Wegweisende Edition

Der erste Band der neuen Kurt Schwitters Gesamtausgabe entdeckt in dem Dichter und bildenden Künstler einen unermüdlichen Netzwerker mit Humor und Selbstironie

Von Gabriele WixRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gabriele Wix

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Digital Humanities sind keine Zukunftsvision mehr, wir sind längst mittendrin, alternativlos, wie es scheint. Und da reibt man sich verwundert die Augen, wenn unter den vielen neuen digitalen Editionsprojekten ein gebundenes Buch erscheint, und was für ein veritables Buch: 24,5 auf 17,5 cm groß, fast 1.100 Seiten stark, rund 2 kg schwer.

Es ist dem Hannoveraner Dichter und Künstler Kurt Schwitters (1887–1948) gewidmet, und man hätte sich kaum einen besseren Künstler für eine analoge Präsentation aussuchen können. Sein ästhetischer Zugriff ist immer ein haptischer, ist immer auch plastisch, räumlich vernetzt. Schwitters Collagen sind vor allem Materialcollagen: Fahrscheine, Knöpfe, Holzstücke, Stoffreste, Zeitungsausschnitte. Sein Merzbau ist ein Gesamtkunstwerk, das als erste Installation in der westlichen Kunst überhaupt gilt. Natürlich gibt es auch – mehr oder weniger – konventionelle Texte. Aber das sind sie nur auf den ersten Blick, wenn sie sozusagen schwarz auf weiß in gedruckter Form erscheinen. Wie bei „Merz“, einem Schnipsel aus „Commerzbank“, der Schwitters künstlerischem Programm den Namen gegeben hat, verbirgt sich hinter ihnen auch immer die Schere als Schreibwerkzeug. Oder der Künstler geht zurück an die Anfänge des Schreibens und widmet ein Gedicht und gleich eine ganze Gattung seines Werks dem ersten Buchstaben, den hier jedes Kind in der Schule lernt, dem kleinen „i“. Fast jeder, der im deutschen Sprachraum aufgewachsen ist, hat auch schon von Schwitters (Liebes-)Gedicht „An Anna Blume“ gehört, in dem die „anna“-grammatische Struktur des Vornamens den Dichter zu den Versen verführt: „Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste / von allen, du bist von hinten wie von vorne: ‚a-n-n-a‘.“

Aber diesen Arbeiten gilt der soeben erschienene erste Band der neuen Schwitters-Edition „Alle Texte“ noch nicht. Sie startet auch nicht mit dem ersten Band, sondern gleich mit dem dritten der neuen Edition, den sogenannten „Sammelkladden“ von Schwitters. Eine von ihnen befand sich bereits in Schwitters Nachlass, der sich als Leihgabe der Kurt und Ernst Schwitters Stiftung im Sprengel Museum Hannover befindet. Vier Kladden wurden erst kürzlich in Privatbesitz der damaligen Hannoveraner Nachbarschaft Schwitters entdeckt, gerettet vor dem Bombenangriff, der 1943 sein Wohn- und Atelierhaus zerstörte. Diesen sensationellen Fund wollte und durfte man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten und stieg mit Band 3 in die auf insgesamt neun Bände angelegte Gesamtausgabe ein. Sie stellt dem Catalogue Raisonné des bildkünstlerischen Werks, 2000 bis 2006 von dem Kurt Schwitters Archiv herausgegeben, das textuelle Gesamtwerk zur Seite.

Jede der im vorliegenden Band edierten fünf Kladden aus den Jahren 1919 bis 1923 hat ihren eigenen Charakter, der sich schon in den Titeln widerspiegelt. Auch sie sind oft Collagen aus vorgefundenem gedrucktem Material: „Bleichsucht und Blutarmut“ etwa oder „ 8 uur“ oder „Kritiken. Spezialhaus für Abfälle“. Schwitters bewahrte alles auf: Von Briefen (mit Umschlägen) über Kommentare im Gästebuch bis hin zu Rezensionen, für die er sogar einen professionellen Dienst beauftragte. Und wenn ein so obsessiver Künstler wie er einfach nur Materialien sammelt, ordnet, in Hefte einklebt und kommentiert, entsteht daraus zwangsläufig etwas, das den Charakter seiner Kunstwerke nicht verleugnen kann und damit mehr ist als eine bloße Dokumentation seiner zeitgenössischen Rezeption und seines Netzwerks. So schneidet Schwitters den für das Format der Kladde zu großen Umschlag eines Briefes zurecht, den ihm Raoul Hausmann am 3.1.1920 schickte, teilt ihn in der Mitte und klebt nicht, wie es naheliegend wäre, die beiden Teile nebeneinander auf zwei gegenüberliegende Seiten – er klebt sie untereinander auf die Innenseite des Einbands der Kladde. Stöbert man in der neuen Edition, kann man die kryptische Organisation der Papierschnitte auf der Farbabbildung anschauen, in der Transkription entziffern und sich mit Schwitters darüber amüsieren, dass der Brief ohne Straße und Hausnummer korrekt zugestellt wurde: „die Post wird seine Wohnung wohl finden (er ist blond und dof)“, hatte Hausmann unter den Ortsnamen geschrieben.

