Tief- und weitreichende Wortfelderkundung

Bettina Bock, Susanne Zeilfelder und Sabine Ziegler legen den ersten Band der „Deutschen Wortfeldetymologie im europäischen Kontext“ vor

Von Stephan KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit „Der Mensch und sein Körper“ liegt der erste der auf acht Bände angelegten „Deutschen Wortfeldetymologie im europäischen Kontext“ vor. Rosemarie Lühr zeichnet herausgeberisch verantwortlich für das Gesamtwerk. Es entsteht im Rahmen des durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig geförderten Projektes mit gleichem Namen, kurz DWEE und ist angebunden an den Lehrstuhl für Indogermanistik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Der zentrale Begriff ‚Wortfeldetymologie‘ bleibt beileibe nicht unerklärt, sondern wird von Susanne Zeilfelder einleitend ausführlich vorgestellt und von dem (wohl bekannteren) Terminus Etymologie unterschieden und als Fragehorizont des Projektes erläutert. Zudem wird die Benutzbarkeit des Buches nicht nur durch die hohe Verständlichkeit erleichtert, mit der die komplexe Materie aufbereitet ist, sondern auch durch die Bereitstellung eines projektbezogenen Fachwortglossars. Es gehe nicht allein um die Eruierung der Herkunft einzelner Wörter, so die Einleitung, sondern um „in Wörtern verkapselte Konzepte, Auffassungen, Meinungen, kurzum: Kulturgeschichte“; damit also um die (zunächst einfach anmutende, aber komplexe) Frage, wie Sachverhalte versprachlicht würden. Diese Fragestellung und weitere sich daran knüpfende Problemstellungen bestimmen das DWEE-Projekt, in dem es freilich nicht darum gehe, wie die Einleitung weiter präzisiert, für den gesamten Wortschatz des Deutschen (und weniger noch für den der europäischen Sprachen) eine umfassende Antwort zu geben. Vielmehr wird ein konkretes Wortfeld in den Blick genommen, dessen Umfang und Wichtigkeit „fundierte Generalisierungen erlauben“. So geht die Projektgruppe vom Menschen aus und betrachtet und untersucht die um ihn gruppierbaren und an ihn gebundenen Wortfelder. Im doppelten Sinne naheliegend war daher der Einstieg mit dem Wortfeld ‚der Mensch und sein Körper’ im ersten Band.

Dieser Band aber verstehe sich ‚nur‘ als Ergänzung zur Datenbank, dem eigentlichen Herzstück des Projektes, heißt es in der Präsentation des Projektaufbaus. Sie ist unter der Adresse www.dwee.uni-jena.de erreichbar, wo auch auf das im Aufbau befindliche Wörterbuch unter www.dwee.eu verwiesen wird. Ein Besuch der Seiten ist sehr lohnenswert, vor allem, da dort noch einmal uneingeschränkt einsichtig wird, warum „eine Printversion unbenutzbar“ wäre, um die Vernetzungen und Querverbindungen innerhalb des Wortschatzes in ihrer diachronen Vertikalität so zu dokumentieren und zugänglich zu machen, wie es digital möglich ist. Diese Seiten bieten neben Informationen zum Projekt dessen ‚lebendiges‘ Material, sodass dort die eigentliche Möglichkeit besteht, die Analysen von Einzelwörtern und Wortfeld zu verfolgen.

Das vorliegende Buch aber erlaubt einen genauen Nachvollzug der konzeptionellen und auch der terminologischen Grundlagen des Projektes, die in insgesamt dreizehn Kapiteln dargestellt werden. Hierzu gehört unter anderem die (operative) Schärfung der wichtigsten Begriffe wie etwa Wortfeld und Etymologie sowie Wortfeldetymologie. Hinzu kommt die Kontextualisierung des deutschen Wortschatzes im Zusammenhang der europäischen Sprachen. Ab Kapitel sechs bis einschließlich zum Kapitel zwölf erfolgt dann die Darlegung und Beschreibung einzelner Wortfelder, die alle unter den Haupttitel „Der Mensch und sein Körper“ gehören. Der Band schließt mit einer Übersichtsdarstellung der Indogermanischen Sprachen und des Faches, das sie systematisch erforscht. Hauptsächlich beschrieben werden in dem Band aber die Ausdehnung und Struktur des jeweiligen Wortfeldes sowie die in ihm vorhandenen Beziehungen. Die weitreichenden Differenzierungen und die Vielzahl der Angaben lässt dabei sehr deutlich werden, von welcher Komplexität und zugleich von welcher Dynamik der Wortschatz ist. Die – in der Linguistik allgemein gültige und nicht in Frage stehende – Aussage, dass die deutsche Sprache ein System sei, das fortwährend Entwicklungen unterliege (wie jede andere Sprache auch), die sich gerade auch am Wortschatz und seinem Zuschnitt bzw. seiner Gestalt sehr gut ablesen lassen, wird mit dem DWEE-Projekt auf beeindruckende und überzeugende Weise (neuerlich) belegt. Jedoch ist damit nicht das prinzipielle Anliegen des Forschungsprojektes benannt, das vielmehr in der präzisen wortfeldbezogenen und diachronen Deskription des Wortschatzes und seiner europäischen Zusammenhänge und Bedingungen besteht. Dennoch ist es auch dieser Aspekt, der etwa den linguistischen Laien uneingeschränkt überzeugen dürfte.

Nicht zuletzt ist dieses Projekt die wohl erste so umfassende systematische Unternehmung, die genannten Wortschatzbeziehungen und -inhalte zu erfassen und zudem im Internet allgemein zugänglich zu machen. Damit wäre der fachliche Wert und Stellenwert des Bandes und dieses Projektes benannt, auf dessen Fortführung man unbedingt gespannt sein darf.

Titelbild

Rosemarie Lühr (Hg.) / Susanne Zeilfelder / Bettina Bock / Sabine Ziegler: Deutsche Wortfeldetymologie im europäischen Kontext (DWEE). Band 1: Der Mensch und sein Körper.
Reichert Verlag, Wiesbaden 2012.
416 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-13: 9783895007934

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