Antisemitismus als körperliches Geschehen

Per Leos Roman „Flut und Boden“, seine Dissertation „Der Wille zum Wesen“ und Nitzan Lebovics Studie über Ludwig Klages analysieren die Vorgeschichte des „Dritten Reiches“

Von Thomas MeyerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Meyer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist sehr viel dazu gesagt worden, warum die ein Davonstehlen-können verheißende Formel „Mein Opa war kein Nazi“ einer ständig wachsenden Anzahl von Erinnerungsbüchern gegenübersteht, die genau das Gegenteil behauptet. Es geht dann in beiden Fällen um Fragen der Schuld oder Unschuld, der Spannung zwischen Solidarität und Abstoßung, Befindlichkeiten und ihren Begründungen, Ambivalenzen und Eindeutigkeiten. Ein „usw.“ wäre einmal hier mit guten Gründen angebracht. Und man könnte an dieser Stelle einen Schlüsselbegriff einführen, der der jüngeren Entdeckerfreude einer von Erinnerungskulturen trunkenen Philosophie zu verdanken ist: „Historische Gerechtigkeit“ wird geübt oder verweigert.

Doch sollte man den Fluch der Herkunft, besonders bei Begriffen, nie vergessen: Auch bei der „historischen Gerechtigkeit“ bedarf es des Rückgangs auf den Ursprung, dem niemand entfliehen kann: die Familie. Sie wird daher als epistemische Zugewinngemeinschaft inszeniert, kombiniert mit Belastungs- oder Entlastungstopoi. Liest man sich durch das zumeist als Selbstaufklärung gestaltete Material, so bleibt zumindest eine Frage, die auf den ersten Blick recht harmlos klingt: Wer hätte gedacht, dass der einst zurückgehaltene Vater oder Großvater, die bislang versteckte Mutter oder Großmutter ein Teil der sich durch mehrfache historische Einschnitte immer wieder neu konstituierenden und konfigurierenden Gesellschaft namens Deutschland werden würde? Vielleicht muss man das auch nicht gar so skeptisch sehen: Vielleicht ist dieses als übersichtliche Landschaft erscheinende Gebilde ein wirklicher Fortschritt, die dem permanenten „Ich! Ich! Ich!“ einer Vielzahl der 47er in beiden Varianten die kalten Schultern zeigt.

Wer sich mit diesen Fragen beschäftigt, auch weil einige von ihnen die eigene Position von der Analyse- und Beobachterperspektive in die des Selbstauskünftlers zu verschieben Anlass geben könnten, der wird sich aus den längst eingewöhnten und mit entsprechender Sekundärliteratur gepanzerten Haltung freimachen müssen – anders kann ich es nicht formulieren –, wenn er die beiden hier vorzustellenden Bände ernsthaft bedenkt.

Mit dem „Roman einer Familie“, so der Untertitel, „Flut und Boden“ und der Studie „Der Wille zum Wesen“, die „Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940“ untersucht, hat der Berliner Historiker und Schriftsteller Per Leo die wohl umfassendste Deutung und Herausforderung der etablierten Darstellungsformen, Narrative und Thesen zur Vorgeschichte, Geschichte und dem Nachleben des Nationalsozialismus vorgelegt; naturgemäß soweit dem Rezensenten bekannt.

Obwohl die Verknüpfungen der beiden Publikationen so offensichtlich sind, dass sie nicht betont werden müssen, folgen sie je zugleich den Regeln zweier Genres. Der Roman zeichnet die üblich gewordenen Erweiterungen, das heißt, dass er unter anderem Züge des Essays und des Versuches trägt, den Behauptungen durch radikale Subjektivierungen Authentiztität zu geben. So haben sich die Rezensenten alle gefreut, dass der Freiburger Historiker Ulrich Herbert einen Auftritt hat, und der Fußballverein Werder Bremen prominent vorkommt. Selbstverständlich entspricht die akademische Studie, eine bei Wolfgang Hardtwig geschriebene Dissertation, allen Anforderungen des Faches. Und wer Leos Arbeiten kennt, die mit Rüdiger Graf und Moritz Föllmer – Stichwort: Krise und Weimarer Republik – gemeinsam entstanden, der kennt auch die Grundzüge einer gegen die üblichen Striche gebürsteten Ideengeschichte.

