Stadt des Umbruchs und Hauptstadt der Erotik

Das Wien der Jahrhundertwende und die Sublimierung der Sexualität

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Habsburgermonarchie war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein von ungeheuren sozialen Unterschieden geprägter Staat. Neben die alten, adligen Kreise drängte sich nun das durch den wirtschaftlichen Aufschwung in der Zeit bis 1873 reich und mächtig gewordene Bürgertum, dessen bauliche Manifestation die nach dem Schleifen der alten Festungswälle an deren Stelle ab 1857 gebaute Ringstraße war. Die dortige Gründerzeitarchitektur war geprägt von repräsentativen Staatsbauten wie dem Parlament und der Hofburg in der Nachbarschaft von hochherrschaftlichen Stadtvillen in neobarockem oder neugotischem Stil. In diesem neu entstandenen Stadtviertel vermischten sich der traditionelle Hochadel, die Repräsentanten des Staates und die neue bürgerliche Oberschicht aus hohen Verwaltungsbeamten, Bankiers, Kaufleuten, Anwälten, Ärzten und Universitätsangehörigen.[1]

Auch die Familien der meisten Autoren Jung Wiens gehörten zu den Repräsentanten dieser sogenannten „Ringstraßenzeit“[2]. Der Vater von Arthur Schnitzler etwa war Professor und angesehener Chefarzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, Hugo von Hofmannsthal stammte ebenso aus großbürgerlichen Verhältnissen wie Leopold Andrian (gebürtig Leopold Reichsfreiherr von Andrian-Werburg) und so manch anderer aus der Wiener Bohème. Doch sie verschlossen – im Gegensatz zur Vorgängergeneration – nicht die Augen vor den immer deutlicher zutage tretenden Differenzen und Problemen im österreichischen Vielvölkerstaat.

Diese Probleme waren spätestens nach dem Börsenkrach vom 9. Mai 1873, bei dem auch die Familien von Schnitzler und Freud einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens verloren[3], nicht mehr zu übersehen. Dies lässt sich auch demografisch erklären: In den Jahren zwischen 1869 und 1910 verdoppelte sich die Einwohnerzahl Wiens auf über zwei Millionen, zum großen Teil wurde dieser Sprung verursacht durch die große Zahl der Einwanderer aus den östlichen Teilen des Landes und die Eingemeindung verschiedener Vorstadtbezirke.[4] Es entstanden in jenen Jahren im Zuge der massiven Expansion von Handel, Industrie und Verkehr „neue“ soziale Schichten wie etwa die Industriearbeiter, diese stellten in kürzester Zeit bereits über 50 % der städtischen Bevölkerung. Diese Heterogenität der Bevölkerung Wiens, dieses Nebeneinander verschiedener sozialer wie kultureller Milieus und Volksgruppen führte zu einer „Notwendigkeit, mit Gegensätzen umgehen zu lernen“[5] und in der Folge auch zur Ausprägung eines ganz spezifischen, kreativen Nährbodens, den gerade die Autoren Jung Wiens willig und begierig aufgriffen.

Die Risse in der scheinbar geordneten Welt der alten „Ringstraßenzeit“ wurden von den jungen Intellektuellen nicht länger verleugnet. Sie wandten sich entweder – wie Theodor Herzl – gesellschaftlich-politischen Engagements zu oder suchten Zuflucht in einer neuen Innerlichkeit. Es war nicht mehr die allseits praktizierte „fröhliche Apokalypse“[6], den die Wiener Gesellschaft meisterlich zelebrierte, sondern man zog sich zurück und versuchte, den Blick ins „Innere“ des Subjektes zu lenken.

Eine Flucht vor der Realität war das aber entgegen dem ersten Anschein nur sehr bedingt, wie auch die zahlreichen Parallelen zu zeitgenössischen wissenschaftlichen Theorien zeigen. Die Intellektuellen – und mit ihnen auch die Autoren der Wiener Moderne – erkannten in der Krise der Gesellschaft eine Analogie zur Krise des Ichs in der modernen Welt, wie sie etwa der Physiker Ernst Mach in seiner viel rezipierten Studie „Analyse der Empfindungen“ (1886) postulierte. Er wurde somit zu einem der Gründerväter der später so genannten „Nervenkunst“ der Jung Wiener. Auch die zu dieser Zeit entwickelte Psychoanalyse Sigmund Freuds wurde von den Autoren aufgegriffen und fand ihren Niederschlag im literarischem Schaffen Schnitzlers, Hofmannsthals und Saltens.

