Von den Dingen des Lebens

Das „Handbuch Materielle Kultur“ fragt nach der Bedeutung von Objekten und Sachen für die Kultur des Menschen

Von Tobias SchmidtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tobias Schmidt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dinge, die uns umgeben, nehmen wir meist aus einer funktionsbestimmten Perspektive wahr. Das heißt, wir fragen uns, wie Dinge für uns und in der Welt funktionieren soll(t)en. Und doch liegt in den Dingen gleichviel mehr, das sich zu betrachten lohnt, denn über den Umgang mit ihnen wird „kulturelle Wirklichkeit, […] individuelle Identität [und] soziale Distinktion“ geschaffen und reguliert. Wie dies genau geschieht, untersucht das Handbuch Materielle Kultur, herausgegeben von Stefanie Samida, Manfred K. H. Eggert und Hans Peter Hahn in einem interdisziplinären Ansatz.

Ein Bewusstsein für die Bedeutungen der Dinge wurde erstmals innerhalb der Archäologie geweckt, als man im 19. Jahrhundert zu fragen begann, wie, wofür und weshalb bestimmte Dinge und Gegenstände benutzt wurden. Aus diesem Frageinteresse entwickelten sich Verfahren zur Beschreibung der Objekte innerhalb ihres Fundzusammenhangs, was schließlich, zusammen mit anderen Daten, zu Deutungsansätzen führte. Allmählich griff dann auch das Objektinteresse auf andere Disziplinen über, etwa die Ethnologie, wo es ebenfalls von zentraler Bedeutung ist, in welchen rituellen, sozialen Zusammenhängen Dinge und Gegenstände Verwendung finden. Schließlich wuchs um 1970 die Aufmerksamkeit auch in jenen Disziplinen, die sich weniger mit materiellen Dingen beschäftigen als mit immateriellen Entitäten. So gibt es heute auch ein starkes Interesse an Fragen der Materiellen Kultur in der Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft oder auch der Psychologie. Das Handbuch Materielle Kultur setzt sich also zum Ziel, die Materielle Kultur nicht nur als „genuinen Forschungsgegenstand der Europäischen Ethnologie/Volkskunde, der Ethnologie sowie […] auch aller archäologischen Einzelfächer“ zu verstehen, sondern als interdisziplinäres Forschungsfeld, dem in vier großen Kapiteln unter verschiedenen Schwerpunkten nachgespürt wird.

Im Kapitel „Beziehungen und Bedeutungen“ zentriert sich das Frageinteresse der Autoren auf die verschiedenen Beziehungen, welche die Dinge beispielsweise mit der Sprache, der Kultur, dem Geschlecht, der Macht oder auch innerhalb von Netzwerken eingehen. Im Artikel zu „Kultur und Materielle Kultur“ von Manfred K. H. Eggert findet sich die vom Mitherausgeber Hans Peter Hahn formulierte Definition, Materielle Kultur sei „die Summe aller Gegenstände, [die] in einer Gesellschaft genutzt werden oder bedeutungsvoll“ sind. Dies führt natürlich unweigerlich zu Fragen, wenn es beispielsweise um die Beziehung von „Sprache und Dingen“ geht, der sich Ulrike Vedder widmet. Es ist nämlich die Sprache, die „neben dem Handeln die wichtigste Dimension [ist], in der die Dinge entdeckt, in ihrer Eigenart erschlossen, mit Wünschen in Verbindung gesetzt und Zwecken untergeordnet werden“. Das heißt, Sprache ermächtigt die Menschen, sich die Dinge in ihrer Abwesenheit zu vergegenwärtigen, sie kennenzulernen, ohne wirklich mit ihnen in Verbindung treten zu müssen beziehungsweise zu können. Dabei ist auch immer der Fakt leitend, dass erst die Sprache erlaubt, Dinge im Modus der Reflexion zu betrachten, denn Dinge selbst geben über ihre Bedeutung noch keine Auskunft. Erst über die Sprache und vor allem im Ensemble mit anderen Dingen ist es möglich, mehr über die Beziehungen der Dinge untereinander, zur Welt und zum Menschen zu erfahren. Dass die aus der Interpretation der Dinge gewonnenen Bedeutungen keine feststehenden sein können, sondern dass diese auch von der Zeit der Rezeption abhängen, der „Abfolge, in der ein Betrachter Sinnzusammenhänge unter den Objekten stiftet, oder [der] Sortierung und Hierarchisierung, die von Sammlern und Ausstellern vorgenommen werden“, ist leicht nachzuvollziehen.