Die beiden Bücher müssen also nicht notwendigerweise miteinander verknüpft werden. Wenn ich es dennoch tue, dann deshalb, weil ich davon überzeugt bin, dass hier ein Thema zwei Formen gefunden hat. „Flut und Boden“ ist möglich durch die Rückversicherung, dass das in „Der Wille zum Wesen“ Herausgearbeitete es überhaupt erst ermöglicht, Handlungsoptionen und deren Grenzen der Roman-Protagonisten zu bestimmen. Umgekehrt lässt sich die chronologisch aufbereitete Genealogie der Helden in „Der Wille zum Wesen“ als eine ideengeschichtliche Familien-Konstellation begreifen, wenn man ihr zubilligt, dass man Familien erst nach und nach besser kennenlernt, ihre legitimen und illegitimen Angehörigen in eine Ordnung bringt, um sie dann – das ist stets ein Akt der historischen Ungerechtigkeit – miteinander und füreinander verantwortlich zu machen.

Ein weiteres Argument dafür liegt in der Tatsache, dass „Flut und Boden“ Sprache und Kraft ideengeschichtlicher Analysen beinhaltet, wie „Der Wille zum Wesen“ Stil- und Kompositionstechniken moderner Poetik beinhaltet. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014, ein Debüt mit einem deutschen Thema, dazu eine im Jahr zuvor publizierte Dissertation, die bereits eine der zentralen Personen des „Romans einer Familie“ vorstellte, ganz zu schweigen von der Eigendynamik des Betriebs. Der Rezensent erhielt vom Verlag ein Exemplar der vierten Auflage.

Der Roman wird ein akademisches Nachleben haben, das ist die leichteste aller Prognosen in diesem Falle. Die feinen und groben Hämmerchen und Hammer werden ausgepackt werden, um die Familiengeschichte abzuklopfen, die Mischung aus Realem und Fiktion (tun das LiteraturwissenschaftlerInnen noch?) wird mit den Narrativen, dem historischen Gehalt in ein komplexes Verhältnis zur Darstellung, Bewertung und sprachlichen Abbildung des Nationalsozialismus und der Shoah gesetzt werden. Und der Versuchung all den vielen Anspielungen, Hinweisen, Zitaten usw. nachzugehen, wird man kaum widerstehen können. „Am Anfang war Napoleon“, schreibt Leo etwa – und nicht nur der Münchner freut sich, weil das der erste Satz von Thomas Nipperdeys „Deutscher Geschichte 1800-1866“ ist, ein Pfeil, gegen Bielefeld geschossen, der beim Eintreffen seine Wirkung nicht verfehlte.

Leo ist, wie Nipperdey, ein moderner Historist. Das heißt in diesem Falle, das er keine Mühen oder Gesten darauf verwendet, ein möglichst komplexes Netz an methodologischen und methodischen Vorannahmen zu spinnen, das letztlich doch vom Vetorecht der Quellen zerrissen würde. Da hält er eher mit Evidenzen, die sich bibliografisch, generationell und thematisch gewinnen lassen. Neben Nipperdey und seinem Lehrer Hardtwig lassen sich Helmut Lethens „Verhaltenslehre(n) der Kälte“ und vor allem Peukerts längst klassisch gewordener Weimar-Essay als Stützen anführen.

Beide Bücher beginnen mit Selbstversicherungen. Die Herkunft des Roman-Autors wird nach dem Buddenbrooks-Schema auf das deutsche 20. Jahrhundert übertragen. Leo ist also bürgerlicher Herkunft, mit naturgemäß gebrochenem Verhältnis zum einstigen Glanz. In der Folge werden die Entdeckungen des Ichs zu einer Modaltheorie umgebaut: Leo lässt sich Möglichkeiten dort entdecken, wo die Narrative – etwa über den Nationalsozialismus – ausschließlich Eindeutiges produzieren müssen. Der Bruder des Großvaters wird zur Gegenfigur, dessen spezifisches Scheitern aber, hier hält der von Lutz Nietzhamer belehrte Historiker klugen Abstand, nicht als Identifikationsausweg missbraucht wird.

