Lasst ihn in seiner Einsamkeit!

Zum 100. Todestag des österreichischen Dichters Georg Trakl

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

„Das Werk Georg Trakls ist das Bild einer völlig geschlossenen, in sich selbst beruhenden Welt. Müsste man ihr einen Namen geben, man könnte sie nur die Trakl-Welt nennen,“ schrieb der österreichische Lyriker und Essayist Josef Leitgeb. Ludwig Wittgenstein notierte zu Trakls Gedichten: „Ich verstehe sie nicht, aber ihr Ton beglückt mich.“

Drei Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, am 3. November 1914, starb Georg Trakl mit 27 Jahren in einem Militärspital an einer Überdosis Kokain. Ob der von der Schlacht bei Grodek schwerstens traumatisierte Lyriker Selbstmord beging, wissen wir nicht genau, anzunehmen ist es, mehr als ein Drittel seines Lebens ist geprägt von zum Teil dramatischen Drogen- und Rauscherfahrungen. Rätsel umgeben Leben und Werk dieses einzigartigen Dichters eines „verinnerlichten Expressionismus“. Rainer Maria Rilke schrieb nach der Lektüre von „Sebastian im Traum“: „Ich denke mir, dass selbst der Nahestehende immer noch wie an Scheiben gepresst diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener: denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel (Wer mag er gewesen sein?)“

Georg Trakl wurde am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren und verbrachte dort als fünftes von sieben Geschwistern seine Kindheit und Jugend. Als letztes der Geschwister kam die für ihn bedeutsam werdende Schwester Margarethe Jeanne, genannt Gretl, am 8. August 1891 zur Welt. Der Vater Tobias Trakl war in Salzburg Eigentümer einer Eisenhandlung. Die Mutter Maria Catharine, tschechischer Abstammung, hatte zeitlebens ein schwieriges Verhältnis zu ihren Kindern und war drogenabhängig. Nach außen hin bewahrte die Familie den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit, die Kinder wurden von einer französischen Gouvernante namens Marie Boring aufgezogen.

Zu dieser Zeit kam Trakl erstmals mit französischer Literatur in Kontakt, die sein gesamtes Werk prägte. Vor allem die Einflüsse von Arthur Rimbaud, Paul Verlaine und Charles Baudelaire sind in Trakls literarischem Schaffen neben denen Hölderlins, den er verehrte, zu erkennen.

Die beiden jüngeren Geschwister Grete und Georg hatten von früh an eine innige Beziehung, die bis zu Trakls Tod anhielt. Von den ersten Dichtversuchen 1904/1906 bis zu seinen letzten Gedichten „Klage“ und „Grodek“ ist die Schwester in seinen Gedichten präsent.

An die Schwester

Wo du gehst wird Herbst und Abend,
Blaues Wild, das unter Bäumen tönt,
Einsamer Weiher am Abend.

Leise der Flug der Vögel tönt,
Die Schwermut über deinen Augenbogen.
Dein schmales Lächeln tönt.

Gott hat deine Lider verbogen.
Sterne suchen nachts, Karfreitagskind,
Deinen Stirnenbogen.

Spekulationen über ein inzestuöses Verhältnis mögen zwar für einige Germanisten reizvoll sein, sie bleiben aber Spekulationen; Indizien- oder gar Beweiskraft kommen ihnen nicht zu. Gedichte sind, und das hat Hans Weichselbaum in seiner immer noch vorbildlichen und zum 100. Todestag neu aufgelegten Biographie des Dichters betont, keine verlässlichen Hinweise auf etwas, was in der Realität stattgefunden haben könnte. Und der Trakl-Forscher Hans-Georg Kemper konstatiert in seinem neuen Buch „Droge Trakl“, dass in den letzten Jahrzehnten keine „entscheidenden Dokumente oder Zeugnisse als Belege dafür oder dagegen geltend gemacht werden konnten.“

Wenn sich Trakl mit Schuld beladen hat, dann lag sie darin, dass er die achtzehnjährige Grete, die gerade ihr Studium an der Wiener Musikakademie aufgenommen hatte, erstmals mit Drogen versorgt hatte, denen sie wie ihr Bruder zunehmend verfiel. Er selber hatte frühzeitig das Gymnasium in Salzburg abgebrochen und wurde pharmazeutischer Praktikant. Schließlich gelang es ihm in der Metropole Wien, die er nicht mochte und eine „Drecksstadt“ nannte, den Magister der Pharmazie an der dortigen Universität mit dem Prädikat „genügend“ zu erhalten.

Er ging zurück nach Salzburg, arbeitete in einer Apotheke, lernte seinen späteren Verleger Ludwig von Ficker kennen, reiste 1913, ein Jahr vor seinem Ende, noch nach Venedig, zur ersten und einzigen großen Reise seines Lebens, „immer weiter – zu den Sternen“, wurde 1914 als Medikamentenakzessist nach Galizien verlegt, und erlebte in der Schlacht um Grodek das ganze Grauen des Krieges. Es war zu viel für ihn, nach einer Überdosis Kokain starb er am 3. November. 1917 erschießt sich seine Schwester Grete in Berlin.

Rüdiger Görner geht in seiner neuen Trakl-Biographie in der Auseinandersetzung mit den Gedichten der Todessehnsucht des Dichters, der für ihn mehr als innigen Beziehung zu Schwester Grete und dem Aufwachsen in Salzburg nach und hebt hervor, dass sich die Extreme der Zeit – die Beschleunigung der Lebensverhältnisse, ihre rücksichtslose Technisierung – im Werk des Dichters nur bedingt spiegeln. Gunnar Decker ist die wohl sprachlich eleganteste und subtilste Lebensdarstellung gelungen, doch wird bei ihm der Inzestvorwurf erneut aufgenommen.

Trakl-Biographen sei empfohlen, in diesen Zusammenhängen mehr Zurückhaltung zu üben und dem Wort eines großen deutschen Philologen Gehör zu schenken, einem Aphorismus aus Friedrich Nietzsches „Morgenröthe“: „Gehen wir vorüber! – Schont ihn! Lasst ihn in seiner Einsamkeit! Wollt ihr ihn ganz zerbrechen? Er hat einen Sprung bekommen, wie ein Glas, in das sich plötzlich etwas zu Heißes ergoss,– und er war ein so kostbares Glas!“

Literaturhinweise:

Gunnar Decker: Georg Trakl. Leben in Bildern. Deutscher Kunstverlag, München 2014.

Karl-Markus Gauß, Arno Kleibel (Hrg.): Umfrage über Georg Trakl. Literatur und Kritik Mai 2014. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014.

Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Zsolnay, Wien 2014.

Hans-Georg Kemper: Droge Trakl. Rauschträume und Poesie. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014.

Hans Weichselbaum: Georg Trakl. Eine Biographie. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014.





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