Enttäuschende Umsetzung eines mächtigen Textes

„Grenzgänger“ von Christian Maly-Motta

Von Nina KiedrowiczRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nina Kiedrowicz

„Es gab da was und das stand und war fest.
Hielt einen,
sagte bis wohin und nicht weiter,
weil da noch was war,
was, was blieb und standhielt, irgendwie,
an jedem Tage.
Traumtüren vor meinen Augen, vielleicht“

Wer den Theatertext „Grenzgänger oder das Lied vom bösen Spiel“ von Christian Maly-Motta bereits gelesen hatte, mag von der szenische Lesung überrascht worden sein. Dass für die dreißigminütige Inszenierung eine Auswahl getroffen und Streichungen vorgenommen werden mussten, ist selbstverständlich, allerdings verwundert die Umsetzung mit ihrer stark abweichenden Schwerpunktsetzung.

Aber zunächst zum Plot: Im Mittelpunkt stehen eine Grenze und die zwei Figurengruppen, die über ihre Zugehörigkeit zur rechten bzw. linken Bühnenhälfte definiert werden. Links: Karla und Lolo, ein junges Paar, das versucht, durch eine Flucht über die Grenze dem Hunger und Elend zu entkommen. Rechts: der Soldat, der die Gesetze und die Grenze uneingeschränkt verteidigt; außerdem Barbesitzer Leonidas und Eveline, die Karla und Lolo nach dem gescheiterten Fluchtversuch kaufen, um mit ihnen als Prostituierte bzw. als „Rockidol“ Geld zu verdienen. Die Handlung legt sich auf keinen konkreten Zeitpunkt fest, ja, sie ist erschreckend zeitlos. Dass Maly-Motta im Vorgespräch mit Christina Zintl erzählt, dass er bereits seit den 90ern an dem Text arbeitet, erscheint genauso plausibel wie die Vorstellung, er hätte tagespolitische Ereignisse als Aufhänger genommen: Flüchtlinge, die brutal zurückgedrängt werden, die ihr Leben riskieren, um an einen Ort zu gelangen, an dem es keinen Hunger gibt, sondern Häuser „wo man einfach hingeht und dort alles ist, alles, was man brauchen kann und was nicht“; junge Frauen, denen die Flucht auf ‘die bessere Seite’ gelingt und die dort zur Prostitution gezwungen werden, da das Geld, das „in [ihnen] steckt“, zurückverdient werden will; (sinnlose) Gesetze, die nicht hinterfragt werden, und eine Gesellschaft, die blinden Gehorsam mit Beförderungen und „[einem] Streifen mehr am Rock“ belohnt. „Und damit das so bleibt, macht man bei uns ein Kreuz auf ein Papier und dann ists gut“.

Zurück zur Inszenierung: Bereits das Bühnenbild verwundert. Maly-Mottas deutliche Regieanweisung, die eine weiße Linie vorsieht, welche die Bühne teilt und sich im Laufe des Stückes verschiebt, wurde ersetzt durch vier unterschiedlich große Jetonstapel, auf denen Karla, Lolo, Leonidas und Eveline agieren; lediglich der Soldat kann sich innerhalb des Quadrats, auf dem die Stapel stehen, frei bewegen (die Sonderstellung, die dem Soldaten zukommt, erschließt sich dem Publikum indes nicht). Durch diese Umsetzung geht die Grenzmotivik verloren; wirtschaftliche Aspekte rücken in den Vordergrund. Außer Acht gelassen wird bei der szenischen Darbietung darüber hinaus die bemerkenswerte Entwicklung der Beziehung zwischen Karla und Lolo. Während sie begreift, dass das reine Ausbleiben von Hunger noch lange nicht Glück bedeutet und an ihrem Dasein in Leonidas Bar zugrunde zu gehen droht, wird Lolo zunehmend zur hohlen Puppe Leonidas und Evelines. Mithilfe der Pistole des Soldaten, welche sie ihm unbemerkt entwendet hat, will Karla zusammen mit Lolo fliehen („Damit können wir gehen. Damit sind wir frei!“). Dieser aber verrät sie an den Soldaten, dessen Doktrin „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ er verinnerlicht zu haben scheint. Der Verrat und der anschließende Mord an Karla werden in der Inszenierung ausgespart. Die Darbietung endet damit, dass Karla mit der Waffe des Soldaten Leonidas Bar verlässt. Somit schafft die Inszenierung ein offenes Ende, Platz für Hoffnung. Ein krasser Gegensatz zu dem erdrückenden Text, in dem Karla bereits in der ersten Szene feststellt „Für ein Unglück gibts kein Gesetz und keine Grenz [sic!]“.

Der Text stellt große Fragen, die zeitlose Gültigkeit beanspruchen; Fragen nach Gerechtigkeit, Verteilung, dem Wert des Einzelnen in einer Gesellschaft, nach dem Glück und den Folgen einer Konsumgesellschaft. Er tut dies weder übertrieben pathetisch noch beschönigend. Ganz im Gegenteil ist er getragen von einer erschreckenden Klarheit. Das ernüchternde, hoffnungslose Ende erscheint daher angemessen. Der Inszenierung hingegen gelingt es nicht, diese Fragen adäquat auszustellen. Es fehlt der rote Faden, die Figurenentwicklung wird nicht nachgezeichnet und die Entscheidung, das Publikum in ein offenes Ende zu entlassen, erscheint zumindest fragwürdig. Es ist sehr schade, dass das Potential dieses Texts nicht ausgeschöpft wurde. Beim Zuschauer bleibt das unbefriedigende Gefühl, dass die Inszenierung der vielschichtigen Vorlage nicht gerecht wird.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen





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