Problematische Existenzen

Erstmals publiziert Peter Hamm seine Skizzen und Porträts zur Schweizer Literatur des letzten Jahrhunderts in einem Band

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Peter Hamm (Jahrgang 1937) hat sich als Kritiker, Essayist und Herausgeber intensiv mit der Schweizer Literatur beschäftigt. In München geboren und im oberschwäbischen Weingarten aufgewachsen, entwickelte der Schriftsteller, Kritiker, langjährige Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk und Dokumentarfilmer schon früh ein Interesse für Autoren und Autorinnen aus dem Nachbarland. Ihnen persönlich nahezukommen, bedurfte es nur der kurzen Reise über den Bodensee. Hamms 16 Porträts aus mehr als zweieinhalb Jahrzehnten – der älteste Text stammt aus dem Jahr 1981, der jüngste, eine Würdigung der in Lausanne geborenen S. Corinna Bille (1912-1979) anlässlich ihres 100. Geburtstages, wurde erstmals 2012 publiziert – zeichnen sich durch Kenntnisreichtum, Feinfühligkeit und psychologisches Gespür aus. Sie neben die Texte Peter von Matts, des derzeit wohl besten Kenners der Literatur der Schweiz, zu stellen, dürfte nicht übertrieben sein.

Dabei richtet sich Hamms Fokus mit Vorliebe auf die Außenseiter, deren es im Kontext einer Literatur, die im Spannungsfeld zwischen Enge und Weite, Heimat und Fremde, Auszug und Heimkehr, Stadt und Land entstand, nicht wenige gibt. Allein ein Fünftel des Bandes hat er dem spät entdeckten Klassiker der Schweizer Moderne, Robert Walser (1878–1956), gewidmet. Der Autor von Romanen wie „Der Gehülfe“ (1908) und „Jakob von Gunten“ (1909), der im letzten Drittel seines Lebens, das er ab 1929 in Heil- und Pflegeanstalten verbrachte, mit dem Schreiben aufhörte, ist für ihn ein „Heimkehrer“ – 1913 war der in Berlin Gescheiterte für immer in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt –, der ganz aus dem Muster der an diesen Figuren überreichen Schweizer Literatur ausbricht. Denn es drängt ihn keineswegs dazu, seiner Enttäuschung über die Schweiz Ausdruck zu verleihen oder diese gar vor die Schranken eines imaginären Gerichts zu ziehen (man denke in diesem Zusammenhang an Max Frischs Stiller oder Friedrich Dürrenmatts Claire Zachanassian) – im Gegenteil: In keinem der Walser’schen Prosastücke, die sich dem Thema widmen, „gibt es auch nur den Hauch einer Heimkehrer-Enttäuschung oder gar Heimat-Anklage, vielmehr geht durch alle so etwas wie ein starkes Aufatmen“.

Für Hamm kennzeichnet Robert Walser vor allem dessen „Bewusstsein vom Rande als dem eigentlichen Zentrum“, seine quer zur Epoche stehende „Ortsbeharrlichkeit“ und die „Zuschauerrolle“, die er zur poetischen Prämisse erhob. In Walsers Figuren sieht er keine Agierenden, sondern Betrachtende, Sich-klein-Machende mit einem starken Sensorium für die sozial Ausgegrenzten, das dennoch nie in Rebellion umschlägt. Und er folgt dem deutschen Namensvetter des Schweizers, Martin Walser, in dessen Ansicht, dass Robert Walser ein unübertroffener Meister gewesen sei in der „Vernünftigsprechung eines Übels“, also noch sein Scheitern als Triumph zu verstehen schien, ganz nach dem Motto: „Bin ich nichts, dann bin ich viel.“

