Eine Theaterautorin wagt den Schritt ins Prosaische

Die Dramatikerin Katharina Gericke ist eine der sechs deutschen Kandidatinnen beim Bachmannpreis 2014

Von Katharina TummesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Katharina Tummes

Katharina Gericke liest beim Bachmannpreis auf einer vergleichsweise kleinen Bühne, wenn man bedenkt, welche Bühnen ihre Stücke sonst bespielen. Und da sind wir auch schon bei dem Verwunderlichen, denn mit ihr schreibt eine Dramatikerin für einen Wettbewerb, bei dem hauptsächlich Prosatexte vorgetragen werden, und im Videoporträt zum Bachmannpreis bezeichnet Gericke das gelegentliche Schreiben von Kurzgeschichten als Urlaub von der Dramatik. 1966 in Kyritz geboren, scheint ihre große Liebe aber – von einem kleinen Intermezzo mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaft abgesehen –  das Theater zu sein. Einem Volontariat am Hans-Otto-Theater Potsdam folgten ab 1990 das Studium der Germanistik sowie Theaterwissenschaft und die Fortsetzung ihrer Ausbildung im Szenischen Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin.

Ihr erstes Stück „Maienschlager“ wurde in Heidelberg aufgeführt und gewann auch sogleich den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts. Während ihrer mehrjährigen Arbeit als Hausautorin für die Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven entstanden weitere Stücke wie z.B. „Der Graf von Monte Christo“. Auffällig an ihren Arbeiten ist, dass sie sich gerne an historischen Motiven oder Figuren abarbeitet. Schon ihr Erstlingswerk erzählt die Geschichte einer utopischen Liebe zwischen einem Juden und einem Nazi-Jungen während der NS-Zeit. Aber auch andere Epochen der deutschen Geschichte inspirieren Gericke, so dass Stücke zur Wende entstehen wie z.B. „Buckliges Mädchen“, in dem zwei Familien eine gemeinsame Hochzeit planen müssen, die symbolträchtig am 9. November 1989 stattfindet. Die Wende wird ignoriert, bis sie die Menschen einholt. Selbst eine Wendebiografie mitbringend, versucht die Autorin weniger das politische System anzuprangern als vielmehr die Masse an Schweigenden in den Fokus zu rücken, welche die Basis jeder Diktatur darstellt.

Tatsächlich bildet die Historie vielmehr die Folie, auf der die Autorin Geschichten über Menschen erzählt, als dass sie im Fokus stünde. Die Schreibweise Gerickes ist eher unkonventionell, die Sprache bisweilen stakkatohaft, und die Autorin liebt das Fragmentarische. „Aufmüpfig – schlechte Schulnoten – hört nicht – fing an zu rauchen. […] Erklärt sie den Riss im Bild vom Vater – dem Verdienten Lehrer des Volkes?“ („Buckliges Mädchen“)

Dass Katharina Gericke eine in einem historischen Kontext spielende Erzählung lesen wird, liegt nahe. Mit Spannung hingegen darf erwartet werden, ob ihre auf der Bühne erprobte Sprache den Weg zur Erzählung findet.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen





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