Von Weimar zu Hitler

Der Franzose Jacques Decour liefert 1932 mit „Philisterburg“ eine brillante Zustandsbeschreibung des damaligen Deutschland

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„,Junger Mann, Sie reisen nach Deutschland, Sie haben eine Mission zu erfüllen. Eine heilige Mission! Sobald wir die Grenze überschreiten, werden Sie zu einem der Botschafter unseres Landes. Erweisen Sie sich dieser Aufgabe würdig! Fahren Sie dorthin, wie unsere Weißen Väter zu den Wilden fuhren, um ihnen die Frohe Botschaft zu bringen!“

Fast flüsternd, aber mehr als selbstbewusst spricht der französische Bankier auf seinen jüngeren Landsmann ein, der ihm im Zug gegenüber sitzt. Während der Banker von Paris nach Lüttich fährt, um Geschäfte abzuwickeln, reist der Ich-Erzähler weiter nach „Philisterburg“, um dort ein halbes Jahr als Hilfskraft an einem Gymnasium zu arbeiten. Philisterburg – das ist Magdeburg. Jacques Decour ist der Autor des gleichnamigen Buches, das 1932 in Frankreich erschien und für einen Skandal sorgte.

Allzu verständlich, denn Decour kritisiert die Deutschland mehrheitlich distanziert, wenn nicht gar feindlich gesinnte Politik Frankreichs samt ihrer konservativen Presse. Decour weigert sich, die gängigen Klischees von den „Boches“ – gut zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs – zu akzeptieren. Auch deswegen nimmt er im Oktober 1930 eine Stelle in Magdeburg an, um eigene Erfahrungen zu sammeln: „Ich habe mich zum Sehen entschlossen. Meine Vorurteile kenne ich ja, ich will sie, so gut es geht, außen vor lassen.“

Sein knapp 100-seitiges Buch „Philisterburg“ ist Tagebuch und Erzählung in einem und in mehrfacher Hinsicht ein kleines Meisterwerk. Der 1910 als Daniel Decourdemanche geborene Autor schildert nicht nur anschaulich und unterhaltsam; er reflektiert das in der preußischen Stadt Erlebte und Gedachte auch permanent und unterzieht es scharfer Kritik, worauf der Übersetzer Stefan Ripplinger in seinem informativen Vorwort hinweist: „Philisterburg zeigt die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben.“

Es ist erstaunlich, mit welcher Präzision und welchem Weitblick der junge französische Hilfslehrer, der an der Sorbonne Germanistik studiert hat, die angespannte politische, wirtschaftliche und soziale Situation Anfang der 1930er-Jahre rechts des Rheins skizziert. Auch wenn er mehrfach betont, dass Philisterburg nicht Deutschland repräsentiere – Decours Debüt liefert ein Abbild der Weimarer Gesellschaft. Dieser Eindruck entsteht durch die Typen, die der erst 22-jährige französische Autor ironisch bis bissig zeichnet – etwa den angestaubten und karikaturhaft anmutenden Rektor Dr. Bär, die durch die Inflation verarmte spießbürgerliche Witwe Grimm, bei der der Ich-Erzähler wohnt, und der mit ihm etwa gleichaltrige Kaufmann Adler, der in Adolf Hitler und seiner Bewegung die Erlösung sieht.

Decour empfindet Philisterburg mit seinen gleichförmigen Bauten als farb- und seelenlos und die Mehrheit seiner Bewohner, ob alt oder jung, als konservativ, intolerant und knauserig, etwa was die „Dosierung des Genusses“ angeht. Reproduktionen von Friedrich II., Bismarck und Hindenburg hängen in den Wohnungen der Bürger. Goethe steht in ihren Regalen, wird aber nicht gelesen – stattdessen Arnold Bronnen.

Aber noch ein anderer Umstand macht Jacques Decours „Philisterburg“ zu einer brillanten Zustandsbeschreibung: Nach Deutschland kommt der Franzose kurze Zeit, nachdem Reichstagswahlen stattgefunden und der NSDAP über 100 Sitze eingebracht haben. Es gelingt Decour überzeugend, dem Leser die aufgeheizte Stimmung jener Zeit nahe zu bringen. Und zwar dadurch, dass er zwischen Stadtbeschreibung und Selbstreflexion Gespräche mit Erwachsenen und Jugendlichen einbaut. Seine Schüler lehnen Heinrich Heine als nichtdeutsch, weil jüdisch ab, geben den Sozialdemokraten die Schuld an der Krise und sehen nur in einer autoritären Regierung eine Chance für einen Neuanfang: „Bei jeder Gelegenheit beruft man sich auf Prinzipien, an jeder Ecke stößt man auf Ideen-Zustände. Es sind die heroischen Zeiten der Republik. Überall Glaube, Fanatismus.“

So wenig schmeichelhaft er die Deutschen auch darstellt – Decour analysiert zugleich die Politik der Regierung in Paris und gibt ihr eine Mitschuld an der Polarisierung und Radikalisierung im Nachbarland, insbesondere am Erstarken Hitlers, den er den „Sohn des Versailler Vertrags“ nennt. Decours Resümee: „Der Nationalismus wird Deutschland nicht retten. Er wird nur eine unaufhaltsame Entwicklung verzögern. Wenn wir aber Deutschland seinen Nationalismus vorwerfen, stellen wir unsere eigene Blindheit unter Beweis, denn wir haben ihn selbst in Gang gehalten und mit Argumenten unterfüttert.“

Mit der „unaufhaltsame[n] Entwicklung“ meint Decour ein vereintes Europa mit Frankreich und Deutschland als den beiden Kernländern, für das er leidenschaftlich eintritt. Dennoch ist er Realist genug, um zu erkennen, dass vorerst ein neuer Krieg wahrscheinlich ist, weil keine der beiden Seiten zu einer wirklichen Verständigung bereit ist: „Im Augenblick heißt Hinauszögern nicht, Zeit zu gewinnen, sondern den Eintritt der Katastrophe zu beschleunigen.“ Verblüffend ist dabei, dass Decour einige Verbrechen, die die Nazis nach ihrer „Machtergreifung“ verüben – die Verfolgung der Juden und der politischen Opposition, die Aggression gegenüber der Tschechoslowakei und Polen –, in seinem Buch schon andeutet: Hier spuken sie allerdings noch in den Köpfen der jungen Menschen.

Die Lektüre von „Philisterburg“ ist für den deutschen Leser ein absoluter Gewinn. Die Übersetzung von Stefan Ripplinger ermöglicht ihm einen frischen, ungewöhnlichen Blick auf die Endzeit der Weimarer Republik. Jacques Decours Analysen sind scharf und knapp formuliert, aber nie endgültig. Er erhebt keinen Anspruch auf absolute Wahrheit, vielmehr strebt er Unparteilichkeit an, wie er in seinem eigenen kurzen Vorwort schreibt. „Philisterburg“ ist das Werk eines Menschenkenners, eines wachen, engagierten Schriftstellers, der sich zu denen zählt, „die glauben, dass Ansichten verpflichten“.

Titelbild

Jacques Decour: Philisterburg.
Übersetzt aus dem Französischen von Stefan Ripplinger.
AB - Die andere Bibliothek, Berlin 2014.
125 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783847730057

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