Liebe und Verbrechen in Zeiten der Prohibition

Dennis Lehanes „In der Nacht“

Von Daniel AmmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Ammann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte setzt mit einem kinoreifen Cliffhanger ein. Joe Coughlin sitzt gefesselt auf einem Schlepper im Golf von Mexiko. Seine Füße stecken in einem Block Zement und ein Dutzend schwer bewaffneter Mobster warten darauf, ihn über Bord zu kippen. Die aus Mafiafilmen bekannte Szene ist so einfach wie effektvoll, und sie wirft zwei dramaturgische Fragen auf, die auf den folgenden 500 Seiten beantwortet werden: Wie ist Joe in diese missliche Lage geraten, und wird die Sache für ihn glimpflich ausgehen? Lehane blendet sieben Jahre zurück und lässt den kriminellen Handlanger Joe in Boston erst einmal jener Frau über den Weg laufen, die alles ins Rollen gebracht hat.

Zur schicksalhaften Begegnung kommt es bei einem Überfall auf eine Pokerrunde im Hinterzimmer eines Ladens, der ausgerechnet dem Rivalen von Joes Boss gehört. Joe verliebt sich in die kecke Emma Gould und nähert sich ihr, obwohl er weiß, dass auch sie dem Gangsterboss Albert White gehört.

1926 steht die amerikanische Prohibition in der Halbzeit. Alkoholschmuggel, Schwarzbrennereien, Spielhöllen und Flüsterkneipen befinden sich in den Händen rivalisierender Gangsterbanden. Der Arm des Gesetzes greift zu kurz, weil auch Polizeibeamte und Richter auf den Gehaltslisten des organisierten Verbrechens stehen.

Joe entgeht nach einem Hinterhalt knapp dem Tod und verliert seine Geliebte. Kaum ist er wieder auf den Beinen, wandert der Sohn des stellvertretenden Polizeichefs für einen Bankraub mit blutigem Ausgang fünf Jahre hinter Gitter. Im Zuchthaus nimmt ihn der Kopf des italienischen Pescatore-Syndikats unter seine Fittiche und stationiert ihn nach der Entlassung in Ybor, Florida, um dort das große Geschäft mit geschmuggeltem Rum aufzuziehen. Joe steigt hier rasch zum mächtigsten Mann auf, findet eine neue Liebe und neue Widersacher. Die Prohibition neigt sich ihrem Ende zu und Joe muss um seine Stellung fürchten. So nimmt sich der dritte Teil von Lehanes Gangster-Epos wie ein Abgesang aus. Wie es zu der oben beschriebenen Situation kommt und wie die Geschichte ausgeht, soll hier aber nicht verraten werden.

Internationale Bekanntheit verdankt der irischstämmige Autor aus Boston vor allem den herausragenden und hochkarätig besetzten Verfilmungen seiner Romane „Mystic River“ (USA 2003, Regie: Clint Eastwood) und „Shutter Island“ (USA 2009, Regie: Martin Scorsese). Dazwischen liegt die atmosphärische Adaption eines seiner Kenzie/Gennaro-Krimis durch Ben Affleck, der auch für die Kinofassung von „In der Nacht“ vorgesehen ist.

Lehanes plastische und dialogstarke Erzählweise bietet sich für filmische Umsetzungen an. Der Autor versteht sich zudem selber aufs Drehbuchschreiben. Drei Episoden der erfolgreichen HBO-Serie „The Wire“ stammen aus seiner Feder. Angesichts seiner Vertrautheit mit kriminellen Machenschaften in Zeiten der Prohibition verwundert es daher nicht, dass der innovative Kabelsender Lehane für die vierte Staffel der Serie „Boardwalk Empire“ erneut als Berater und Autor verpflichtet hat.

Auch wenn Sky Nonhoffs Übersetzung den bissig-harten Ton des Originals nicht immer trifft, liefert „In der Nacht“ solide Unterhaltung und bietet sich nach der abschließenden 5. Staffel von „Boardwalk Empire“ als weiterführende Lektüre an.

Titelbild

Dennis Lehane: In der Nacht. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff.
Diogenes Verlag, Zürich 2013.
592 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783257068726

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