Eine neue Edition muss sich daran messen lassen, ob sie tatsächlich einen so neuen Ansatz verfolgt, dass der Aufwand gerechtfertigt ist, ob sie sich dem literarisch-kulturhistorisch interessierten Leser mühelos erschließt und ob sie selbst auch so etwas wie ästhetischen Genuss vermitteln kann. Alle drei Kriterien erfüllt die Edition ohne Frage, so viel gleich vorweg. Gegenüber der Schwitters-Ausgabe von Friedrich Lach, 1973-1981 erschienen, haben sich Ursula Kocher und Isabel Schulz unter Mitarbeit von Julia Nantke und Antje Wulff dem materialbasierten Edieren verschrieben. Das bedeutet eine Orientierung am Originalzustand der überlieferten Textzeugen und den gänzlichen Verzicht auf traditionelle Ordnungskriterien wie Textgattungen. Mit ihnen wäre einem so unorthodoxen und experimentellen Dichter wie Schwitters ohnehin nicht beizukommen. Das zeigt die zwar wegen der Zusammenstellung damals noch unzugänglicher Texte verdienstvolle, aber für wissenschaftliche Zwecke unzulängliche Lach-Ausgabe. Der editionsphilologische Ansatz des interdisziplinär aufgestellten Teams, die Literaturwissenschaft vertreten durch die Bergische Universität Wuppertal und die Kunstgeschichte durch das Sprengel Museum Hannover mit der Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, bewährt sich in besonderem Maße an dem hier darzustellenden Material. Die Kladden sind als Gesamtkunstwerk interessant, nicht nur die Text-Bild-Destillate der unmittelbaren Autorschaft Schwitters.

Die Gliederung des voluminösen Bandes ist übersichtlich: Der Transkription der Kladden mit exemplarischen Farbabbildungen, gebündelt nach der dritten Kladde abgedruckt, folgen ein Kommentarteil und ein Anhang. Natürlich fällt der erste Blick auf die Farbtafeln, wenn man das Buch in die Hand nimmt. Die ausgewählten Seiten der Kladden erscheinen verkleinert, aber in ausgezeichneter Qualität. In der Folge der Abbildungen grenzen sich die Kladden im Prinzip selbsterklärend durch die Vorder- und Rückseiten ihrer Deckblätter voneinander ab. Legenden fehlen auf diesen Seiten, was am Anfang leichte Irritationen verursacht. Stößt man beispielsweise auf eine einzelne Abbildung zwischen Umschlagrückseite der vorangegangenen und Vorderseite der nächsten Kladde, entsteht eine gewisse Ratlosigkeit, ob da vielleicht eine Seite vertauscht wurde oder wie sonst ein Einzelblatt zwischen zwei Hefte geraten konnte. Die gewünschte Auskunft erhält man, muss sich jedoch erst im Band orientieren und über 800 Seiten überspringen, um im Verzeichnis der Farbabbildungen zu erfahren, dass es sich um eine lose in der Kladde vorgefundene Einladungskarte handelt. Wenn man das „Schwarze Notizbuch“ vergeblich sucht und nur ein rotes findet, klärt sich das ebenfalls durch Konsultieren des Abbildungsverzeichnisses: Ja, der rote Band ist das Schwarze Notizbuch, der spätere rote Umschlag stammt aber auch von Schwitters, was in der Beschreibung des Dokuments vor den Transkriptionen erläutert wird. Ebenso erfordert der Vergleich von Transkription, Abbildung und Kommentar ein Hin- und Herblättern, wofür man dankbar auf das praktische Angebot von zwei Lesebändchen zurückgreift.

Die Lektüre von Transkriptionen ist nie leichte Kost, aber hier dank des lockeren Satzes nicht mit unnötigen Anstrengungen verbunden. Hat man sich an die Verteilung der Informationen im Band gewöhnt, ist der Umgang mit dem opulenten Werk ein großes Vergnügen und ein ästhetischer Genuss für jeden, der sich für Schwitters und die historischen Avantgarden interessiert. Nur: Warum erfährt man bei einer Edition, die der Materialität einen so großen Raum gibt, nicht ihrerseits, wie es in Frankreich selbstverständlich ist, aber in Deutschland immer noch nicht Standard, welche Schriften und welches Papier für den Druck verwendet wurden? Da wüsste man gerne mehr, denn die Schrift ist selbst in kleinem Schriftgrad gut lesbar, und das Papier hat eine sehr angenehme Haptik und einen lesefreundlichen Weißton. Die leichte Handhabung des Bandes verdankt sich auch dem Layout mit den grauen, nach Kapiteln und Unterkapiteln verschieden angeschnittenen Kreisen am äußeren Rand recto, die im Schnitt als graue Streifen sichtbar sind und damit die Orientierung erleichtern, während die kleinen Kreise durchgängig die Kopfzeile markieren. Zur angenehmen Nutzung trägt vor allem aber die hervorragende Bindung bei: Ein Zusammenklappen des Buchblocks erfolgt selbst in den Randzonen nicht.

Fazit: Die neue Schwitters-Edition ist ein großes Ja zu einem materialbasierten Editionsansatz, der zum Weiterforschen im Nachverfolgen der Spuren quer durch den Band und das Werk Schwitters sowie seines beachtlichen Netzwerks verführt. Sie ist auch ein großes Ja zum Buch und erhält ein ebenfalls großes begeistertes Ja der Rezensentin. Und was die Digital Humanities anbetrifft – natürlich sind die Dateien entsprechend aktuellem wissenschaftlichem Standard TEI-ausgezeichnet, und es wird eine digitale Edition geben, über die wir zu gegebener Zeit berichten werden.

Titelbild

Kurt Schwitters: Alle Texte. Die Sammelkladden 1919-1923.
Herausgegeben von Ursula Kocher und Isabel Schulz. In Zusammenarbeit mit dem Sprengel Museum Hannover.
De Gruyter, Berlin 2014.
1075 Seiten, 149,95 EUR.
ISBN-13: 9783050064437

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