, denn Sie seien „so etwas von einem toten Hund“!

Eins muss man Ihnen lassen: Einen Knall hatten Sie wirklich. Und ein unangenehmer Zeitgenosse konnten Sie auch sein, wie Sie in einem Brief an ihren späteren langjährigen Freund Wilhelm Michels sogar selbst betonen. Insgeheim lieben wir alle ja genau das an Ihnen, und als zu Ihrem 100. Geburtstag plötzlich verschiedenste Zeitzeugen betonten, wie liebenswürdig Sie in Wahrheit doch gewesen seien, wenn man sie persönlich traf, waren wir sofort bitter enttäuscht. Offenbar war es also wieder bloß eine Ihrer Selbstinszenierungen, als Ihnen Michels Kost und Logis in seinem Eigenheim angeboten, und sie antworteten: „Ich kann Sie nicht genug vor mir warnen. Denn ich bin nichts weniger als ein amüsanter oder amüsabler Hausgenosse; Sie würden schon nach wenigen Monaten vorziehen, einen Wolf auf Ihrem Grundstück frei herumlaufen zu lassen. Ich würde den größten Teil des Jahres völlig unsichtbar und unsprechbar sein, und nach jeder, selbst der bratenbewehrten Hand nur schnappen.“

Man merkt dieser Botschaft jedenfalls an, wie sehr Sie in dieser Rolle zumindest auf dem Papier aufgingen – einer Pose, die zudem bestimmte Vorbilder hatte. 1960 schrieben Sie einmal über Ihr größtes Idol neben Sigmund Freud: „Joyce=als=Mensch war ein ‚Charakterschwein‘ – ‚großer Künstler‘ und ‚kleiner Mensch‘, das ist eben peinlich gut zu vereinbaren!“

Wenn man ihre früheren Episteln liest, so kann man sich nur wundern, dass ein sich so unausstehlich pedantisch gebender Typ wie Sie später überhaupt noch so komplexe, witzige und abgründige Texte wie die von Ihnen als „Posse“ abgetane Erzählung „Windmühlen“ (1960) zuwege bringen konnte. Wenn man sich Ihre Vita bis dahin ansieht, wie sie sich im zitierten Briefband darstellt, so kommt man aus dem Staunen tatsächlich kaum noch heraus: Zur Nazizeit geben Sie sich in Ihren elegischen „Liebesbriefen“ an Ihren Schulfreund Heinz Jerofsky als unkritischer Buchhalter und Mitläufer, und 1946 behaupten Sie in einem Bittschreiben an die britische Verwaltung zu Lüneburg sogar, man habe Sie 1933 von der Universität geworfen, weil Ihre Schwester 1931 einen Juden geheiratet habe. Das war schon ein starkes Stück: Nicht nur, dass man bis heute keine Belege dafür finden konnte, dass Sie überhaupt jemals studiert haben. Hier ging doch einiges durcheinander: Man hat Sie im „Dritten Reich“ nicht verfolgt, Herr Schmidt!

1951 belehren Sie Ihren Freund Jerofsky, der mittlerweile als Lehrer in der DDR arbeitet und berichtet, ein Ihnen beiden aus der Jugendzeit in Görlitz bekannter Antiquar sei verhaftet worden, weil er heimlich mit Nazi-Literatur gehandelt habe: Bücher zu verbieten sei immer ein Fehler, Sie seien „für absolute Pressefreiheit et pereat mundus“. Der lateinische Nachsatz bedeutet: „ – und sollte die Welt darüber vergehen“. Die Welt war aber schon untergegangen, und zwar genau durch jene Nazi-Ideologie, der in der DDR endlich einmal die Stirn geboten werden sollte.

Waren Sie damals wirklich so ein „guter linker Mann“, wie Sie gerne behauptet haben, Herr Schmidt? Was verstanden Sie genau darunter? Lassen Sie es mich einmal so sagen: In den frühen fünfziger Jahren waren Sie gar kein so untypischer Zeitgenosse. Auch wenn Sie bald Ärger mit der katholischen Kirche bekommen sollten, die Sie wegen Pornografie und Gotteslästerung anklagte, glaubten Sie 1951 offenbar noch ernsthaft an die totalitarismustheoretische Gründungsdoktrin der BRD, wonach in der DDR die „Bearbeitungstechnik der Nazis“ bloß „von der anderen Seite her“ wiederholt werde, mit jungen Pionieren „wie zur seligen HJ-Zeit“.

