Die Spur führt nach Afrika

In Mukoma wa Ngugis Debütroman „Nairobi Heat“ sucht ein afroamerikanischer Polizist nach Gerechtigkeit und seinen Wurzeln

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Joshua Hakizimana ist ein Held. Bill Clinton, Nelson Mandela, Bill Gates und der Dalai Lama haben sich mit ihm abfotografieren lassen. Hollywood-Schauspieler unterstützen seine Never Again Foundation mit Abermillionen Dollar und dem populären Slogan „Nicht vor meinen Augen!“. Mit dem Geld – so glauben die Spender jedenfalls – wird Gutes getan in Afrika. Aber es dient nicht zuletzt auch der eigenen Gewissensberuhigung.

Denn niemand hat eingegriffen, als im Jahre 1994 innerhalb von vier Monaten in Ruanda von Regierungstruppen, Polizeieinheiten und Zivilisten etwa eine Million Tutsi brutal ermordet wurden. Nur Menschen wie der ehemalige Schuldirektor Joshua Hakizimana bewiesen Zivilcourage und stellten sich dem Irrsinn des Genozids entgegen. Indem er seine leere Schule Verfolgten als Unterschlupf zur Verfügung stellte und diese Menschen später über die Grenze in Flüchtlingscamps nach Tansania oder Kenia schmuggelte, hat der Mann – so heißt es –wahrscheinlich Hunderten das Leben gerettet. Inzwischen lehrt er an der Universität von Madison/ Wisconsin, hält Vorträge und genießt seine Popularität. Bis er eines Abends vor seinem Haus eine tote junge Frau entdeckt. Dass Joshua die Unbekannte nicht kennt und – wie er beteuert – mit dem brutalen Mord nichts zu tun hat, nimmt ihm Ishmael, der ermittelnde schwarze Detective, freilich nicht ab.

Mukoma wa Ngugi – Sohn des kenianischen Schriftstellers und Nobelpreisanwärters Ngugi wa Thiong’o, Literaturwissenschaftler und bekannter Kolumnist – hat mit „Nairobi Heat“ seinen ersten Roman vorgelegt. Spannend und in hohem Tempo erzählt er darin die Geschichte eines Mannes, der sich, indem er sich um die Aufklärung eines Verbrechens bemüht, gleichzeitig auf den Weg zu seinen Wurzeln begibt.

Es ist ein geheimnisvoller Anruf, der Ishmael dorthin lockt, wo die Geschichte Joshua Hakizimas und der mit ihm Verbündeten begann: ins dunkle Herz des afrikanischen Kontinents. In Kenia will er der Vergangenheit des Professors, um den sich so viele Legenden ranken, auf die Spur kommen. Gemeinsam mit einem kenianischen Kollegen, der ihn in die Sitten und Gebräuche vor Ort einführt, und einer jungen Frau, in die er sich schnell verliebt, begibt er sich auf die Spuren des als Held Gefeierten und einer Organisation, die vorgibt, im Namen der Gerechtigkeit an den Opfern von damals wiedergutzumachen, was man einst versäumte. Doch das fern von Afrika zur Gewissenberuhigung reichlich gespendete Geld versickert in dunklen Kanälen. Und je näher Ishmael der Wahrheit kommt, umso gefährlicher wird es auch für ihn.

Als er dem „Schwarzen Schindler“, wie seine zahlreichen Anhänger Professor Hakizimana nennen, endlich nachweisen kann, dass der nicht so unschuldig am Tode des jungen weißen Mädchens ist, wie er zunächst behauptet hatte, und die Legende um den aufopferungsvollen, täglich aufs Neue sein Leben riskierenden Mann Riss um Riss bekommt, gelingt es Ishmael dennoch nicht, der Gerechtigkeit, wie er sie versteht, zum Siege zu verhelfen. Die „gut ausbalancierte Geldmaschine“ der Foundation kommt nur kurz ins Stottern, ehe sie wie eh und je weiterläuft. Und auch die Schule, die zu Zeiten des Genozids in Ruanda in Wahrheit alles andere war als ein Hort der Sicherheit, darf sich weiterhin „Joshua Hakizimana High School“ nennen.

Was bleibt dem schwarzen Polizisten Ishmael da anderes übrig, als das Recht, das alle, die die Macht dazu haben, zu ihren Gunsten beugen, in die eigene Hand zu nehmen. Im Polizeidienst sieht er danach freilich keine Perspektive mehr für sich. Und so geht er zurück nach Nairobi, um mit seinem neugewonnenen Freund David Odhiambo eine Detektivagentur zu gründen, die dafür sorgen soll, dass auch dem Guten eine Chance gegeben wird. Die amerikanischen Leser Mukoma wa Ngugis konnten die Fortsetzung von „Nairobi Heat“ bereits lesen – wir müssen auf die Übersetzung hoffentlich nicht zu lange warten.

Titelbild

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat.
Übersetzt aus dem Amerikanischen Englischen von Rainer Nitsche.
Transit Buchverlag, Berlin 2014.
176 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783887472993

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