Die gesellschaftliche Realität wurde nicht ausgeblendet, die Autoren um Arthur Schnitzler, Felix Salten und Hugo von Hofmannsthal selbst und vor allem ihre Protagonisten bewegten sich in den verschiedensten, selbst in den „unfeinen“ Gesellschaftskreisen. Man denke hier etwa an Felix Saltens „Josefine Mutzenbacher“ mit ihrer ungeschönten Beschreibung der Wiener Arbeiterbezirke und Mietskasernen. Schnitzler setzte dem „süßen Mädel“ aus der Vorstadt ein literarisches Denkmal, und auch die Dirne und das „gefallene Mädchen“ wurden zum Objekt literarischer Beschreibung. Die aus den Fugen geratene bürgerliche Welt wurde zum Thema, das fragile Ich der Bohèmiens traf auf das fragile Gefüge eines kriselnden Bürgertums.

Das direkte politische Engagement war nicht die Sache der meisten Jung Wiener, die politischen Umwälzungen der Zeit werden kaum thematisiert, auch wenn sie für die Autoren persönlich von nicht unerheblicher Bedeutung sind. So konnte man im politischen Spektrum der späten 1880er-Jahre eine deutliche Schwäche der liberalen Bewegungen und eine damit einhergehende Stärkung der deutsch-nationalen Alldeutschen um den unverhohlen antisemitisch auftretenden Ritter von Schönerer und der kaum minder extremen Christlich-Sozialen beobachten. Einer der Kandidaten dieser politischen Brandstifter wurde denn auch 1895 zum Wiener Oberbürgermeister gewählt: Karl Lueger. Dessen offener und im Volk überaus populärer Antisemitismus wurde von den – mehrheitlich aus assimilierten jüdischen Familien stammenden – Autoren interessanterweise kaum thematisiert, obwohl gerade Schnitzler im Zuge der Aufführungen des „Reigen“ wiederholt selbst im Mittelpunkt solcher Hetzkampagnen stand.

Selbst Felix Salten, einer der führenden Wiener Feuilletonisten und enger Freund Theodor Herzls, äußerte sich nur selten zu explizit politischen Themen, seine Zeitungsbeiträge in der von Herzl gegründeten „Welt“ etwa, in denen er eine dezidiert zionistische Position einnimmt, erschienen unter Pseudonym. Lediglich in seinen Vorträgen – die er zumeist bei zionistischen Gesellschaften hielt – trat Salten offensiv in der Öffentlichkeit auf. Erst in späteren Jahren wurde sein Engagement deutlicher, 1925 erschien sein Palästina-Reisebericht „Neue Menschen auf alter Erde“, der die jüdischen Siedlungen in Palästina als Vorbilder herausstellt. Hinweise auf den alltäglichen Antisemitismus gibt es darüber hinaus nur einige wenige bei Schnitzler[7] und Richard Beer-Hofmann.

Deutlicheren Niederschlag findet jedoch eine andere Kontroverse, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und dessen staats- wie gesellschaftstragender Funktion. Auch hier ist es wiederum Salten, der sich mit dem überkommenen und – vor allem im Hinblick auf die Sexualität – verlogenen Gestus der katholischen Kirche und deren Repräsentanten auseinandersetzt. In „Die kleine Veronika“ etwa stellt er die naive, ländliche Frömmigkeit dar, die an der sündigen, städtischen Welt scheitert, in der „Josefine Mutzenbacher“ geraten die Figuren des Katecheten und des Priesters zu Abziehbildern einer bigotten, moralisch verkommenen Geistlichkeit.

