Trifft man auch Heiden im Himmel, und wenn ja, was heißt das?

Wie die spannende Frage im späten Mittelalter diskutiert wurde, klärt Peter von Moos in seiner neuen Abhandlung

Von Herbert JaumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Jaumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kommt man auch in den Himmel, wenn man vom christlichen Gott gar nichts weiß? Und wie ist es, wenn man zwar etwas von ihm wissen könnte, aber nichts wissen will? Fragen, die auch noch heute manchen umtreiben werden, der sich um seine natürlich unsterbliche Seele und deren einstigen Verbleib Sorgen macht, und um die Aussicht, wer ihm im Himmel einst (wieder) über den Weg laufen und ihn vielleicht nerven wird. Fragen dieser Art, natürlich unter Abzug der nicht ganz ernst gemeinten, waren auch für die Theologen und Philosophen des Mittelalters und ihre Hörer und Leser von einiger Bedeutung.

Gewiss, diese Sorge um den Verbleib der unsterblichen Seelen nach dem Tod galt und gilt, wie man weiß, als eine Frage von ebenso notorischer wie tragischer Unbeantwortbarkeit, trotz aller Rechtfertigungs- und Prädestinationslehren. Und wenn einem also die Fragen nach dem eigenen Seelenheil prinzipiell niemand beantworten kann, weil die Ratschlüsse Gottes eben unerforschlich sind und erst das Jüngste Gericht die eigentliche Entscheidung bringt – gute Werke, göttliche Gnade, Prädestination hin oder her –, was geht einen dann der Verbleib der Seelen von Heiden an, die ja gar keine Berechtigung mitbringen und deren Heilschancen deshalb nicht nur prinzipiell unsicher sind, sondern ganz einfach nicht existieren?

Ein Einwand freilich, der den Anspruch der christlichen Erlösung verkennt. Auch wenn in der Regel immer nur an die christgläubige Menschheit gedacht wurde, war die Frage nach den „Heiden im Himmel“, nach deren Ex- oder Inklusion in die Heilsfähigkeit der Menschheit, keineswegs marginal, betraf sie doch nicht mehr und nicht weniger als den universalistischen Anspruch der Kirche: nulla salus extra ecclesiam. Die gegensätzlichen Ansichten über das Seelenheil der Heiden mildern oder verschärfen ihren Ausschließlichkeitsanspruch.

Hinzu kommen weitere, weniger prinzipielle, aber für die theologische Lehr- und Denktradition der Scholastik, die sich zumal seit Albertus Magnus und Thomas von Aquin vor allem auf Aristoteles stützt, entscheidende Gründe. Denn wie sollte man sich glaubwürdig auf die philosophischen Lehren und Methoden der großen vorchristlichen Denker wie Sokrates und Platon, Aristoteles, Cicero oder Seneca und so vieler anderer berufen können, wenn man sie als Individuen wie Ungetaufte vom ewigen Heil ausschloß und mit den zur ewigen Verdammnis verurteilten Sündern gleichstellte? Das war natürlich ein Unding, und so diskutierte man jahrhundertelang Kompromissbildungen und Hilfskonstruktionen, an denen sich der Scharfsinn der Theologen wie auch, behelfsweise, der Dichter beweisen konnte.

Bei Erasmus von Rotterdam findet man das ironische Stoßgebet „Sancte Socrate, ora pro nobis!“, und berühmt ist Dante Alighieris Konstruktion eines „ersten Höllenkreises“ (Limbus), zu dem er zuerst hinabsteigt, in der Gesellschaft Vergils, immerhin auch eines Heiden, ein Ort ohne Plagen und Qualen („denn sie sind sündelos, doch ihr Verdienst / genügt nicht, denn sie blieben ohne Taufe“), der Aufenthalt für ungetauft Verstorbene, für edle Geister der Vergangenheit, besonders der Antike, deren einziger Fehler es war, dass sie das Christentum nicht kannten, nicht kennen konnten, allen voran Aristoteles, der „Meister jener, die da wissen“, und sogar nachchristliche Heiden wie Saladin, Avicenna und der Aristoteliker Averroes (Divina Commedia, Inferno, IV. Gesang).

Grundlegend für die ganze Frage ist, wie von Moos gleich am Anfang zu Recht festhält, „die Unterscheidung, ob die Ungläubigen vor oder nach der Ankunft Christi gelebt haben“. Die völlige Verschiedenheit dieser beiden Hauptgruppen bedingt auch die völlig unterschiedlichen Diskurse, in denen die einen wie die anderen verhandelt werden. Entscheidend für die vorchristlichen Heiden war stets die apologetische Formel des Kirchenvaters Tertullian von der Seele des Menschen, die „von Natur aus christlich“ sei (anima naturaliter christiana) – ein Satz, der offensichtlich die Natur des Menschen schlechthin mit christlichen Qualitäten identifiziert. Das ebenso topische Argument vom consensus gentium könnte man hinzufügen: Die Annahme, die Idee von einem (Schöpfer-)Gott werde von allen Menschen auf Erden von Natur aus und immer schon geteilt, weshalb seine Existenz nicht zu bestreiten sei. Damit wurde zwar keine anima christiana, aber ein Wissen von Gott unterstellt, das „die Menschen“ von jeher und überall besessen haben sollen und das als eine eigene Art Gottesbeweis diente.[1]

