Psychiatrie und Kunst zwischen 1900 und 1930

Über den Sammelband „Moderne. Krieg. Irrenhaus“, herausgegeben von Eusebius Wirdeier, Renate Goldmann und Erhard Knauer

Von Stefanie LeibetsederRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie Leibetseder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der ansprechend gestaltete und informative Aufsatzband begleitet die derzeit laufende Ausstellung im Psychiatriegeschichtlichen Dokumentationszentrum in Düren und dem dortigen Leopold-Hoesch-Museum, die in das Projekt „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ des Landschaftsverbandes Rheinland eingebettet sind. Er widmet sich den vielfältigen Umbrüchen in der Anstaltspsychiatrie des Rheinlandes, vorrangig in den Jahren des Ersten Weltkrieges und danach, unterteilt in die zwei Abschnitte „Brüche in der Psychiatrie“ und „Kunst und Psychiatrie“. Hiermit wird ein wesentlicher, aber bisher nicht ausreichend gewürdigter Teil der Psychiatriegeschichte anhand zahlreicher Einzelaspekte beleuchtet.

Dazu zählen das fortschrittliche bauliche Erscheinungsbild der Heil- und Pflegestätten im Rheinland, die ab Mitte der 1850er-Jahre entstanden. In Anlehnung an Anstalten im englischen Königreich wurden sie in ländlicher Umgebung und nach Geschlechtern getrennt, symmetrisch im Pavillonsystem errichtet. Angegliedert waren Gutshöfe, auf denen die zum Eigenbedarf benötigten Lebensmittel von Kranken und Pflegern gemeinschaftlich erzeugt wurden.

Ideelles Vorbild für die Liberalisierung der Betreuung der psychiatrisch Kranken im Deutschen Kaiserreich war die englische „No-Restraint-Bewegung“, das heißt der Verzicht auf bis dahin übliche Zwangsmaßnahmen. Pfleger und Insassen lebten eng zusammen, da erstere auch eine Schutz- und Wachfunktion für letztere wahrnahmen.

Stellvertretend für die Bemühungen der sogenannten „Irrenärzte“ um eine professionelle Gleichstellung mit den ärztlichen Kollegen anderer Fächer und gleiche Karrierechancen stehen der Name Wilhelm Griesingers und seines Nachfolgers Emil Kraeplin.

Mit dem Anbruch des Ersten Weltkrieges sahen sich die Psychiater erstmals mit zahlreichen Fällen von kriegstraumatisierten Soldaten konfrontiert, deren Krankheitsbild man damals als „Kriegshysterie“ bezeichnete, womit man ihnen implizit Unmännlichkeit und auch Drückebergertum unterstellte. In diesem Zusammenhang wird auch dezidiert die progressive Rolle Sigmund Freuds beleuchtet, der sich in Abgrenzung zur herrschenden Militärpsychiatrie mit dem Ziel, die Kranken möglichst schnell wieder einsatzbereit zu machen, dafür aussprach, der „Arzt soll in erster Linie der Anwalt der Kranken sein, nicht der eines anderen. Zwischen der Unterordnung unter die Humanität und der allgemeinen Wehrpflicht lässt sich ein Kompromiss nicht herstellen.“

Die Behandlung der ebenfalls vorhandenen körperlichen Verletzungen der Kriegsteilnehmer erforderte zugleich eine stärkere medizinische Ausbildung der Betreuer. Der Beruf öffnete sich in der Kriegszeit zunehmend Frauen, da die Männer ebenfalls der Einberufung ins Heer unterlagen. Der durch den Weltkrieg eingetretene zivilisatorische Bruch führte somit zu einer stärkeren Professionalisierung des pflegerischen Berufsbildes.

Den Übergang zum Themenfeld „Kunst und Psychiatrie“ bilden die Ausführungen zum Wirken des bedeutenden deutschen Expressionisten Konrad Felixmüller als Anstaltswärter im Militärlazarett im sächsischen Arnsdorf. Wie er brachten auch andere Exponenten des Expressionismus, beispielsweise Ludwig Meidner, ihre Erschütterung über ihre Kriegserfahrungen künstlerisch eindrucksvoll zum Ausdruck.

Auch erfährt man interessante Details über die Entstehung der berühmten Sammlung Prinzhorn: einem Aufruf Kraeplins zur Gründung eines „Museums für pathologische Kunst“ folgend, schickten Ärzte Zeichnungen und Bilder ihrer Patienten in die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg. Für die Betreuung dieser Sammlung stand der Kunsthistoriker und Mediziner Hans Prinzhorn zur Verfügung.

Dieser inventarisierte den Bestand aus der Zeit zwischen 1840 und 1930 und machte ihn zur Grundlages eines Sammelbandes mit dem Titel „Bildnerei der Geisteskranken“ von 1922. Diese Studie bot im Zuge des wachsenden Interesses der Künstler der klassischen Moderne am Primitiven und affektiv Ungezügelten eine wesentliche Grundlage für die sich entwickelnde Kunst des Surrealismus und wirkt in der sogenannten Art Brut bis heute fort.

Durch die abgebildeten Werke von Dürener Psychiatriepatienten und die Zusammenstellung ihrer Biografien von Eusebius Wirdeier findet der Band inhaltlich seinen würdigen Abschluss, denn die Geschichte der Psychiatrie als Institution wird hier explizit in ihren Auswirkungen auf das Individuum gezeigt.

Titelbild

Erhard Knauer / Renate Goldmann / Eusebius Wirdeier (Hg.): Moderne. Weltkrieg. Irrenhaus. Brüche in der Psychatrie – 1900 bis 1930.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2014.
180 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783837511345

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