Vor allem die vom Katholizismus mitgetragenen und geprägten Moralvorstellungen der Zeit werden von allen Autoren kontrovers diskutiert, die Diskrepanz zwischen der öffentlich verbreiteten „Anständigkeit“ und der im Privaten ausgelebten Libertinage wird in den Werken der Wiener Moderne zu einem handlungstragenden Motiv. Der Gegensatz zwischen dem „anständigen Haus“ der gehobenen Gesellschaft und dem chambre separee, in dem die Klassengrenzen aufgehoben werden und die Männer aus dem Bürgertum sich mit den Frauen aus den unteren Schichten vergnügen – aus ihm entstehen manche Konflikte der Figuren. Man befreit sich scheinbar von den Fesseln der Gesellschaft und wird letztendlich doch von den weiterhin geltenden Regeln eingeholt. Jedoch nicht ohne dass diese Regeln als das entlarvt werden, was sie sind: Sie repräsentieren eine längst untergegangene Epoche.

Diese Kritik an den Zeitumständen führte mitunter auch zu persönlichen Konsequenzen, man denke hier etwa an die Geschehnisse um „Leutnant Gustl“ und die Bloßstellung des Duellwesens, die Schnitzler seinen militärischen Rang kosteten[8]. Diese gesellschaftskritische Dimension der Jung Wiener Literatur zeigt sich, wie angedeutet, gerade in Bezug auf die herrschende Sexualmoral. Denn die Wiener Gesellschaft zur Zeit des fin de siecle wird auch immer wieder mit dem Attribut der „erotisierten Gesellschaft“ versehen. Was macht diese „Erotisierung“ aus, ist sie im Wien der Jahrhundertwende stärker ausgeprägt als in anderen Gesellschaften und, wenn ja, welche Ursachen hat dies?

Die Sexualisierung des Lebens und des Umgangs zwischen den Geschlechtern ist nicht alleine ein Merkmal jener Zeit, diese Entwicklungen lassen sich auch in anderen Gesellschaften und Zeiten erkennen. Schaut man jedoch genauer hin, so ist es beinahe trivial zu sagen, dass die Beschäftigung mit der Sexualität im Wien der Jahrhundertwende deutlicher und auffälliger ist als in anderen, „prüderen“ Zeiten. Keiner, der in der heutigen Zeit etwa die Werbung oder die Popkultur betrachtet, wird leugnen können, dass das Spiel mit der Sexualität eine Hauptrolle im zwischenmenschlichen Handeln spielt. Doch gilt dies auf den ersten Blick nicht für das Wien der Jahrhundertwende. Öffentliche Zurschaustellung zwischenmenschlicher Zuneigung oder gar sexuell motivierten Handelns war strengstens verpönt und sanktioniert. Man gab sich prüde und an sexuellen Dingen desinteressiert. Das Geschlechtliche war eine Sache, die nur innerhalb der Ehe stattfinden durfte und lediglich als ein zur Fortpflanzung und Familienerhaltung notwendiges Übel in Kauf genommen wurde. Doch jenseits dieser Vorstellungen spielte die „heimliche“ Sexualität eine immense Rolle, auch wenn diese fast ausschließlich Männern zugänglich war. Sigmund Freud schrieb 1898 in „Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen“:

„Gegenwärtig sind wir in Sachen der Sexualität samt und sonders Heuchler, Kranke wie Gesunde. Es wird uns nur zugute kommen, wenn im Gefolge der allgemeinen Aufrichtigkeit ein gewisses Maß von Duldung in sexuellen Dingen zur Geltung gelangt.“[9]

Unter der Hand jedoch florierte der Handel mit Erotika, zahlreiche pornografische literarische Werke erschienen – zumeist anonym[10]. Auch die Schriftsteller Jung Wiens beschäftigten sich ausführlich mit der Sexualität, wenn auch mehr oder minder verhüllt. So hieß es in einer 1925 erschienenen Rezension zu Schnitzlers „Fräulein Else“ vieldeutig:

„Der Inhalt gehört der bekannten Spezialität des Autors an, der Branche ,Mondänes Gesellschaftsleben’, Abteilung ,Hotel- und Kurbetrieb’, Artikel ‘Erotik und Geldgeschäfte mit tödlichem Ausgang’. Aber es versteht sich von selber, daß Schnitzler die höchste psychologische Finesse und Delikatesse entwickelt.“[11]