Gleichzeitig forderten Sie im selben Brief an Jerofsky, man solle die Menschheit durch „rigoroseste Geburtenbeschränkung auf 100 Millionen“ dezimieren und die „Technik auf den Stand von 1800“ zurückstufen. Noch zehn Jahre später entgegnen Sie Ihrer Mutter, die Ihnen einen Sohn wünscht, Sie seien froh, daß Sie „keine Kinder in diese Idiotenwelt gesetzt haben“. Das war wohl eher mit Ihrer bedingungslosen „Toleranz“ gemeint, an der zur Not die ganze Welt untergehen solle: Was für Sie allein zählte, waren die Bücher, nicht die Menschen; „fiat poesia et pereat mundus“, es solle die Poesie herrschen, auch wenn die Welt daran zugrunde gehen sollte, wie Sie einmal explizit schreiben – oder auch: „LEX MIHI ARS“, was allerdings im Lateinischen nicht „Leckt mich am Arsch“ bedeutet, wie Sie dem befreundeten Maler Eberhard Schlotter 1964 augenzwinkernd erklärten.

Gewiss, es waren zunächst harte Zeiten: Zu Essen hatten Sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht viel, westen mit Ihrer Frau Alice „in einem feuchten Raume mit verklebten Fenstern“, lebten von „Pilzen & Eicheln“ und kochten „Amorphes in alten Konservenbüchsen“. Sie erklärten sich bald zum Atheisten und Antimilitaristen. Sie lobten 1957 den „Studentenkurier“, wie die linke Zeitschrift „Konkret“ damals noch hieß, für seine furchtlose Adenauer-Kritik. An Alfred Andersch schrieben Sie im selben Jahr tatsächlich: „The Germany can me furchtbar leckn!“ Sie waren damals sogar so wütend, dass Sie gegenüber Ihrem Lektor Ernst Krawehl aus der Haut fuhren: „Mir liegt an meinem Scheißleben nichts: wenn Sie eine H-Bombe besitzen, bitte ich mich zu informieren: ich lasse mich drauf binden, und ziehe eigenhändig ab !!! (3 Ausrufungszeichen: Das bedeutet den Pilz der Explosion; und ich zerstäube ins Nichts – falls es das geben sollte; I hope so!).“

Es kam dann aber erst einmal anders. Und deswegen können wir Sie nun leider immer noch nicht ganz in dieses ominöse „Nichts“ verschwinden lassen, Herr Schmidt. Sie schrieben weiter Bücher, und niemand hat die Nachkriegszeit in so einer Prosa porträtiert, wie Sie das vermochten. Sicher: Eine verkappte Art von Djihad war sie schon, ihre Form des Arbeitens – ein Attentat auf sich selbst, für Ihre misanthropische Ersatzreligion rücksichtsloser Kunst. Aber dafür haben wir nun ein Werk vor uns, mit dem wir so schnell nicht fertig werden. Die Bücher von Andersch oder gar Heinrich Böll nehmen sich im Vergleich zu Ihrer Ästhetik bescheiden aus. Es bleibt dabei: Das Schmidt’sche Frühwerk nach 1945 ist einzigartig, das mittlere sogar noch besser, und Ihr Spätwerk ist immer noch die am wenigsten ausstudierbare Literatur, die seit dem Zweiten Weltkrieg erschienen ist. So sorry, Herr Schmidt: Wir müssen leider erst mal weiterlesen!

Anm. der Red.: Dieser offene Brief erschien bereits in einer leicht abgewandelten und kürzeren Version in „Konkret“ 01/2014.

Titelbild

Arno Schmidt: »Und nun auf, zum Postauto!«. Briefe von Arno Schmidt.
Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.
296 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783518803707

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