Mainstream der Minderheit

Enno Stahl hadert in „Diskurspogo“ mit der fehlenden Haltung in der deutschen Gegenwartsliteratur

Von Christof Bultmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es geht bergab mit der deutschen Literatur. Was waren das noch Zeiten, als 1968 ein Rolf Dieter Brinkmann auf einer Veranstaltung in Anwesenheit der versammelten Kritikermeute ein imaginäres Maschinengewehr erhob, um mitten hinein zu feuern ins blutleere Herz der bundesrepublikanischen Bürgerlichkeit. Oder was war sogar kürzlich noch, in den 1990ern, als späte Pop-Epigonen Brinkmanns, wie Benjamin von Stuckrath-Barre und Christian Kracht, mit ihrem zur Schau gestellten Snobismus die nächtlichen Diskussionen auf Fachschaftspartys zum Glühen brachten. Eine einzelne Barbour-Jacke, getragen von der Hauptfigur in Krachts „Faserland“, hat eine ganze Generation Germanisten damit beschäftigt, wie viel Subversion in der Affirmation steckt – oder wie viel Ausverkauf an den Mainstream.

Und heute? Wo ist der Lärm, die konfrontative Auseinandersetzung mit der Gegenwart? Wo ist die Literatur als Gegenöffentlichkeit? Nun, für Enno Stahl, freier Autor und Kritiker, der in seiner Aufsatzsammlung „Diskurspogo“ die aktuelle Literaturproduktion einem Stresstest unterzogen hat, ist die Antwort traurig, aber klar: Sie ist weg. Übrig ist nur noch der Mainstream einer kleinen schlaffen bürgerlichen Minderheit, für die Literatur mehr Distinktionsgewinn ist als ein Vehikel zur Durchleuchtung gesellschaftlicher Missstände.

Missstände gäbe es natürlich genug: Globalisierung, Deregulierung des Arbeitsmarktes, Finanzkrise, Erosion der Mittelschichten, steigendes Armutsrisiko, das Entstehen des Prekariats, überhaupt eine Neubestimmung des Arbeitsbegriffes, der zugleich eine neue, ständig alerte, sich selbst optimierende Subjektivität des Arbeitenden hervorbringt – das alles findet überall auf der Welt statt, nur nicht in der deutschen Literatur. Stattdessen stößt Stahl auf tiefsinnige Ich-Prosa, Nabelschauen einer Berliner Bohème, die vielleicht allerhand Probleme mit sich und der Welt hat, aber sicher keine Geldprobleme. Oder auf fein geklöppelte Texte von Leipzig- und Hildesheim-Absolventen, die handwerklich sicher gut ausgebildet, aber ohne Stoffe sind, die auch nur irgendwie gesellschaftlich relevant wären.

Und so fallen bei Stahl dann reihenweise Autoren durch, die von Kritik und Publikum gefeiert wurden. Wunderkind Clemens J. Setz? Wagemutig, aber unterm Strich zu nerdig. Feridun Zaimoglus Ruhrgebietsroman „Ruß“? Schwiemelnde „Männerromantik“. Leif Randts verstörende Jetztzeit-Utopie „Schimmernder Dunst über Coby County“? Ein stromlinienförmiges „Testat der Teilnahmslosigkeit“. Ernst-Wilhelm Händlers Wirtschaftsroman „Wenn wir sterben“? Wie soll es anders sein, bei einem schreibenden Unternehmer: nicht viel mehr als „wabernde Mystifikationen“ des Neoliberalismus. Bliebe vielleicht noch Clemens Meyer, den man ob seiner Vergangenheit als Bauarbeiter und Häftling eine besondere Street Credibility zuschreibt, der Stahl dann aber doch zu prollig ist, oder wie es höflicher heißt: zu „involviert“ in sein Milieu.

So ist das wohl mit dem Pogo, man rangelt und schubst, und jeder soll sein Fett weg bekommen. Bei Enno Stahl trifft es ganz besonders die leidige Postmoderne. Denn die ist ihm ein bloßes Symptom der Dekadenz, ein selbstreferenzielles Spiel, das dem Wunsch der bürgerlichen Mitte entgegenkommt, eine als unüberschaubar und gefährlich empfundene Wirklichkeit nicht anerkennen zu müssen. Ihre hiesigen Theorie-Ikonen Friedrich Kittler, Jochen Hörisch und Norbert Bolz machen sich für Stahl sogar einer Anbiederung an die herrschenden Verhältnisse schuldig – haben sie doch den Menschen aus der Literatur gestrichen und durch Maschinen, kybernetische Regelkreise und Geldströme ersetzt.

Und es trifft natürlich den Literaturbetrieb beziehungsweise das „literarische Feld“, das, wie Stahl uns mit Pierre Bourdieu erhellt, hermetisch in sich verkapselt ist und den immer gleichen bürgerlichen Habitus reproduziert. Autoren, Lektoren, Literaturveranstalter, Kritiker und Jurymitglieder, die Preise und Stipendien vergeben – sie alle gehören der gleichen Bürgerlichkeit an und lassen nur mitspielen, wer ihresgleichen ist. Ein Autor aber, der sich direkt nach dem Studium von Stipendium zu Stipendium schreibt, wird, folgt man Stahls Argumentation, wenig zu tun bekommen mit der Arbeitswelt der Restbevölkerung.

