Deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung

Über Werner Beschs Buch „Luther und die deutsche Sprache“

Von Cornelia ReinhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Cornelia Reinhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Man könnte eine ganze Vorlesung über den Einfluss Luthers auf die deutsche Sprache halten“, sagte einst eine Linguistik-Dozentin. Aufgrund des großen Potenzials des Themas greift man erwartungsvoll zum Buch „Luther und die deutsche Sprache. 500 Jahre Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung.“ Hierbei ist vor allem der Hinweis auf die neuere Forschung interessant. Denn: Seit Luthers Bibelübersetzung und seinem Sendbrief zum Dolmetschen beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Auswirkung des Geistlichen auf die deutsche Sprache. Viele Theorien sind – vor allem im germanistischen Diskurs – durchaus bekannt und anerkannt. Die Studie von Werner Besch, einem ausgezeichneten Wissenschaftler und Kenner der deutschen Sprache, verspricht viel.

Doch wer ist die Zielgruppe? Im Vorwort findet sich folgender Hinweis: „Der Autor hofft, mit einer gut verständlichen Sprache ein breites Publikum zu erreichen, insbesondere sprach- und konfessionsgeschichtlich Interessierte. Mit Blick auf germanistische Fachvertreter ist der Anmerkungsapparat ausführlicher angelegt und auch das eine oder andere Kapitel […] etwas detailliert abgehandelt. Wen das ‚stört‘ der kann ja die entsprechenden Seiten überblättern.“ Es soll also ein populärwissenschaftliches Buch sein, das sich ebenso an Fachwissenschaftler richtet – ein schwieriges Unterfangen. Interessant ist auch der Zusatz zur Handhabung des Buches: man könne auch Seiten überblättern. Das kann man an einigen Stellen durchaus tun, da der Text voller Redundanzen und bekannter Fakten ist.

Das erste Kapitel gibt eine Einführung in das Thema Luther, bezüglich der Zeit, der theologischen Zustände und der Übersetzungsgewohnheiten. Es werden konkrete Fragen gestellt, die im Zuge der Monografie beantwortet werden sollen. Dies betrifft unter anderem auch die Zeit vor Luther und die Luther-Rezeption danach. Der Bogen ist ebenso umfassend gespannt wie die Zielvorgabe gering anmutet: „Es ist ja an der Zeit, dass auch die Sprachgemeinschaft Deutsch endlich eine stimmige Antwort auf die häufig gestellte Herkunftsfrage geben kann.“

Das Werk erläutert, wie es um die Schreibsprachen vor Luther stand. Werner Besch bezieht sich hierbei dezidiert auf seine Habilitationsschrift. Die Ergebnisse gehören längst zum Standardrepertoire in der germanistischen Linguistik. Sprachkarten zeigen anhand einzelner Beispielwörter (schreib-) sprachlich-regionale Unterschiede auf. Nichts Neues, aber als kurzweilige zeitliche Hinführung durchaus akzeptabel. Hier wird eine Annäherung an Luthers Übersetzungstheorie vorgenommen und die Kanzleisprache, die für Luthers sprachliche Arbeit grundlegend ist, thematisiert. In Berufung auf die Arbeit Kettmanns und weiteren Forschern wird in Kapitel III dieses Thema ausgeführt beziehungsweise zusammengefasst. Nichts Neues.