Felix Saltens bereits 1903 erschienene Novellen „Die Gedenktafel der Prinzessin Anna“ und „Der Schrei der Liebe“ beschäftigen sich gar mit der Öffentlichmachung eines Sexualaktes. Und in diese Zeit fällt auch das Aufkommen und das Weiterentwickeln der Sexualwissenschaft sowie die breite Rezeption der Schriften von Richard von Krafft-Ebing, Otto Weininger, Magnus Hirschfeld und anderen Pionieren dieses Wissenschaftszweiges. Die Rede von einer „erotisierten Gesellschaft“ zeugt bereits davon, dass es unter der Oberfläche zu einer zunehmenden Sexualisierung der Gesellschaft kam. Gründe für diese Erscheinung wurden gesucht und zunächst in pathologische Begriffe gefasst: Die „Erotisierung“ sei eine Folge einer wie auch immer gearteten Degeneration der Menschen. Adolf Loos, seines Zeichens Architekt, benannte in seinem 1908 erschienenen Manifest „Ornament und Verbrechen“ diese „Degeneration“ als Ursache jener Sexualisierung:

„das erste ornament, das geboren wurde, das kreuz, war erotischen ursprungs. das erste kunstwerk, die erste künstlerische tat, die der erste künstler, um seine überschüssigkeiten los zu werden, an die wand schmierte. ein horizontaler strich: das liegende weib. ein vertikaler strich: der sie durchdringende mann. der mann, der es schuf, empfand denselben drang wie beethoven, er war in demselben himmel, in dem beethoven die neunte schuf. aber der mensch unserer zeit, der aus innerem drange die wände mit erotischen symbolen beschmiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. es ist selbstverständlich, daß dieser drang menschen mit solchen degenerationserscheinungen in den anstandsorten am heftigsten überfällt. man kann die kultur eines landes an dem grade messen, indem die abortwände beschmiert sind. beim kinde ist es eine natürliche erscheinung: seine erste kunstäußerung ist das bekritzeln der wände mit erotischen symbolen. was aber beim papua und beim kinde natürlich ist, ist beim modernen menschen eine degenerationserscheinung.“[12]

Die Sexualisierung des Kulturwesen Mensch ist für Loos also eine Degenerationserscheinung, die innerhalb der modernen Gesellschaft nicht vorgesehen ist. In eine ähnliche Richtung geht – auch wenn die Herangehensweise eine wissenschaftlichere ist – Richard von Krafft-Ebing mit seiner Studie „Psychopathia sexualis“ (1886). Krafft-Ebing beschreibt darin anhand von Fallstudien vorgeblich „abnormes“ Sexualverhalten und kategorisiert dieses. Auch wenn er mit seiner Schrift dazu beitragen möchte, die so als „abnorm“ bezeichneten Menschen vor einer allzu schnellen gerichtlichen Verurteilung zu schützen, so werden von ihm viele Formen der Sexualität als „krankhaft“ bezeichnet. Das Sexuelle wird dadurch zum Pathologischen. Dies gilt in besonderem Maße für die von ihm als „konträre Sexualempfindung“ bezeichnete Homosexualität. Die Keimzelle für diese Entwicklung ist für Krafft-Ebing die moderne Großstadt:

„Dass die Grossstädte Brutstätte der Nervosität und entarteten Sinnlichkeit sind, ergibt sich aus der Geschichte von Babylon, Ninive, Rom, gleichwie aus den Mysterien des modernen grossstädtischen Lebens. Bemerkenswert ist die Tatsache, […] dass Verirrungen des Geschlechtstriebs […] bei un- oder halbzivilisierten Völkern nicht vorkommen.“[13]

Episoden des sittlichen Niedergangs im Leben der Völker fallen jeweils zusammen mit Zeiten der Verweichlichung, der Ueppigkeit und des Luxus. Diese Erscheinungen sind nur denkbar mit gesteigerter Inanspruchnahme des Nervensystems, das für das Plus an Bedürfnissen aufkommen muss. Im Gefolge überhandnehmender Nervosität erscheint eine Steigerung der Sinnlichkeit, und indem sie zu Ausschweifungen der Massen des Volkes führt, untergräbt sie die Grundpfeiler der Gesellschaft, die Sittlichkeit und die Reinheit des Familienlebens. Sind durch Ausschweifung, Ehebruch, Luxus jene unterwühlt, dann ist der Zerfall des Staatslebens, der materielle moralische Ruin eines solchen unvermeidlich.[14]

