Fotografische Zitate des Ersten Weltkriegs

Anton Holzer zeigt in seinem neuen Fotoband „Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern“ das „dokumentarische Rückgrat“ des Antikriegsdramas von Karl Kraus

Von Julian NordhuesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julian Nordhues

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Mein Amt war, die Zeit in Anführungszeichen zu setzen […]. Zu zitieren und zu photographieren.“ Karl Kraus schrieb dies im Juli 1914 in seiner Zeitschrift „Fackel“, und die Zeit, aus der es zu zitieren galt, sollte nur wenig später die „Große“ genannt werden. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war für Kraus nicht jene „Große Zeit“, von der Leitartikler und Dichter fantasierten, sondern der Beginn seines entschiedenen publizistischen Kampfs gegen den Krieg, gegen seine Unterstützer, Profiteure und Apologeten. Kraus begann, die Dokumente des Kriegs in Form von Zeitungsmeldungen, Anzeigen, Briefen und Kriegsberichten zu sammeln und sie als kommentarlose Zitate in der „Fackel“ zu veröffentlichen. Die chauvinistischen Phrasen der Presse und die lügenhaften Mitteilungen aus dem Heeresbericht – in der „Fackel“ wurden sie enttarnt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Ab 1915 arbeitete Kraus an „Die letzten Tage der Menschheit“, einem monumentalen Antikriegsdrama, in dem die gesammelten Dokumente montiert, kombiniert und kommentiert wurden, und das 1922 in seiner endgültigen Buchversion erschien. Die Dialoge und Monologe der in den Szenen auftretenden Figuren basieren zu weiten Teilen auf den von Kraus schon für die „Fackel“ zusammengetragenen Materialien.

Anton Holzer stellt in seinem neuen Fotoband „Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus“ ausgewählten Szenen des Dramas Fotografien gegenüber. „Dieses Wechselspiel zwischen Texten und Bildern lässt das Kraus’sche Werk in einem neuen, anschaulichen Licht erscheinen.“ Thematisch spannen die Zeitungsbilder und Propagandafotografien in Kombination mit den Texten Kraus’ „den Bogen von der Kriegsbegeisterung, die in den Zeitungsschlagzeilen von Anfang 1914 zum Ausdruck kommt, bis hin zum bitteren Ende des Krieges; von der Kriegshetze der Medien bis zu den trostlosen, zerstörten Schlachtlandschaften, auf denen die verlorenen ‚Helden‘ des Krieges ihrem Untergang entgegengehen.“

In den „Letzten Tagen“ zeigt Kraus den Ersten Weltkrieg als ein Medienereignis, in dem die pathetischen Phrasen der Leitartikel, die heroisierenden Fotografien und die hetzerischen Kriegsgedichte das Äquivalent zu den Maschinengewehren und dem Giftgas in den Schützengräben darstellen. Die Front dient in den „Letzten Tagen“ zumeist nur als Kulisse, als eine ferne Welt, die die auftretenden Charaktere des Dramas als Bühne für Heldenmut oder (Helden-)Tod preisen oder fürchten. Kraus beschreibt die Auswirkungen des Kriegs auf das Hinterland, die durch den Krieg geprägte Sprache und die Mitleids- und Teilnahmslosigkeit der von Propaganda verblendeten Menschen. Dabei verzichtet er auf eine chronologische, den Kriegsereignissen folgende Anordnung der Szenen, und so „dominiert […] der Eindruck der chaotischen Addition von Ereignissen“ (Sigurd Paul Scheichl). Strukturgebend sind das wiederkehrende Auftauchen von Charakteren und die damit verbundene Darstellung Kraus’ zentraler Leitmotive und Kritikansätze. Holzer bildet die wichtigsten Themen der „Letzten Tage“ ab und verdichtet diese zu ineinandergreifenden Themenblöcken, wobei es ihm vor allem durch die Kombination von Text mit dem Medium Fotografie gelingt, die medienkritische Themensetzung innerhalb des Dramas hervorzuheben. „Kraus zeigt auf unnachahmlich sarkastische und oft drastische Weise, wie nicht nur die Texte, sondern auch die Bilder lügen können“, so Holzer in seinem Vorwort.

Es ist einfacher und beruhigender, Kraus’ Text als reine Allegorie des Kriegs zu lesen und die Dialoge der auftretenden Figuren als überspitzte Satire oder gar als Fiktionen abzutun. Konnte es sich in den „Letzten Tagen“ nicht aber doch um den tatsächlich gesprochenen und geschriebenen ‚Jargon des Krieges‘ (Matthias Karmasin) handeln, um eine Sprache, an der sich die Nationalisierung und Militarisierung aller Lebensbereiche ablesen lässt? Schließlich warnt Kraus schon im Vorwort der „Tragödie in fünf Akten“: „Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.“ Vielen Zeitzeugen dürften Kraus’ historische Bezüge wohl verständlich gewesen sein, „[j]e weiter aber die Kriegsereignisse zurückliegen, desto schwieriger wird es, das dokumentarische Rückgrat des Dramas zu entziffern. Das hat dazu geführt, dass in der Rezeption des Dramas lange Zeit das dokumentarische Fundament des Textes in den Hintergrund gerückt ist“, so Holzer.

