Digitale Edition als Bibliotheksinfrastruktur?

Eine Ermunterung zu neuen Kooperationsmodellen zwischen Bibliothek und Wissenschaft

Von Thomas Bürger

In seiner programmatischen Studie über „Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung“ hatte der Münsteraner Anglist Bernhard Fabian im Jahr 1983 zahlreiche infrastrukturelle Defizite in Deutschland aufgezeigt. So schlug er der Volkswagen-Stiftung u.a. vor, eine Bestandsaufnahme der historischen Buchbestände und ein verteiltes Nationalarchiv gedruckter Texte zu fördern. Und er schlug dies nicht nur vor, sondern er setzte seine Ideen auch in Taten um. Ein vielbändiges „Handbuch der historischen Buchbestände“ entstand nicht nur für Deutschland, sondern auch für zahlreiche weitere europäische Länder. Und die Volkswagen-Stiftung initiierte mit Millionensummen die „Sammlung deutscher Drucke 1450–1912“ in München, Wolfenbüttel, Göttingen, Frankfurt a.M. und Berlin mit dem Ziel, in Deutschland fehlende Schriften systematisch zu erwerben. Damit wurde die geisteswissenschaftliche Forschungslandschaft nachhaltig gestärkt und zugleich ein neues Bewusstsein für den Wert historischer Überlieferung geschaffen.

Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zugleich die Erschließung der schriftlichen und gedruckten Überlieferung mit umfangreichen Programmen. Auf all diesen Fundamenten baut heute die digitale Bibliothek auf, die dank ungeahnter technischer Fortschritte längst die Quellen zum Forscher bringt und es erlaubt, dass Wissenschaftler und Gedächtniseinrichtungen heute in neuer Qualität und Geschwindigkeit weltweit kooperieren können. Auch wenn die Digitalisierung und ihre weit reichenden Folgen für alle Bereiche des Lebens in Deutschland mit Inbrunst unter negativen Vorzeichen, mit einem Überschuss an Ängsten und Vorbehalten diskutiert werden, so ist doch erkennbar, wie viele Chancen, Erleichterungen und Entdeckungen, aber auch neue Herausforderungen digitale Infrastrukturen gerade den Kulturwissenschaften bieten.

Die Edition literarischer Texte ist eine Königsdisziplin der Literaturwissenschaften, vielleicht nicht mit höchstem akademischen Ansehen verbunden, aber doch mit deutlich höherer Halbwertzeit gesegnet als viele andere historische Arbeiten. Allerdings mussten viele Editorinnen und Editoren auch einen hohen Preis in Form von Lebenszeit und Kärrnerarbeit zahlen. Wie viele Jahre, Jahrzehnte haben Editionen an Lebenszeit gebunden – und wurden dennoch nicht fertig? Wie viele lesenswerte Quellen warten bis heute auf ihre Edition und sind in Archiven und Bibliotheken bislang mehr versteckt als zugänglich? Durch Digitalisierung und Erschließung wurden und werden in den nächsten Jahren umfangreiche Text- und Bild-Corpora aus unterschiedlichsten Medien vergleichsweise leicht und schnell zugänglich sein, selbst aus historischen Zeitungen, die im Original äußerst fragil und als Mikrofilm nur qualvoll zu lesen sind. Durch eine digitale Bereitstellung lassen sich die editorischen Arbeitsbedingungen und Arbeitsgrundlagen wesentlich verbessern.