Es wird die Entstehungs- und Veröffentlichungssituation angesprochen, ebenso wie die Besonderheit bei Luther, das „Sinnprinzip“ im Gegensatz zur bis dato etablierten Wort-für-Wort-Übersetzung. Außerdem wird kurz thematisiert, dass es zeitgleich durchaus andere Bibelübersetzungen gab, auch gegenreformatorische. An dieser Stelle böte sich an, diese kulturellen und theologischen Auswirkungen auszuführen. Konkrete Übersetzungsbeispiele anhand Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ werden referiert. Aber es soll eben veranschaulicht werden, dass Luther die echte deutsche Sprache nachahmen will und nichts von künstlichen Formulierungen hält (viel zitiert: Luther schaut dem ‚Volk aufs Maul‘). Zitiert wird eine Zusammenstellung von Friedhelm Debus, der vier Texte (Hebräischer Urtext, Vulgata, Luther- und Eck-Übersetzung) nebeneinander abdruckt. Eine genaue Betrachtung einzelner Passagen, konkrete Beispiele, werden nicht erläutert, es wird nur ein achtzeiliges Fazit geschrieben: Ecks Übersetzung ist wörtlich orientiert, Luther hingegen „erreicht einen hohen Stil muttersprachlicher Prägung“. Dieser Abschnitt erscheint eher als notgedrungene Überleitung zum nächsten Kapitel, das ebenso beginnt: mit der Sprachmächtigkeit Luthers und seiner lebenslangen Spracharbeit. Das Buch wirkt wie ein Sammelsurium, eine Collage. Wichtige Quellen sowie Forschungsergebnisse werden zwar angeführt und dienen als Wegweiser im Luther-Sprach-Diskurs. Interessante Phänomene wie Neuerungen in Wortform und -inhalt werden genannt, jedoch hierbei auf andere Quellen verwiesen, die ebendiese erläutern. Sie werden nicht als Ausgangsbeobachtungen für neue Ansätze genommen, wie es in diesem Buch zu erwarten wäre.

Zum Thema Sprachmächtigkeit/Sprachbegabung – auch im Hinblick auf die Hörer-/Leserorientierung – wird ein kurzer Exkurs gebracht und auf die frühneuzeitliche schulische Rhetoriklehre, die hierbei eine Rolle gespielt hat, verwiesen. Es wäre interessanter, an solchen Stellen Beispiele zu zeigen, Passagen aufzuführen und dieses zu veranschaulichen als lediglich die lateinischen Begriffe aufzuzählen. Immerhin wird thematisiert, dass für den gemeinen man das Stilmittel der Redundanz dem Verständnisprozess zu Gute kommt – dies wird auch im vorliegenden Buch angewendet. Die Frage ist nur, inwieweit dies intendiert ist.

Das Kapitel zur Verbreitung der Lutherbibel und den sprachlichen Reaktionen der Regionen im 16. bis 18. Jahrhundert ist fundiert, weil es anhand konkreter Beispiele das Thema anschaulich darstellt. Vor allem das Aufführen von Glossaren zur Lutherbibel, die der Autor dann auch miteinander vergleicht, öffnet den Blick für eine besondere Art der Lutherbibel-Rezeption. Auch aufgeworfene Themen wie die Übersetzungspraxis (Niederdeutsch/Schweizerisch) sowie die Tatsache, dass Martin Luther teilweise nicht auf den Titelblättern der Bibelausgaben genannt wird, bergen sowohl kulturwissenschaftliche Forschungsansätze wie auch sprachwissenschaftliche.

In den 1970er-Jahren hat ein Schüler Beschs, Dirk Josten, über „Sprachvorbild und Sprachnorm im Urteil des 16. und 17. Jahrhunderts: sprachlandschaftliche Prioritäten, Sprachautoritäten, sprachimmanente Argumentation“ promoviert. Seine Ergebnisse – nicht irrelevant für das Buch – werden auf 15 Seiten zitiert. Hier wäre es doch sinnvoll gewesen, lediglich Ergebnisse zu referieren und anhand dieser eigene Überlegungen anzustellen. Aber sie werden hier „zusammenhängend, wenn auch in gedrängter Form“ eingebracht. Das wird weder dem vorliegenden Werk noch den Bemühungen Jostens gerecht.