Auch für Otto Weininger ist die von ihm in „Geschlecht und Charakter“ (1903) beschriebene sexuelle Entwicklung des Menschen in weiten Teilen eine krankhafte und degenerierte, er geht sogar so weit, diesen „Degenerationserscheinungen“ eine auf,Rassenfragen’ beruhende Grundlage zu geben. Das Wien der Jahrhundertwende war also jene „Welthauptstadt der Erotik“[15], in der der moralische Niedergang gleichzeitig den Sexus zum allbeherrschenden Thema machte.

Ein zweiter Diskurs, der diese „Erotisierung“ der Gesellschaft erklären könnte, stellt die Sexualisierung des Lebens nicht als Folge einer Degeneration, sondern im Gegenteil als Folge einer starken Repressivität der Gesellschaft dar. Die Prüderie soll also die Verursacherin einer exzessiven Beschäftigung mit der Sexualität sein. Allan Janik und Stephen Toulmin fassen dies in ihrer Darstellung von „Wittgensteins Wien“ so zusammen:

„Schon die Tatsache, daß über Sexualität nicht offen gesprochen werden durfte, verbürgte, daß man sie andauernd im Sinn hatte. Weit davon entfernt, eine,Reinheit’ von Denken und Handeln zu fördern, führten die sexuellen Tabus zu einer ausgeprägten sexuellen Sensibilisierung. […] Sicher ist jedenfalls, daß es keine gesellschaftlich akzeptierte Ausdrucksform für dieses Bewußtsein gab. Die ältere Generation fasste Sexualität als anarchische Kraft auf, die vollständig von der Gesellschaft reguliert werden müsse.“[16]

Diese „Regulierung“ der Sexualität funktionierte auf verschiedenen Ebenen. Unter der Losung der Aufrechterhaltung der öffentlichen Hygiene sollte alles unter Kontrolle gehalten werden, was eine „mutmaßliche Gefährdung für Zeugungskraft [und] Nachkommenschaft“[17] darstellen könnte. Dabei spielten auch rassistische Gründe eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Stereotypen umfassten neben den „Mannweibern“, den „weibische[n] Männern“[18] und den triebgesteuerten Proletariern – dieses Bild sollte in der „Josefine Mutzenbacher“ parodistisch verwendet werden – ebenso selbstverständlich das Bild des „effeminierte[n] Juden“[19].

Die Psychoanalyse machte sich daran, diese anarchische Kraft der Triebe zu erforschen, die sich immer wieder den Weg bahnt. Die Sublimierung der Triebe führt dabei nicht nur zu psychischen Störungen, sie führt bezeichnender Weise auch zu einer Umsetzung der aufgestauten Triebenergie in kulturelle Produktion[20]. Die Sexualität wird von den jungen Schriftstellern und Künstlern ans Tageslicht geholt, die von der Moral erstickte Erotik[21] soll von ihren Fesseln befreit werden. Grundlegend ist hier der Widerstand der Jungen gegen die alte Ordnung – ein Generationskonflikt und gleichzeitig eine Reaktion auf die Krise der Identität, wie sie Mach in seiner „Analyse der Empfindungen“ beschrieb. Die frühere Generation hatte durch ihre

„Fetischisierung des Fortschritts in Wissenschaft, Ökonomie und Technik jene sprunghafte Entwicklung in den gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen eingeleitet […], die beim einzelnen in den Gefühlen der Entfremdung und Ohnmacht wiederkehren.“[22]

Und auch die „sexuelle Frage“ wird von der Vätergeneration nicht gelöst. Der Mann ist der unumschränkte Herrscher über die Familie, die Geschlechtlichkeit des Menschen ist etwas, worüber man nicht spricht. Die Frau findet ihre Rolle ausschließlich in der Familie, sie ist die Ehefrau und die Mutter. Jegliches Existieren der Frau außerhalb der Familie ist „amoralisch“[23], sobald sie ein bestimmtes Alter erreicht hat.