Fast auf die gleiche Stufe wie den Bieler Robert Walser stellt Peter Hamm die St. Gallenerin Regina Ullmann (1884-1961). Für ihn ist sie „die geheimnisvollste und kühnste Schweizer Erzählerin des 20. Jahrhunderts“. Allein ihren herausgehobenen Rang konnte sie nur „um den Preis des Verkanntseins“ erreichen, eines Verkanntseins bereits zu Lebzeiten, das inzwischen und trotz einer ein Jahr vor Ihrem Tod erschienenen zweibändigen Werkausgabe in eine fast totale Abwesenheit ihrer Werke im aktuellen Literaturbetrieb übergegangen ist. Erkannte einst Rainer Maria Rilke das Talent der jungen Autorin und tat alles dafür, Regina Ullmann in ihrem literarischen Lebens- und Überlebenskampf zu unterstützen, fehlen inzwischen in ihrem Fall begeisterte Leser und Kenner, wie Carl Seelig, Jochen Greven oder Bernhard Echte und Werner Morlang das für den heute kanonisierten Walser gewesen sind.

Walser’sche „Kleinmacherei“ und die bei Ullmann diagnostizierte Verweigerung von Leistung aus einer individuell-psychologischen Disposition heraus – „Gegen Leistung war sie offenbar von Anfang an entschieden gefeit.“ – entdeckt Hamm auch noch bei anderen Autoren aus der Schweiz. So erinnert er etwa in bewegenden Essays an die – ähnlich dem am ersten Weihnachtstag 1956 erfroren im Schnee aufgefundenen Walser – in einer Julinacht des Jahres 1996 unter freiem Himmel mit Hilfe von Schlaftabletten aus dem Leben geschiedene Adelheid Duvanel oder den Lyriker Walter Gross, der in Winterthur „geboren wurde, zeitlebens wohnte und zuletzt verwahrloste“. Aber auch seine Annäherungen an den Erfinder des Wachtmeisters Studer, Friedrich Glauser – „Ich kenne keinen einzigen ernsthaften Autor, der ohne Koketterie so geringschätzig von sich dachte wie Glauser.“ – oder den ob seiner Affinität zu nationalsozialistischem Gedankengut aus einem großen Schriftsteller zu einem „Fall“ gewordenen Jakob Schaffner heben sehr genau auf das Tragische in den jeweiligen Lebensläufen ab.

Doch haben, bei aller Vorliebe für die problematischen Existenzen unter den Dichtern der Schweiz, auch die Berühmten, jene Dürrenmatt, Frisch, Bichsel und Hohl, die sich heute in den Lesebüchern wiederfinden, Peter Hamms Interesse geweckt. Wobei Ludwig Hohl, von dem Friedrich Dürrenmatt einmal sagte, er sei „notwendig, wir sind zufällig“, mit seiner vagantischen Existenz wohl so eine Art Übergangsfigur zwischen den aus ihren Lebensbeschädigungen heraus Schreibenden und jenen darstellte, die schon zu Lebzeiten dermaßen über die kleine Schweiz hinausragten, dass sie den Blick auf all die vielen in ihrem Schatten Nachwachsenden über Jahrzehnte wenn nicht verstellten, so doch entscheidend einengten.

Alles in allem wird, wer sich auf „Ins Freie!“ einlässt, belohnt mit einem vorurteilsfreien, souveränen und – an seinem großen Vorbild Max Rychner, dem der letzte Text des Bandes gewidmet ist, geschulten – meisterhaft formulierten Blick auf die Schweizer Literatur der letzten hundert Jahre. Wenn Hamm in dem das Buch beschließenden Essay feststellt, dass Rychner „oft mindestens so gut und manchmal sogar besser“ als die von ihm bewunderten Autoren schrieb, so gilt das wohl für ihn im gleichen Maße.

Titelbild

Peter Hamm: Ins Freie! Wege, Umwege und Irrwege in der modernen Schweizer Literatur.
Limmat Verlag, Zürich 2014.
223 Seiten, 29,50 EUR.
ISBN-13: 9783857917356

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