Für die Analyse des „dokumentarischen Rückgrats“ der „Letzten Tage“ gibt es bereits eine Anzahl von Untersuchungen, die die historischen Bezüge in Kraus’ Werk nachweisen. Der Literaturhistoriker Eckart Früh beispielsweise zeigt, dass Kraus Artikel aus der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ als Vorlage für Szenen benutzte. In der von Anton Holzer herausgegebenen Zeitschrift „Fotogeschichte“ untersuchte der amerikanische Germanist Leo A. Lensing die visuelle Dimension des Dramas. Insbesondere Fotografien stünden in den „Letzten Tagen“ im „strukturellen und thematischen Mittelpunkt“. Für viele Szenen sind Fotografien nachweisbar, die Kraus textuell in das Drama montierte. In seinem 2008 erschienenen Fotoband „Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918“ stellt Anton Holzer dar, dass Kraus sich bei der Beschreibung von Hinrichtungsszenen auf Fotografien bezog, die Angehörige der k.u.k.-Armee bei der Exekution von vermeintlichen „Spionen“ und „Verrätern“ abbilden. Eine Fotografie der Hinrichtung Cesare Battistis stellte Kraus der Buchversion seines Dramas als Frontispiz voran.

Holzers aktueller Fotoband knüpft zu gleichen Teilen an die Untersuchungen zum Dokumentwert und zur visuellen Dimension der „Letzten Tage“ an. „Wenn wir die gängigen Bilder des Ersten Weltkrieges […] durch die Brille des Kraus’schen Dramas lesen, wird deutlich, wie sehr diese Ansichten von der Propaganda diktiert wurden.“ In den vom Autor ausgewählten Szenen aus Kraus’ Drama spiegeln sich die Phrasen der propagandistischen Pressemeldungen wider. Ihnen gegenüber stehen die Bilder aus den illustrierten Zeitungen, die gestellten Kampfaufnahmen, die verherrlichenden Fotografien grüßender Kaiser und Generäle. Die Fotos von der Front zeigen Soldaten, die den Krieg als „touristisches Abenteuer“ (Gerhard Paul) erleben. Tote, so sie denn überhaupt in offiziellen Publikationen gezeigt werden, hat nur der Kriegsgegner zu verzeichnen. Als Leser der Zeitungen und Illustrierten hatte Kraus die dort abgedruckten Bilder und Fotografien beim Verfassen der „Letzten Tage“ vor Augen und verarbeitete nicht wenige von ihnen im Text. „Daher ist das Drama Die letzten Tage der Menschheit auch ein Bilder-Buch des Ersten Weltkriegs“, wie Holzer in seinem Band anschaulich darstellt.

Es ist eine besondere Qualität von Holzers Publikation, dass der Dokumentcharakter und der historische Quellenwert der „Letzten Tage“ hervorgehoben werden. Holzer empfiehlt seinen Band als „eine Einladung, Die letzten Tage der Menschheit wieder zur Hand zu nehmen, nicht als allegorisches, der Zeit enthobenes Drama, sondern als Geschichtsbuch des Ersten Weltkriegs. Als eine dokumentarische Chronik des Krieges, die Texte und Bilder auf neuartige, faszinierende Weise miteinander verschränkt.“ Der Fotoband trägt der „besondere[n] Fähigkeit des Mediums Literatur zur Imaginierung des Kriegs“ (Wolfram Pyta) Rechnung, und Holzer unterstreicht, dass Kraus’ literarische Zitate aus der Kriegswirklichkeit heute Quellen für eine kriegskulturelle und alltagsgeschichtliche Erforschung des Ersten Weltkriegs darstellen. Die verfremdeten, satirisch zugespitzten und teilweise surrealen Szenen aus den „Letzten Tagen“ sollten die Leserschaft nicht darüber täuschen, dass Kraus reale Personen anklagte und er als einer der Ersten die Kriegsverbrechen der Mittelmächte publizistisch verarbeitete. Schon Walter Benjamin merkte an, dass die Reduzierung Kraus‘ auf seine satirische Bedeutung dazu führen könne, ihn „auf dieses tote Gleis […] abzuschieben, um sein Werk dem großen Speicher literarischer Konsumgüter einverleiben zu können“. Anton Holzers Band ist ein Plädoyer für eine Interpretation des Werks „Die letzten Tage der Menschheit“, die dessen Autor Karl Kraus zwar auch, aber nicht nur, als Satiriker versteht, sondern vielmehr als einen der aufmerksamsten Chronisten seiner Zeit.

Titelbild

Anton Holzer (Hg.): Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern.
Mit Texten von Karl Kraus.
Primus Verlag, Darmstadt 2013.
142 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783863120047

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