Das Kapitel „Praktiken und Transformationen“ fragt nach der Rolle von Dingen, Sachen und Objekten innerhalb von Konsumhandlungen, Tauschpraktiken oder auch im Modus der Verdinglichung. Deutlich tritt dann die Vielfältigkeit von möglichen Materialverwendungen und deren kultureller Bedeutung hervor. Am Beispiel des Recyclings lässt sich das ganz gut beschreiben, weil jeder Mensch in irgendeiner Form daran teilhat. „Als grundlegende Kulturtechnik“, schreibt Sonja Windmüller, steht das Recycling als Verfahren künstlerischen Praktiken wie „der Bricollage, der Montage, Collage und des Samplings“ sehr nahe, situiert sich aber sowohl am Beginn einer Produktionskette wie auch am Ende eines Produktlebens. Im Sinne einer effizienten Rohstoffnutzung werden sowohl die Abfallprodukte während der Produktion dem Recycling zugeführt, wie auch defekte oder ersetzte Dinge in den Kreislauf der Wiederverwertung integriert. Die Dinge nehmen dabei mitunter vollkommen neue Formen und Funktionen an. Umwertungsprozesse nehmen hier einen wichtigen Platz ein, wenn als wertlos betrachtete Objekte durch das Recycling wieder Wert erlangen und einer erneuten Nutzung zugeführt werden.

Im Kapitel „Begriffe und Konzepte“ werden konkrete materielle Dinge in verschiedenen Erscheinungsformen vorgestellt und deren kulturelle Bedeutung hervorgehoben. Nicht nur Abfall, Bilder, Denkmale, Fetische, Kitsch und Prestigegüter werden hier behandelt, auch Körper, Architektur, Aura oder Objektbiografien finden (neben zahlreichen weiteren Formen) Erwähnung. Unter dem Stichwort „Körper“ etwa geht Kristin Kastner den Rollen des Körpers in der Kultur nach. Spiegelt sich auf Körpern die Gesellschaft wieder oder schreiben sich gesellschaftliche Zwänge in den Körper ein, so kann der Körper auch als Subjekt innerhalb kultureller Zusammenhänge betrachtet werden, für die er dann im Kontext von embodiment-Theorien zum Akteur von Kultur wird. Schließlich werden auch Fragen nach der zunehmenden Bedeutung von Körpermanipulationen und den Grenzen von Körperlichkeit aufgeworfen.

Unter dem Stichwort „Häusliche Dinge“ nimmt Thomas Düllo jene Objekte in den Blick, die uns alltäglich umgeben und denen wir gewöhnlich wenig Beachtung schenken und die wir bloß unter funktionellen Gesichtspunkten gebrauchen. Dabei spielen genau jene Dinge für unser Befinden eine entscheidende Rolle. Häusliche Dinge „sichern […] die Identität eines Hauses, eines Haushalts und ihrer Bewohner, und strukturieren häusliche Handlungen und Entscheidungen“. Die Dinge des Haushalts, des Wohnens und des täglichen Lebens geben deshalb rege Auskunft über „soziokulturelle Wandlungsprozesse“ und damit über vergangene und gegenwärtige Zustände einer Gesellschaft.

Im Kapitel „Disziplinäre Perspektiven“ schließlich wird den Dingen, Sachen und Objekten in verschiedenen Disziplinen nachgespürt, von der Ethnologie über Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft bis hin zu Soziologie und Wissenschaftsgeschichte. Dadurch ergibt sich ein facettenreiches Bild des Forschungsfeldes Materielle Kultur und bietet dem Interessierten einen guten Überblick. Die jedem Artikel angefügte Bibliografie (in jedem der Schwerpunktkapitel) ermöglicht darüber hinaus vertiefende Lektüren für jedes der vorgestellten Stichworte, jeden Begriff oder jedes Konzept.

Bei allen bisher durchweg positiven Eigenschaften des Handbuchs Materielle Kultur gibt es leider auch Schwachpunkte, die es kurz anzuführen gilt. Gleich der erste Artikel des Philosophen Alexander Staudacher zur Beziehung der Dinge im philosophischen Kontext von „Geist und Materie“ stiftet einige Verwirrung und bleibt für das Thema der Materiellen Kultur seltsam unbestimmt, wenn Staudacher vor allem Strömungen wie den Logischen Behaviorismus, die Klassische Identitätstheorie, den Physikalismus und andere beschreibt, sich in Details und schließlich auch den Titel seines Artikels aus den Augen verliert. Für das Handbuch ist dies leider ein denkbar schlechter Auftakt.

Alles in allem jedoch ist das Handbuch Materielle Kultur ein sehr gut konzipiertes Kompendium, das dem Interessierten viele Informationen darüber liefert, wie Dinge, Sachen, Objekte und Artefakte zu lesen, zu verstehen und zu deuten sind. Dabei ist ein interessegeleitetes Lesen immer möglich, weil jeder Artikel auf die grundlegenden Gedanken und Fragen Materieller Kultur eingeht und diese auf das jeweilige Thema hin fokussiert. So eignet sich das Handbuch Materielle Kultur sowohl für detaillierte Lektüren als auch dafür, einen schnellen Überblick über Themen und Komplexe zu gewinnen.

Titelbild

Stefanie Samida / Manfred K. H. Eggert / Hans Peter Hahn (Hg.): Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2014.
378 Seiten, 69,95 EUR.
ISBN-13: 9783476024640

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