Drei Namen, die zumeist gemeinsam auftauchen, und zwar immer da, wo es um Entstehungstheorien der deutschen Schriftsprache geht, sind Müllenhoff, Burdach, Frings. Also begegnen sie uns auch hier. Ihre Theorien werden erklärt, die bekannten Grafiken angeführt. Grundlagen, die vorausgesetzt werden können, es würde jeweils ein Satz reichen, um die Grundgedanken dieser drei Theorien zu erklären, Besch aber füllt ein ganzes Kapitel, das folgendermaßen endet: „Das hier vorliegende Buch ist alles in allem ein Versuch, genau diese Fragen nach Luthers Rolle in der deutschen Sprachgeschichte zu beantworten.“ Wir sind gespannt und freuen uns, denn endlich geht es wieder um Luther. Doch schon im nächsten Kapitel kommt die Ernüchterung: „Mit diesem Kapitel wendet sich der Blick bewusst ab von Luther.“

Es geht konkret unter anderem um Korpusarbeit – wie sie funktioniert und warum sie von hohem Wert für die Forschung ist. Vor allem wird hervorgehoben, welche Ergebnisse durch das Bonner Korpus, an dessen Erscheinung der Autor selbst beteiligt war, hervorgebracht hat. Und es werden Grundlagen referiert, zum Beispiel zur Bildungsweise von starken und schwachen Verben, zur e-Apokope und zum „Luther“-e.

Kapitel X handelt von Luther und der Entwicklung der deutschen Sprache und geht der Frage nach, ob er „Sprachschöpfer“ oder „Nachzügler“ war. Dieses Kapitel hat interessante Anklänge, verstrickt sich jedoch in Redundanzen. Ein interessanter Ansatz ist der Blick auf die Sprachgesellschaften (weit nach Luther, versteht sich). Unbestritten hatten diese einen nachhaltigen Einfluss auf die Ausprägung einer einheitlichen deutschen Sprache. Das Ende dieses Abschnitts ist überraschend und fragwürdig: der Verweis auf Günter Grass’ „Treffen in Telgte“. Ein klarer Fall von name dropping. Diese Anmerkung hätte in eine Fußnote gehört.

Ein anregendes Kapitel über den langen Weg zur Einheit der deutschen Sprache besticht durch konkrete Beispiele, die jedoch teilweise nur angedeutet und ohne konkrete Quellen angeführt werden. Am Ende verläuft sich das Buch in verschiedene Richtungen: Zum einen wird ein Vergleich mit der englischen und französischen Sprache angestrengt, zum anderen folgt ein kurzer Blick auf die Entwicklung von Orthografiebemühungen, einheitlicher Bühnenaussprache bis hin zu Konrad Duden et al. Beides ist kurzweilig und als Konklusion durchaus ansprechend. Eine zu erwartende Zusammenfassung, ein Fazit fehlt. Die Endnoten sind zwar recht ausführlich und vollständig, jedoch wäre ein Literaturverzeichnis am Ende sinnvoll gewesen, da dies für Forschungsinteressierte einen guten Überblick bietet.

Zur drucktechnischen Verarbeitung des Bandes: Auffällig ist eine mehr oder weniger plötzliche Aufführung von verschiedenen Abbildungen – hierfür ist ein farbig bedruckter Bogen eingefügt worden. Dieser jedoch nicht am Ende des Werkes, sondern unvermittelt vor dem letzten Kapitel. Dies ist ein typischer Abbildungsanhang und gehört hinter den letzten einfarbig bedruckten Bogen.

Grundsätzlich folgt der Band keinem chronologischen Ablauf – auch wenn dies von der Gliederung her so erscheint – und verwirrt daher streckenweise. Außerdem wird Luther nur an wenigen Stellen konkret thematisiert. Und das, obwohl er Namensgeber des Buches ist. Wäre es nur nach dem Untertitel benannt, würde der Inhalt besser mit dem Titel korrespondieren. Es handelt sich eher um ein Grundlagenwerk, das auf Grundlagenwerke verweist und sich dadurch durch eines auszeichnet. Über Luther lernt man wenig. Das Buch dient allenfalls als Einstiegswerk in die Sprachgeschichtsforschung.

Titelbild

Werner Besch: Luther und die deutsche Sprache. 500 Jahre deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 2014.
181 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783503155224

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