Dies gilt auch und insbesondere für Briefeditionen. Wie lange dauert es, bis ein chronologisch oder thematisch geordneter Briefband so komplettiert ist, dass er ohne allzu viele Nachträge in Druck gehen kann? Wie viele Jahre liegen zwischen dem Erscheinen der einzelnen Bände, wie viele blieben letztlich unvollendet, wie viele Herausgeber wurden ob der unterschätzten Mühsal frustriert, weil sie die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr erlebten? Am Beispiel der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels (http://august-wilhelm-schlegel.de/briefedigital/) versuchen der Germanist Jochen Strobel (Universität Marburg), der Bibliothekar Thomas Bürger (SLUB Dresden) und der Informatiker Thomas Burch (Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier), einen forschungsrelevanten, umfangreichen und verstreuten Briefwechsel in vergleichsweise kurzer Zeit zu präsentieren. Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) bewahrt den umfangreichen Nachlass des großen Europäers August Wilhelm Schlegel seit 1873. Durch Wasserschäden aufgrund des Brandes der Bibliothek im Jahr 1945 wurde er in Mitleidenschaft gezogen, die deutsch-deutsche Teilung hat in den Folgejahrzehnten die Bearbeitung nicht gerade befördert. So lag es nahe, die rund 3.500 Originalbriefe – nach restauratorischer Vorbereitung – im Dresdner Digitalisierungszentrum zu scannen und mit der frei verfügbaren, an der SLUB Dresden weiter entwickelten Standardsoftware Goobi als digitale Kollektion im Netz bereitzustellen. Das von der DFG geförderte Projekt hatte darüber hinaus das Ziel, über Standardschnittstellen die Digitalisate nahtlos in die in Trier erarbeitete virtuelle Editionsumgebung zu überführen, in der sie nach und nach, insbesondere von der Wissenschaftlerin Claudia Bamberg, transkribiert und ausgezeichnet werden. Um diese aufwändige Arbeit wiederum zu unterstützen, sind alle bislang rund 2.500 gedruckten Briefe aus über einhundert 100 Ausgaben des 19. und 20. Jahrhunderts – mit Zustimmung der Verlage – gescannt und die gedruckten Einzelbriefe neben die jeweiligen Handschriftenscans gestellt worden. Diese sind dank OCR zusammen mit den Transkriptionen bereits als Volltexte durchsuchbar. Ferner haben rund 50 von über 80 angeschriebenen Institutionen aus aller Welt Scans offline geliefert oder – wie die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn – in vorbildlicher Weise über Schnittstellen online zur automatisierten Abholung bereitgestellt. So war es möglich, schon nach zwei Jahren eine Betaversion der Digitalen Edition mit 3.500 Handschriften und 2.500 gedruckten Briefen freizuschalten. In den nächsten drei Jahren sollen die Ausgabe komplettiert, die Transkriptionen und Verlinkungen mit Personen- und Werkdaten (also mit Verlinkungen zu möglichst vielen Volltexten zitierter Werke, Rezensionen und Zeitschriften) weitgehend abgeschlossen werden.

Nach den ersten beiden Projektjahren bereiten die drei Partner einen Fortsetzungsantrag vor, der die interaktive Nutzbarkeit und Anschlussfähigkeit der Edition und deren wissenschaftliche Qualität weiter verbessern soll. Dabei stehen infrastrukturelle Gesichtspunkte am konkreten Forschungsfall im Vordergrund: Wie lassen sich künftig unedierte Briefe und Nachlässe um 1800 mit den erprobten technischen Werkzeugen und Erfahrungen einerseits als eigenständige Kollektion und zugleich als Teile eines vielseitig verbundenen Korrespondentennetzes qualitativ gut und dennoch zügig aufbereiten?

Für eine Bibliothek wie die SLUB steht das Interesse im Vordergrund, die vielen Schätze zu heben, teilungsbedingte zeitliche Rückstände aufzuholen und als Forschungsbibliothek den Digital Humanities aktiv zuzuarbeiten. Der Informatiker will Text-, Wörterbuch- und Briefeditionen mit geeigneten technischen Instrumenten zu attraktiven virtuellen Forschungsumgebungen ausbauen, und dies möglichst anhand vorzeigbarer (Teil-)Ergebnisse in überschaubar kurzer Zeit. Für die Wissenschaftler besteht das Interesse an aktiver Mitgestaltung und technisch unterstützter Teamarbeit, an Einbindungen neuer digitaler Infrastrukturen in Lehre und Forschung und – vor allem: an neuen Quellen, verlässlichen Texten und an Ermöglichungen neuer Fragestellungen.

Die Forschungsbibliothek der Zukunft lädt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie früher dazu ein, vor Ort mit den originalen Sammlungen zu arbeiten – gleichzeitig bereitet sie selbst mit den Wissenschaftlern digitale Quellenkorpora auf und bearbeitet sie. Damit dies gelingt und Chancen, die neue digitale Techniken bieten, auch tatsächlich ergriffen werden, sollten Fachwissenschaften und Infrastrukturen noch enger und professioneller als in der Vergangenheit zusammenarbeiten. Standardisierung und Modularisierung erleichtern inhaltliche, technische und organisatorische Anschlussfähigkeit und wissenschaftliche Transdisziplinarität. Historische Bibliotheken wollen und sollten nicht nur Kataloge mit Titelaufnahmen und Signaturen, sondern vermehrt Quellenkorpora und Volltexte bieten – eine spannende Zeit der Neu- und Wiederentdeckungen, der Umordnungen und Perspektivenwechsel, der Entstehung neuen Wissens hat begonnen.

Literaturhinweis:

Bibliothek als Forschungsinfrastruktur. Aktuelle Herausforderungen und Chancen. Hrsg. von Thomas Bürger und Uwe Rosemann. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 61 (2014), H. 4–5, S. 189–289 [erscheint im Okt. 2014 mit 20 Beiträgen von 30 Autoren].