Die Sprache der Eroberinnen

Ganz neue Erkenntnisse über die deutsche Sprachgeschichte

Von Luise F. PuschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Luise F. Pusch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am vergangenen Wochenende war ich auf Vortragsreise und verbrachte deshalb sieben Stunden im Zug. Die lange Fahrzeit verkürzte ich mir mit einem sehr anregenden und vergnüglichen Buch: Kristin Kopfs „Das kleine Etymologicum: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache“. „Kristin Kopf, geboren 1984“, verrät uns der Klappentext, „forscht und lehrt an der Universität Mainz im Bereich historische Sprachwissenschaft.“

Ach Mainz – dort musste ich im Januar 1972 die Hauptprüfung für mein Rigorosum bei Professor Broder Carstensen (Anglistik) überstehen. Sie verlief gnädig, Carstensens Assistentin, Marlis Hellinger, war mir eine freundliche Stütze. Hellinger, eine Pionierin der feministischen Linguistik, wurde bald darauf Professorin und dann Dekanin der Philosophischen Fakultät der Uni Hannover. In dieser Funktion versuchte sie einen neuen Briefkopf für ihr offizielles Briefpapier durchzusetzen. Sie fand, dort sollte statt „Der Dekan der philosophischen Fakultät“ doch besser „Die Dekanin …“ stehen. Die Bitte wurde mit der Begründung abgewiesen, es handle sich bei „Dekan“ um eine Organbezeichnung. Haben wir gelacht über dieses wichtige Organ! Wir nannten es in der Folge nur noch „der Dekan“.

Ihr Doktorvater, eben Broder Carstensen, hatte ihr zuvor schon mitgeteilt, er werde sie weiterhin mit „Fräulein“ anreden – Professorin und Dekanin hin oder her, wie er sie anrede, das entscheide immer noch er! Was lese ich nun zu der Anrede „Fräulein“ bei Kristin Kopf: „Bis vor wenigen Jahrzehnten war das deutsche Anredesystem von einer skurrilen Asymmetrie geprägt. Männer wurden immer als Herr angesprochen, bei Frauen aber unterschied man zwischen dem unverheirateten Fräulein und der verheirateten Frau. […] Heute ist der Bedeutungswandel abgeschlossen, und das Wort [Fräulein] findet fast nur noch scherzhafte Verwendung.“

Cool! „Skurril“, „scherzhafte Verwendung“ sind wahrhaftig die passenden Ausdrücke für diesen Problembereich, aber unser guter Doktorvater hatte für solche Erkenntnisse so gar kein Organ.

„Sie ist Mitbetreiberin von http://www.sprachlog.de, dem erfolgreichsten deutschen Sprachblog […]“, lese ich weiter über Kristin Kopf. Den Sprachblog habe ich seit einigen Monaten abonniert und kann ihn wärmstens empfehlen. Durch ihn erfuhr ich schon im Frühsommer vom baldigen Erscheinen des Buchs und habe es gleich in meiner Buchhandlung vorbestellt, weil mir Kopfs Beiträge im Blog, kenntnisreich und mit Charme serviert, gut gefielen.

„Geboren 1984“ – Kristin Kopf erschien also im selben Jahr wie mein Buch „Das Deutsche als Männersprache“, und es hat mich sehr gefreut festzustellen, wie souverän Kopf heute mit der deutschen Männersprache kurzen Prozess macht. Zwar vermisste ich in dem Buch die neuesten Erkenntnisse zur Geschichte der Movierung (Ableitung femininer Personenbezeichnungen aus Maskulina) im Deutschen, das kommt vielleicht in einem zweiten Band. Dafür hat sich die Autorin aber eine originelle Lösung ausgedacht, wie der sprachlichen Unsichtbarkeit der Frauen praktisch abzuhelfen sei. Diese Lösung machte für mich die Lektüre ihres Buchs zu einem besonderen Vergnügen. Kopf kündigt sie folgendermaßen an:

„Bei generischer Verwendung von Personenbezeichnungen (wenn keine konkreten Individuen gemeint sind) wird in diesem Buch die weibliche oder die männliche Form gebraucht. Die Zuweisung erfolgt per Zufall, über eine randomisierte Liste. Gemeint sind aber immer alle Menschen, egal, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen (oder ob sie das überhaupt tun). Auch die Fälle, in denen unklar war, ob beide Geschlechter gemeint sind, wurden großzügig den generischen Bezeichnungen zugeschlagen. Sie werden im folgenden also auf Vorfahrinnen, Griechinnen, Lexikografinnen stoßen, die alle Nicht-Frauen mitmeinen und auf Ahnen, Goten und Sprachwissenschaftler, die die Nicht-Männer einschließen.“

Ich grüble noch, welches Genus Kristin Kopf für ihre Neuschöpfungen Nicht-Frau und Nicht-Mann vorgesehen haben mag (der Nicht-Frau oder die Nicht-Frau?).

Während wir uns also von Kopfs klugen und leicht verständlichen Erläuterungen auch sehr komplexer sprachgeschichtlicher und grammatischer Sachverhalte fesseln und fortbilden lassen, überrascht sie uns immer wieder mit gänzlich ungewohnten Mitteilungen über Frauen und mitgemeinte Nicht-Frauen wie diese:

„Zur Zeit der Völkerwanderung […] siedelten germanische Völker im Römischen Reich. Im späteren Italien waren das die Langobardinnen, […] in Südengland die Angeln und die Sächsinnen, […] und in der Gegend um Worms ließen sich die Burgunderinnen nieder […].“
„Die Vandalinnen zogen weiter, die Fränkinnen blieben und drückten dem Land […] seinen späteren Namen auf: Frankreich […].“
„Im Deutschen bezeichnet Guerilla heute einzelne Partisaninnen oder Partisanengruppen.“
„Allerdings sprechen nicht alle Inderinnen Hindi […]. Die Keltinnen kennen wir aus Geschichtsbüchern oder Asterixbänden […] (Anmerkung: Nein: Aus Geschichtsbüchern oder Asterixbänden kennen wir natürlich nur die Kelten. Umso schöner, den Keltinnen hier endlich auch mal zu begegnen).“
„Schließlich kamen die Römerinnen mit ihrer Expansionspolitik. Die keltischen Dialekte […] kamen in engen Kontakt mit der Sprache der Eroberinnen.“
„Von Beginn an sprachen es [das Afrikaans] nicht nur die europäischen Kolonialistinnen […].“

Zum Schluss sei noch der trockene Humor der Autorin gewürdigt, der das ganze Buch durchwärmt und der für linguistische Prosa nicht eben typisch ist. Eine Kostprobe: „Von der engen Beziehung zwischen den „Liquiden“ l und r zeugen die (nicht miteinander verwandten) Sprachen Chinesisch, Koreanisch und Japanisch, die nur einen der beiden Laute zu besitzen scheinen – die Witze darüber sind Region.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag gehört zu Luise F. Puschs Glossen „Laut & Luise“, die seit Februar 2012 in unregelmäßigen Abständen bei literaturkritik.de erscheinen.

Titelbild

Kristin Kopf: Das kleine Etymologicum. Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014.
250 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783608913415

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