Entlässt man sich selbst aus den Figurationen des Historischen, dann wird man zudem einen frischen Erzähler entdecken, der ohne ideologische Hintergrundannahmen auskommt. Leo ist keine 25 mehr, sein Wohnort Berlin wird nicht als Entschuldigung für die Selbstbeschäftigung angeführt, der Gegenpol München muss keinen Ausgleich bieten. Zynismus und Verzweiflung sind dosiert, weil sie gegen die Tellkamp’sche Neubürgerlichkeit ebenso immun machen, wie gegen die faulen Gesten des ich-gehöre-nicht-dazu.

In der Studie wird der Bürgersohn mit der Rückseite des Bürgerlichen konfrontiert: der Nationalsozialismus war nicht nur durch Ämter und Funktionen in der Familie präsent, sondern auch durch Schriften. Das berüchtigte Wort „einschreiben“ bekommt hier eine neue Bedeutung. Es ist dann die Geschichte der Schrift und ihrer Erkundung, des Zusammenhangs von Stil und Mensch, der seit Buffons berühmter Rede vor der französischen Akademie von 1753 in aller Munde ist, und in Deutschland eine ganz bestimmte Genealogie einschlug. Doch nicht die Chronologie, sondern zuvörderst die Einfrierung von Konstellationen und deren Observierung steht am Anfang des gewaltigen Buchs, dessen einzig schwaches Kapitel die Auseinandersetzung mit Goethes Symbol-Politik ist. Wir werden vor ein großes Schaufenster gestellt, in dem die Protagonisten und Handwerkzeuge der Charakterologen ausgestellt werden. Nach und nach bekommen wir dann Nahaufnahmen von Tätern und ihrem Material, sehen wie sich, was irrational zu sein scheint, nämlich der unmittelbare und weitreichende Zusammenhang von Schrift und Charakter, zu einem „unhintergehbaren“, essentiellen Großerklärungsversuch aufbaut, der genuin politisch ist. Weil aber die Hauptstraßen uns zu falschen Genealogien führen, wie schon Wolfgang Hübener erkannte, ist es nicht Ludwig Klages, der Leo die Wege weist. Es ist ein Gedanke, der nie nur ein Gedanke ist, obwohl er sich gerne dafür ausgibt, um umso mehr das Gefühl ansprechen zu können: Antisemitismus.

Wenn man Leos Buch neben all dem Material, der Erzählleistung, ein wirklich „großes“ nennen muss, dann wegen seiner auf verschiedene Zeiten und Figuren verteilten Theorie des Antisemitismus. Nicht nur, weil das endlich mal nicht „oben“, sondern von mittendrin erzählt ist. Wie Ulrich Siegs Lagarde-Studie begibt sich Leo in die Windungen, wo tatsächlich antisemitisch gedacht wird. Wo Grenzüberschreitungen – die Sprache als Vorbereitung und Legitimierung des Genozids – Teil des Vorhabens sind, Löschungen vorzunehmen, Geschichte zu korrigieren, weil der maßgebliche Träger dieser „Potenzen“ (Burckhardt) verschwinden muss.

