Von sprechenden Rehen und liebenswerten Dirnen

Wie der Bestsellerautor Felix Salten vergessen werden konnte. Eine Hommage und Spurensuche zum 145. Geburtstag des unbequemen Österreichers

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jeder kennt die Geschichte um Bambi, manche kennen das Buch, sehr viele mehr die Verfilmung aus dem Jahr 1942. Generationen wuchsen mit der Disney-Version des Stoffes auf. Wenn man sich aber umhört, wer denn der Autor von „Bambi“ ist, erntet man zumeist Schweigen. Denn der Wiener Schriftsteller und Feuilletonist Felix Salten ist heute nahezu unbekannt.

Dabei prägte er mit zweien seiner Büchern das kollektive Gedächtnis. Mit „Bambi“ schuf er einen Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur, mit einem anderen Werk einen Klassiker des Porno-Genres. Die fiktiven Lebenserinnerungen der Wiener Prostituierten Josefine Mutzenbacher, vorgeblich „von ihr selbst erzählt“, stammen ebenfalls aus der Feder Saltens. Zugegeben hat er das zwar nie, aber es gilt als sicher, dass er und nicht – wie ebenfalls vermutet – Arthur Schnitzler der Autor war. Ein Kinderbuch also und ein pornografischer Roman, der immer mal wieder verboten wird.

Doch das komplette, unbekannte Werk Saltens umfasst eine Fülle von Romanen, Novellen, Reiseberichten und ja, auch anderen Kinderbüchern. Zwanzig Romane, zehn Novellensammlungen, 14 Sammelbände mit Texten zur Kunst, Literatur und Politik, 13 Theaterstücke und – eine Besonderheit für die damalige Zeit – 17 Filmdrehbücher, unter anderem für Max Ophüls‘ Verfilmung von Arthur Schnitzlers Stück „Liebelei“. Dazu unzählige Zeitungsbeiträge, denn Salten war einer der profiliertesten Journalisten seiner Zeit. Und: Er war ein Bestsellerautor, dessen Bücher bis in die 1930er-Jahre beachtliche Auflagen erreichten.

Wie konnte es also dazu kommen, dass ein solcher Autor heute völlig vergessen ist?

Es gibt einige Hinweise: Salten stammte aus ärmlichen Verhältnissen, das Gymnasium musste er aus finanziellen Gründen abbrechen. Mit 21 Jahren traf er sich ab 1890 regelmäßig im Wiener Cafe Griensteidl mit anderen jungen, aufstrebenden Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann. Salten galt vielen, die diesen Kreisen nahestanden, als ein Emporkömmling, der oft auch gemieden wurde. Auch eckte Salten mit seinen Werken an. Die „Josefine Mutzenbacher“ (1906) erschien aus Zensurgründen gleich anonym, ebenso wie „Die Bekenntnisse einer Prinzessin“ (1905). Viele seiner Novellen, allen voran „Der Schrei der Liebe“ (1905) oder „Die Gedenktafel der Prinzessin Anna“ (1902), erregten mit ihrer Freizügigkeit und ihren liberalen Ideen Aufsehen. Und sie sind heute noch überaus lesenswert, wenn auch seit über 90 Jahren nicht mehr im Handel erhältlich.

Und: Salten galt in einem zunehmend antisemitischen Klima als unbequem. Er hatte als Journalist eine herausgehobene Position, 1894 wurde Salten Redakteur und Theaterkritiker bei der Wiener Allgemeinen Zeitung, eine der wichtigsten Publikationen der Zeit. Für die „Zeit“ schrieb er unter Pseudonym politische Artikel, ebenso für die von seinem Freund Theodor Herzl gegründete „Welt“, er galt als profilierter Redner und engagierter Zionist. Sein Palästina-Reisebericht „Neue Menschen auf alter Erde“ aus dem Jahr 1925 ist ein glühendes, wenn auch nicht unkritisches, Plädoyer für den politischen Zionismus. Salten sieht Großes in Palästina entstehen, ein Modell einer modernen, pluralistischen Gesellschaft, die der Vision von Herzls „Der Judenstaat“ nahekommt. Die Welt solle auf diese „neuen Menschen“ schauen und von Ihnen lernen, so schreibt er in seinem Buch.

Zum Verhängnis wurde ihm auch seine jüdische Herkunft. Zwar hatte er das Glück, noch rechtzeitig vor den Nazis dank familiärer Verbindungen in die Schweiz nach Zürich fliehen zu können, doch traf ihn der Verlust seines geliebten Wiens hart. Publikationsmöglichkeiten boten sich kaum noch. Der Zionist Salten wurde von den Schweizer Behörden nur geduldet, solange er nicht journalistisch tätig wurde. Er lebte in der Schweiz von den spärlichen Tantiemen aus dem Ausland und von seinen Tiergeschichten, die erscheinen durften. Bis zu seinem Tod 1945 geriet er so allmählich in Vergessenheit. Ganz im Gegenteil zu seinem „Bambi“, das im letzten Jahr seinen 90 Geburtstag mit einer vielbeachteten Neuauflage im Unionsverlag feierte.

Titelbild

Felix Salten: Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde.
Unionsverlag, Zürich 2012.
192 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783293004498

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