Kreative Zerstörung

Der Sonderband zur „Zukunft der Literatur“ im 50. Jahr von TEXT+KRITIK verjagt das digitale Drohgespenst

Von Carolin AmlingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carolin Amlinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Literaturbetrieb ist vorrangig Marktbetrieb“, gab Heinz Ludwig Arnold schon 1971 zu bedenken. Es nimmt darum nicht weiter wunder, dass derselbe Autor noch kurz vor seinem Tod die Idee hatte, zum 50. Jahr von TEXT+KRITIK den versammelten Literaturbetrieb über seine Zukunft nachdenken zu lassen; vom Verlagslektor, dem Literaturveranstalter bis hin zum Autor. Und dies hat eine lange Tradition: man könnte fast sagen, dass schon in seiner Entstehung als Literaturbetrieb die fortwährende Sorge um die Zukunft der Literatur eingeschrieben war, die Sorge um die vollständige Verbetrieblichung des Literarischen. Wie also 2013 über die „Zukunft der Literatur“ sprechen, wenn die Gegenwart der Literaturproduktion sich offensichtlich mehr denn je in ein reines Marktgeschäft aufzulösen droht?

Die teils zaghaft, teils durchaus unerschrocken formulierten Antworten kann man wohl am besten mit dem Prinzip künstlerischer Produktion vergleichen: Die kreative Zerstörung, in der die Destruktion Voraussetzung für die kreative Neuschöpfung ist, wird nun zum Garant einer funktionierenden Literaturmarktproduktion. Der „ewige Sturm schöpferischer Zerstörung“ (Schumpeter) wütet zwar in der Form des „digitalen Drohgespenstes“, die Apokalypse der Kultur bleibt jedoch aus; es kommt, darf man dem Redaktionsleiter Hermann Korte vertrauen, eher zu einer innovativen „Pragmatik hybrider Durchmischung“ zwischen Buch- und Digitalmedien. Der Band ist dabei aber kein Versuchslabor des Zukünftigen. Er reflektiert in einem Stimmgewirr verschiedenster Positionen über die sehr gegenwärtigen Risse, welche der Strukturwandel des Buchmarktes hinterlassen hat – mal in seinem schöpferischen, mal in seinem destruktiven Potential.

Nicht zu leugnen ist für Michael Töteberg, Leiter der Medienabteilung im Rowohlt Verlag, dass die Konzentration des Buchmarktes und die damit einhergehende Zunahme von „Imperien“, das heißt internationalen Konzernverlagen wie Random House, dazu führt, dass das einzelne Buch stärker nach seinem Marktwert beurteilt wird. An die Stelle der heimeligen, aber oftmals auch paternalistische Beziehung des Verlegers zu seinem Autor ist ein „sachliches Geschäftsverhältnis“ getreten. Die finanziellen Sorgen und kreativen Nöte teilt der Autor nun vielmehr mit dem Agenten. Die Schlussfolgerung, die Beziehung des Autors zum Verlag würde durch den Agenten zunehmend ins „Unangenehm-Geschäftliche“ abdriften, verkennt allerdings die wichtige Funktion der Interessenvertretung der Agenten für die Autoren. Denn die sozialen Schutzmechanismen und die öffentliche Kulturförderung, die den Autor und sein Kulturgut vor der Kommodifizierung bewahren sollten, werden durch Privatisierungsschübe und Einsparungen unterlaufen, wie der Theaterregisseur Thomas Ostermeier in seinem Beitrag betont. Er sieht genau darin den „Primat der Ökonomie“, der dazu führt, dass die Arbeitsverhältnisse der Autoren und Kulturschaffenden überhaupt prekärer werden und es dadurch zu einer Entprofessionalisierung der eigenen künstlerischen Arbeit kommt, „weil man oft nebenbei noch etwas dazuverdienen muss“. Durchaus berechtigt stellt die Autorin Ulrike Draesner in ihrem Beitrag die unbeantwortete Frage: „Wovon sollen Autoren in Zukunft leben?“

Die Sorge um die finanzielle Zukunft führt paradoxerweise nicht nur zu einer Entprofessionalisierung, sondern gleichzeitig auch einer Professionalisierung der literarischen Arbeit – der professionellen Autorenausbildung. Vermutet der Lektor und Professor für Literarisches Schreiben Klaus Siblewski gar, dass es „in ein, zwei Generationen keinen Autor mehr geben wird, der keine Ausbildung durchlaufen“ hat. Damit kommt es aber auch zu einer „Stärkung des Sekundären“, da Autoren sich stärker „in Szene setzen“, das heißt sich immer wieder auf ein Neues um die ungewisse (Selbst-)Vermarktung bemühen – verständlich, wenn man bedenkt, dass durch die beschleunigte Buchproduktion mehr Bücher produziert werden denn je und der Verdrängungswettbewerb unter den Autoren zunimmt. Mit der Profilierung des künstlerischen Ichs wächst auch die Relevanz der Literaturvermittlung, so Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt am Main, „denn ein Autor, der nicht spricht, findet nicht statt“. Abgrundtief böse spricht der Autor Gerhard Falkner darum in seiner Polemik von der bloßen „Literaturimitation“ des von seiner „sittlich-sinnlich verbrämten Gier fast in den Irrsinn getriebenen Künstlers“.

Ist ein Ausweg aus dem permanenten Wettbewerb um die exponierte Positionierung im Literaturbetrieb die digitale Selbstvermarktung ohne Verlag? Der Literaturkritiker Jörg Plath sieht durch die Digitalisierung jene neue Künstlerfigur aufgewertet, der zuvor das „Odium des Scheiterns“ anhaftete, der dem „Dennoch verpflichtete, heroische“ Self Publisher. Doch damit gerät auch Althergebrachtes ins Wanken: erfolgreiche Autoren könnten in Zukunft ihre Gewinne als Self Publisher ganz ohne Verlag vergrößern (Amazon zahlt den Autoren beispielsweise 70 Prozent der Erlöse, Verlage für den Erlös des gedruckten Buches lediglich 10 Prozent). Ohne die Bestseller entzieht man den Verlagen jedoch auch die Kalkulationsgrundlage für die Subvention „anspruchsvoller“ (und das heißt oftmals weniger verkäuflicher) Literatur.

Die beschriebenen Umbrüche des Literaturbetriebes setzen aber auch neue ästhetische Produktionstechniken und Verfahren frei. Wie der Literaturwissenschaftler Peter Gendolla vor Augen führt, bringt die Digitalisierung eine „Netzliteratur“ hervor, die – wie das beschleunigte Netz – keine Statik kennt, sondern fortwährend in einer hybriden Veränderung begriffen ist. Und in der Parabel der Autorin Yoko Tawada wird deutlich, dass mit der Entkopplung der Literatur von einem fixen (Sprach-)Raum auch die Bedeutungen fluide und vielschichtig werden. Die Beiträge der Autoren und Autorinnen in diesem Band kündigen allesamt an, dass zumindest die Literatur aus den Umwälzungen kreativ schöpfen wird – auch wenn man dabei den Literaturkritiker Denis Scheck nicht überhören kann: „Die Eröffnung neuer Kommunikationswege bedeutet nicht unbedingt, dass man etwas zu sagen hat.“ Am Ende, wenn man doch einen zaghaften Blick in die Zukunft wagt, wirken seine Worte aber fast besänftigend: „Sicher gilt: Das Abenteuer Literatur geht weiter.“

Titelbild

Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Text + Kritik: Sonderband. Zukunft der Literatur.
edition text & kritik, München 2013.
204 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783869162423

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