Anmerkungen:

[1] Vergl. Elisabeth Lichtenberger: Wirtschaftsfunktion und Sozialstruktur der Wiener Ringstraße, Böhlau, Wien 1970, S. 63.

[2] Vergl. Elisabeth Springer: Geschichte und Kulturleben der Wiener Ringstraße, F. Steiner Verlag, Wiesbaden 1979, S. 3; Karlheinz Rossbacher: Literatur und Liberalismus. Zur Kultur der Ringstraßenzeit in Wien, Jugend und Volk, Wien 1992.

[3] Vergl. Michael Worbs: Nervenkunst, Athenäum, Frankfurt a.M. 1980, S. 188

[4] Vergl. Moritz Czaky: Die Moderne in Wien und Zentraleuropa. In: Modern – Modernizm – Modernizacija. Po materialam konferencii Epocha „modern“. Normy i kazusy v evropejskoj kul’ture na rubeže XIX-XX vekov. Rossija, Avstrija, Germanija, Švejcarija = Moderne – Modernismus – Modernisierung. Materialien der Konferenz Epoche “Moderne”. Normen und Ausnahmefälle in der europäischen Kultur um die XIX-XX. Jahrhundertwende. Russland, Österreich, Deutschland, Schweiz. RGGU, Moskau 2004,  S. 26

[5] Emil Brix: Die Wiener Moderne, Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1990, S. 136

[6] Hermann Broch: Hofmannsthal und seine Zeit, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2001, S. 46

[7] so etwa in „Fräulein Else“, „Leutnant Gustl“, „Der Weg ins Freie“ und – wesentlich deutlicher – in „Professor Bernhardi“.

[8] Schnitzler wurde wegen seiner Darstellungen in „Leutnant Gustl“ vor Gericht gestellt und degradiert.

[9] Sigmund Freud: Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. In: Sigmund Freud: Studienausgabe. Herausgegeben von Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachney. Band V: Sexualleben. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2000, S. 18.

[10] Wie etwa die Felix Salten zugeschriebene „Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt“ (1906) oder die weniger pornographischen als vielmehr frivolen, ebenfalls Salten zugeschriebenen „Bekenntnisse einer Prinzessin“ (1907).

[11] so die Rezension von Hans Brandenburg In: Die schöne Literatur, Nr. 12, Dezember 1925, S. 543.

[12] Adolf Loos: Ornament und Verbrechen, Herold, Wien 1962, S. 277.

[13] Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis, Matthes & Seitz, Berlin 1993, S. 7.

[14] Ebenda, S. 6.

[15] Franz X. Eder: Diese Theorie ist sehr delikat, Zur Sexualisierung der „Wiener Moderne“. In: Nautz, Jürgen / Vahrenkamp, Richard (Hg.): Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse – Umwelt – Wirkungen. Böhlau, Wien 1996, S. 160.

[16] Allan Janik / Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien, Piper, München 1989, S. 56.

[17] Bettina Rabelhofer: Symptom, Sexualität, Trauma, Kohärenzlinien des Ästhetischen um 1900. Königshausen und Neumann, Würzburg 2006, S. 122.

[18] Vergl. Urte Helduser: Geschlechterprogramme, Böhlau, Köln 2005, S. 50.

[19] Bettina Rabelhofer: Symptom, Sexualität, Trauma, S. 122.

[20] Vergl. Sigmund Freud: Der Dichter und das Phantasieren, In: Sigmund Freud: Studienausgabe. Herausgegeben von Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachney. Band X: Bildende Kunst und Literatur. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2000, S. 172ff.

[21] Vergl. Nike Wagner: Geist und Geschlecht, Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1982, S. 208.

[22] Ebenda, S. 206f.

[23] Ebenda, S. 13.

Anmerkung der Redaktion:

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus der Studie „Lustvolles Verschweigen und Enthüllen“ von André Schwarz. Wir danken dem Autor für die Publikationsgenehmigung.

Titelbild

André Schwarz: Lustvolles Verschweigen und Enthüllen. Eine Poetik der Darstellung sexuellen Handelns in der Literatur der Wiener Moderne.
Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2012.
272 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783936134339

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