Sehnsuchtsort Kindheit

Felix Hubys Roman „Heimatjahre“ erzählt von der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren

Von Sabrina WagnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sabrina Wagner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte beginnt in den letzten Kriegstagen, die Alliierten bombardieren den Südwesten Deutschlands, das Donnern der Bombenverbände ist auch in dem kleinen Dorf Fleckenhausen knapp 30 Kilometer südlich von Stuttgart zu hören. Hier lebt Familie Ebinger: Albert Ebinger, Schulleiter und NSDAP-Ortsgruppenleiter, seine Frau Luise und die drei Kinder Hanna, Gerhard und Christian. Sie sind Ausgangspunkt und Zentrum in Felix Hubys Roman Heimatjahre, der eine, so will es der Klappentext, typisch deutsche Nachkriegsgeschichte erzählt.

Vor allem aber handelt der Roman vom Mikrokosmos des kleinen schwäbischen Dorfes und von der Alltagsbewältigung der Menschen nach Kriegsende. Er zeigt den Pragmatismus, mit dem die Dorfbewohner den französischen Besatzern begegnen, die Kreativität, mit der alles Lebensnotwendige beschafft wird, und beschwört dabei nicht zuletzt die Solidarität und gegenseitige Unterstützung in den ersten Nachkriegsjahren. Aber auch die Frage von Scham und Schuld wird gestellt. Wie begegnen sich Nachbarn, die unter der nationalsozialistischen Ideologie zu Feinden geworden sind? Ist Verzeihen möglich, wo Denunziation ein Leben zerstörte?

Erzählt werden Geschichten von Heimkehrern, die den Krieg zwar überlebt haben, an der Gegenwart aber zerbrechen. Sei es Anton Häfner, der bereits kurz nach dem Krieg offensichtlich traumatisiert und gänzlich verändert heimkehrt, oder sein Kamerad Andreas Lubinger, der erst einige Jahre später aus russischer Gefangenschaft wieder in seinen Heimatort kommt. Seine Frau, Kathrin Lubinger, lebt inzwischen mit einem anderen Mann zusammen, hatte sie ihren Ehemann doch für tot gehalten. Doch nicht nur der Heimkehrer verzweifelt an der neuen Situation, vor allem sind es die Dorfbewohner, die über die vermeintliche Untreue einer ihren Moralvorstellungen nach schamlosen Frau zu richten wissen, diese anklagen, ausgrenzen und schließlich aus dem Ort vertreiben.

Es sind solche Geschichten, in denen der Roman auch kritische Töne anschlägt, entblößt er doch in ihnen eine durchaus verbreitete bigotte Moral und verlogene Scheinheiligkeit der 1950er-Jahre. Doch ist dieser Roman mitnichten ein sozialkritischer oder gar politischer. Vielmehr hat Felix Huby einen sehr persönlichen, autobiografischen Entwicklungsroman geschrieben. Das Dorf Fleckenhausen im Roman ist die fiktionale Version des kleinen Ortes in der Nähe von Tübingen, wo der Autor 1938 unter dem Namen Eberhard Hungerbühler geboren wurde. Wie sein Alter Ego im Roman, Christian Ebinger, begann auch der Autor seine Schreiberkarriere als Lokalreporter und Redakteur in der Provinz. Bekannt wurde er als Drehbuchautor für das Fernsehen, allein 34 Episoden des Tatort, die Kommissare Bienzle, Balü, Heiland und Schimanski stammen aus seiner Feder, darüber hinaus Fernsehserien wie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ oder „Ein Bauer auf Rügen“, aber auch zahlreiche Theaterstücke.

Die Tatsache, dass Felix Huby bisher weniger als Romanschriftsteller in Erscheinung getreten ist, nun aber mit Mitte Siebzig einen solch umfangreichen autobiografischen Roman geschrieben hat, mag bei so manchem ungesehen auf ein ablehnendes Vorurteil stoßen: Nicht noch ein rührseliges, allzu sentimentales Erinnerungsbuch der alternden Kriegskinder-Generation, möchte man rufen. Da muss auch ein erster Blick ins Buch solche Erwartung nicht widerlegen. Denn es ist durchaus möglich, das Buch wahrzunehmen als eine allzu verklärende Idealisierung der eigenen Kindheitsjahre und darin die überzeugte Beschwörung eines „Früher war alles besser“. In solcher Lesart ließe sich auch kritisieren, dass der Roman zwar vorgibt, deutsche Geschichte stellvertretend zu erzählen, dabei aber allzu unkritisch die persönlichen Alltagsnöte über die ethisch-moralischen Fragen von persönlicher Schuld jedes einzelnen Mitläufers und Mittäters stellt. Und schließlich ließe sich als Eitelkeit des im Alter rückblickenden Autors interpretieren, dass Christian, der von Beginn als einziger Kritiker der verlogenen Schweigementalität entgegentritt, allzu heldenhaft gezeichnet ist. Die überaus positive Figurenzeichnung könnte dem Autor möglicherweise den Vorwurf narzisstischer Selbstüberhöhung einbringen.

Doch man kann diesen Roman auch ganz anders lesen. Man kann sich auf diese eigentlich sehr leise Geschichte einlassen und sich von ihr berühren lassen. Die Art und Weise, wie Huby diese Geschichte erzählt, die Ausschnitte und Anekdoten, die er wählt, bedienen nicht zuletzt eine gegenwärtige Sinnsuche, die nicht selten in einem Blick in die Vergangenheit mündet. Die (vermeintliche) Verbindlichkeit und ein entbehrungsreiches, einfaches, aber klar geordnetes Leben in solcheiner Vergangenheit soll dann als Antwort auf die als zu schnell, zu laut und zu komplex empfundene eigene Zeit dienen.

Das den Roman dominierende Gefühl und seine Grundstimmung erscheinen dabei universell und anschlussfähig für den Suchenden: Es ist die Sehnsucht nach einer längst vergangenen Zeit, nach der Sicherheit und Geborgenheit der Kindheit, in die wir doch nie zurückkehren können – wenn sie denn überhaupt jemals so existierte, wie die Erinnerung uns glauben machen will. Doch Hubys Erzählung schafft es gerade, dem Leser etwas von dieser Geborgenheit der Kindheits- und Heimatjahre zurückzugeben. Geradezu behaglich kann sich derjenige fühlen, der sich mitnehmen lässt von dem etwas vormodern wirkenden, auktorialen Erzähler, der jeder postmodernen Diskussion um seine Berechtigung enthobenen scheint.Dessen präzise Sprache schafft zudem eine Eindringlichkeit und unmissverständliche Direktheit, die zu berühren vermag. Einzig die etwas zu konsequent verfolgte Dialektschreibung in der wörtlichen Rede – womöglich zur Verstärkung gewollter Authentizität eingesetzt – stört den Lesefluss und mag mindestens dem nicht schwäbischen Leser zuweilen gehörig zuviel werden. Doch wer sich am Ende auch daran gewöhnt hat, ist traurig, wenn dieses Buch nach fast 500 Seiten endet. Denn irgendwie wieder verloren fühlt sich der zurückgelassene Leser, wenn diese warme Erzählstimme verstummt.

Titelbild

Felix Huby: Heimatjahre. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2014.
480 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783863510831

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