Stahl dagegen beschwört noch einmal die emanzipatorische Kraft der Literatur. Ein wenig Humanismus, ein wenig Aufklärung, ein wenig Theodor W. Adorno weht den Leser an. Wo man sich bislang in „reinen Medienerzählungen“ ergeht, sollen wieder menschliche Existenzen kenntlich werden. Wo Ironie und Zitatkunst gefeiert werden, soll wieder „wertende Analyse“ der objektiven Verhältnisse sein. Und wo die Welt im postideologischen Zeitalter vollends den Überblick zu verlieren droht, soll der Idealautor vor allem eines haben: einen festen Standpunkt, eine Haltung. Eine solche Haltung aber ist laut Stahl bei den wenigsten Autoren zu finden – oder es ist die falsche.

Dabei ist der Klassenkampf für Stahl noch lange nicht vorbei, nur weil er sich im Dickicht des globalen Wirtschaftsgeschehens versteckt hat. Er hat sich sogar verschärft: Einer privilegierten Oberschicht steht das Heer der vom Wohlstand Ausgeschlossenen gegenüber, die auch in der Literatur keine Stimme haben und damit, wie es etwas raunend heißt, symbolisch ins „Ghetto des Verschweigens“ verbannt werden. Ein „ökonomischer Massenmord“, meint der Autor sogar hinzusetzen zu müssen. Den die Literatur nur kontern kann mit „eingreifendem Realismus“ – einem eher didaktischen als literarischen Gemisch aus Émile Zola, Gilles Deleuze sowie Bertolt Brecht (bei Bedarf), das die Verhältnisse abbildet und zugleich erklärt, wenn nötig durch „Hinzufügen von Fakten“ zwecks Veranschaulichung.

Diese Kämpferpose, die Stahl mit seligen Reminiszenzen an seine Punkzeit im „Ratinger Hof“ in Düsseldorf garniert, hätte es freilich nicht gebraucht, um einen berechtigten Punkt zu machen. Denn dass die Literatur, nicht nur die deutschsprachige, in Sachen Gesellschaftsanalyse an Boden verliert, ist kaum zu übersehen. Es sind vor allem amerikanische Hochglanzserien wie „The Wire“, „Mad Men“ oder „Breaking Bad“, die dem guten alten Roman das Terrain streitig machen. Sie liefern längst, was die Literatur geliefert hat: verwickelte Plots, Spiel mit den Ebenen, Selbstbeobachtung, Codes, die vom Zuschauer nur in „intensiver“ Lektüre – bei oftmals nächtelangem DVD-Konsum – dechiffriert werden können. Und sie liefern Themen.

„Breaking Bad“ etwa, die pervertierte Entwicklungsgeschichte des Chemielehrer-Drogenbarons Walter White, könnte ganze Tagungsbände füllen zum Thema „Neukonfiguration der Arbeit im Spätkapitalismus“. „The Wire“ hingegen, eine Serie, die sich vom Reportagejournalismus inspirieren lässt, erzählt vom Auseinanderdriften der sozialen Milieus und vom Versagen der Institutionen im Kampf gegen die Drogenkriminalität der Stadt Baltimore – und das wird so intelligent amalgamiert mit dem Kriminalgenre, dass man kaum merkt, dass man auch eine Einführung in die Mikrosoziologie bekommt.

Zugegeben, David Simon und Ed Burns, die Autoren von „The Wire“, wissen, wovon sie sprechen. Simon hat als Polizeireporter gearbeitet und Burns als Ermittler in einer Mordkommission. Aber selbst im zumeist völlig zurecht glorifizierten US-amerikanischen Kulturbetrieb dürften sie damit eine Ausnahme sein. In jedem Fall wird man eine gewisse Themenflucht in der deutschsprachigen Literatur – die nicht nur die Arbeitswelt betrifft; man denke allein an die Kriege, die dieses Land wieder führt – nicht über den angeblich so kuscheligen und homogenen Literaturbetrieb entschlüsseln können. Zumindest nicht ohne sich mit jenem Fetisch des Authentischen einverstanden zu erklären, der alles Schreiben auf unmittelbares Erleben und Biografie zurückführt.

So hätte man dann auch gerne etwas mehr zu Stahls „eingreifendem Realismus“ erfahren. Weil man ja von den Stoffen nicht sprechen kann, ohne an die ästhetischen Mittel ihrer Darstellung zu denken. Wie muss realistisches Erzählen beschaffen sein, wenn schon der gemeine Lebenslauf so viele unaufgelöste Handlungsstränge enthält wie ein durchschnittlicher Thomas-Pynchon-Roman? An welchem Punkt wird realistisches Erzählen von prekären Arbeitswirklichkeiten selbst prekär? Und wie erzählt man von Börsencrash und Finanzkrise, die, wie der Medienwissenschaftler Joseph Vogl herausgestellt hat, das Erzählen selbst auf die Probe stellen, weil die Börsenereignisse keinen sichtbaren Zusammenhang haben?

Zu diesen Fragen gelangt Enno Stahls „Diskurspogo“ jedoch gar nicht erst, weil er unmittelbar dazu übergeht, die Literatur als Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Antagonismen in die Politik einzuspeisen und auf moralische Mehrwerte hin abzuklopfen. Wer da auf die Eigengesetzlichkeit der Literatur pocht, handelt sich schnell den Vorwurf der bürgerlichen Ideologie ein. Am Ende bleibt nur der Themenkatalog, den Stahl der Literatur zur Bearbeitung überreicht, im Sinne von: Den großen Zeitarbeitsroman bitte, möglichst ironiefrei, aber mit Haltung und maximaler Einfühlung in menschliche Schicksale. Ob sich darauf allerdings ein Manifest für die politische Literatur des 21. Jahrhunderts gründen lässt, ist eher fraglich.

Titelbild

Enno Stahl: Diskurspogo. Zu Literatur und Gesellschaft.
Verbrecher Verlag, Berlin 2013.
287 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783943167221

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