Das alles und erheblich mehr erfährt man in der Abhandlung „Heiden im Himmel? Geschichte einer Aporie zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit“, die von Moos seinem neuen Buch als konzis gefasste Einführung voranstellt, der ein ausführlicher Kommentar zu dessen zweitem Teil folgt, nämlich dem Abdruck der kritischen Edition einer spätscholastischen Lehrschrift, der Quaestio magistralis de salvatione Aristotelis des im späten 15. Jahrhundert in Köln lehrenden Theologen Lambertus de Monte (Lambert von Heerenberg, 1430/35-1499). Darin wird auf exemplarische Weise die Heilsfähigkeit (salvatio) des Aristoteles und darüber hinaus der vorchristlichen Heiden mit Aufbietung der einschlägigen Terminologie und Argumentationsfiguren nach den Regeln der scholastischen Methode erörtert und ‚bewiesen‘ – das heißt: eigentlich nicht ‚bewiesen‘ im strengen Sinn der Dialektik. Denn zu den vielen Aspekten, für die diese Quaestio exemplarisch ist, gehört das genuin aristotelische Verfahren der logica probabilis, das man hier an einem überschaubaren Fall studieren kann. Es handelt sich dabei um den Typus einer Argumentation diesseits jeder apodiktischen Wahrheitsbehauptung, einer Behandlung von Fragen im Bereich von probabilia, von Fragen, die die Grenzen des gesicherten Wissens überschreiten und über die sich nur auf der Grundlage des sensus communis durch Abwägen nach allen Seiten (in utramque partem) entscheiden lässt.

Peter von Moos gehört seit Jahrzehnten, in denen er bis 1994 in Münster gelehrt hat, und heute mehr denn je zu den lesenswertesten Mediävisten, von dem man immer auch über die Frühe Neuzeit unendlich viel lernen kann, zwischen Literatur, Theologie, Philosophie und intellectual history.[2] Er hat auch über die aristotelische Topik einen knappen, aber höchst instruktiven Exkurs eingeschaltet, und sowohl die Einführung[3] wie der Lambert-Kommentar unterrichten umfassend über die reiche internationale Forschung zum Thema der Heiden im Himmel und seinen Kontexten. Die Arbeiten seit der Pionierleistung von Louis Capéran[4] sind in einer ausführlichen Bibliografie zusammengestellt. Die Textedition im Umfang von 90 Druckseiten wurde von Philipp Roelli erarbeitet, Bibliothekar und Latinist in Zürich. Sie basiert auf den beiden existierenden Textzeugen: einem Kölner Druck (bei Quentell) von ca. 1498 (oder etwas später)[5] und einer Handschrift aus dem frühen 16. Jahrhundert, die im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg verwahrt wird.

Anmerkungen:

[1] Dieser Topos vom consensus gentium wird infolge der Entdeckungen seit Kolumbus allmählich destruiert. So berichtet zum Beispiel Pierre Richer (Richerius), ein Teilnehmer an der Expedition von Jean de Léry nach Süd­amerika (1556-58), dass die Einwohner von Gallia Antarctica (d. i. Tierra del Fuego, Feuerland) schlicht nicht gewusst hätten, dass so etwas wie ein Gott existiere: „latet eos, an Deus sit“. Überhaupt gewinnt der Diskurs über die Heilsfähigkeit der Heiden im 16. Jahrhhundert, bereits wenige Jahre nach Lambert, eine neue, unerhörte Brisanz und Dynamik.

[2] Vgl. Peter von Moos: Gesammelte Studien zum Mittelalter, 3 Bände. Herausgegeben von Gert Melville. Berlin: LIT 2003; und besonders: Geschichte als Topik. Das rhetorische Exemplum von der Antike bis zur Neuzeit. Hildesheim: Olms 1988, 2. Aufl. 1996, sowie: Mittelalterforschung und Ideologiekritik. Der Gelehrtenstreit um Héloïse. München: Fink 1974.

[3] Zuerst französisch: Païens et païens. La Quaestio de Lambert du Mont sur le salut éternel d‘Aristote, in: Religiosità e civiltà. Conoscenze, confronti, influssi reciproci tra le religioni (sec. X-XIV), herausgegeben von Giancarlo Andenna. Milano 2013, S. 67-118.

[4] Louis Capéran: Le problème du salut des infidèles. Essai historique. Nouvelle édition (zuerst Paris 1912, 2 Bände). Toulouse: Grand Séminaire 1934; vgl. auch Mario Frezza: Il problema della salvezza dei pagani (da Abelardo al Seicento). Napoli: Fausto Fiorentino 1962, Hans Gerhard Senger: Was geht Lambert von Heerenberg die Seligkeit des Aristoteles an?, in: Studien zur mittelalterlichen Geistesgeschichte und ihren Quellen, herausgegeben von Albert Zimmermann. Berlin: de Gruyter 1982 (Miscellanea Mediaevalia, 15), S. 283-311, sowie neuerdings Josep E. Rubio: Salvar Aristòtil? La teologia davant la cultura pagana a la tardor medieval, in: eHumanistica 13 (2009), S. 173-194.

[5] http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00051725-7 (Ex. der BSB München).

Titelbild

Peter von Moos: Heiden im Himmel? Geschichte einer Aporie zwischen Mittelalter und früher Neuzeit. Mit kritischer Edition der ‚Quaestio de salvatione Aristotelis‘ des Lambertus de Monte (um 1500) von Philipp Roelli.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2014.
262 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-13: 9783825363215

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