Es wird in ungemein dichten Lektüren eine intellektuelle Selbstkorruption und Verwesung jegliches Denkens dokumentiert, die deshalb so erschreckend sind, weil die äußere Hülle sich kaum vom Diskursdurchschnitt unterscheidet. Vielmehr sind es die Verschiebungen, die aufzuzeigen Geduld benötigen, weshalb man für jede Seite der umfänglichen Arbeit dankbar ist, deren Intentionen nach Realisierung drängen. Antisemitismus wird bei Leo als ein genuin körperliches Geschehen greifbar. Der Schriftkorpus erhöht und ermächtigt sich, er will seinem außerhalb der Schrift stehenden Widersacher an die Haut. Dessen abgründige und für den Antisemiten undurchsichtige Haltung muss aufgegeben werden, will das verdeckte Wahre ans Tageslicht kommen. Nur hier ist auf Erlösung zu hoffen – durch Auslöschung. Die Verschriftlichung von Fantasien im wissenschaftlichen Kleide ist eine besondere Herausforderung. Es dauert lange, will man dahinter kommen, was die jargonsicheren Charakterologen dachten. Wer auf das wohlfeile Besteck der Ideologiekritik und ihrer zahlreichen Geschwister verzichtet, der wird Texte lesen müssen.

Leo hat das getan. Und er hat mit seiner Versuchsanordnung einen umfassenden Vorschlag geliefert, die Implikationen und Verschränkungen von Denken und Handeln nochmals zu prüfen. Wir dürfen uns in jedem Falle nicht mit dem Satz beruhigen, mit dem ein bedeutender Historiker in den 1970er-Jahren hausieren ging, wonach jeder Blockwart mehr Einfluss gehabt habe als alle Wissenschaftler zusammen. So hätte man es lange Zeit gern gehabt. Dass das vorbei ist, hilft ungemein. Mit Per Leos Schriften können wir eine Einflussgeschichte schreiben, von der bis heute niemand gänzlich frei ist.

Dort wo Leo eine Lücke ließ, nämlich bei Ludwig Klages, stößt die Studie des in Israel, den USA und Deutschland ausgebildeten Ideenhistorikers Nitzan Lebovic. Seine wichtige Arbeit, die leider nicht immer in den Übersetzungen das Niveau der Thesen hält, macht erstmals umfassend auf die Wirkmächtigkeit und die spezifischen Rezeptionswege von Klages’ Denken aufmerksam. Zu den vielen Meriten des Buches gehört die Quellenauswertung. Alfred Bäumlers Interesse an Bachofen, die Grabenkämpfe um den jüdischen Körper, der schon verteilt und geschunden zu sein scheint, bevor die nationalsozialistische „Machtergreifung“ es ermöglichte, die Verteilung und Schändung tatsächlich durchzuführen, werden hier exemplarisch analysiert.

Anders als Leo ist Lebovic ein genuin politischer Denker, der die Extreme von Analysemöglichkeiten nutzt, um auf diese Weise das Gewaltpotential seiner „Helden“ offenlegen zu können. Gleichwohl macht sich Lebovic dabei nicht mit den üblichen Verdächtigen gemein, wie das Wort „Biopolitics“ befürchten lassen könnte. Aber man kann ganz offensichtlich auf die Idee einer Biopolitik nicht verzichten, wo die Frage aufgeworfen wird, wie ein Ressentiment jenseits des Gerüchtes und der bloßen Attacke Wirklichkeit wird. Mit Hilfe von Lebovics Studie, deren Bedeutung vor allem für die englischsprachige Forschung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, weil hier kaum Vergleichsarbeiten vorliegen, kann ein vielfältig lesbares, aber in seiner destruktiven Kraft sich im Gleichschritt mit der „Wirklichkeit“ geschriebenes Œuvre nunmehr klar vermessen werden. Das ist eine Leistung, die jenseits einer möglichen Kritik am Stil und der Terminologie des Buches gewiss bleiben wird.

Titelbild

Per Leo: Der Wille zum Wesen. Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890–1940.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012.
735 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783882219814

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Nitzan Lebovic: The Philosophy of Life and Death: Ludwig Klages and the Rise of a Nazi Biopolitics. Palgrave Studies in Cultural and Intellectual History.
Palgrave, New York 2013.
301 Seiten, 80,00 EUR.
ISBN-13: 9781137342058

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Per Leo: Flut und Boden. Roman einer Familie.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014.
350 Seiten, 21,95 EUR.
ISBN-13: 9783608980172

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