Der Streitverlauf in Stimmen und Zitaten

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unmittelbar im Anschluß an die Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998 sind Rede und Redner scharf angegriffen worden. "Was sich seit ein paar Wochen [...] als die Walser-Bubis-Debatte abgespielt hat", schreibt Karl Heinz Bohrer in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ vom 12./13. Dezember 1998, "unterscheidet sich von allem vergleichbar Vorangegangenen [...] darin, daß die meisten Teilnehmer nicht eigentlich wie Intellektuelle [...], sondern buchstäblich [wie] Betroffene" sprechen. Am meisten, so Ignatz Bubis zu Beginn der Debatte, habe er sich an den Worten "Moralkeule" und "Instrumentalisierung" gestört. Walser wolle, daß "das Thema Auschwitz im Orkus der Geschichte" versinke und daß "nicht mehr darüber gesprochen" werde. "Neu und alarmierend" sei, "daß mit Walser nun ein Intellektueller" den Schlußstrich fordere (›Die Welt‹, 14.10.).

Martin Walsers Friedenspreisrede ist in Anspielung auf Hannah Arendt mit "Die Banalität des Guten" überschrieben. Diejenigen Passagen, die in der Debatte am häufigsten aufgegriffen werden und am meisten umstritten sind, wenden sich gegen eine "Dauerrepräsentation unserer Schande", "unsere[r] geschichtlichen Last" in den Medien, sprechen von der "Instrumentalisierung" von Auschwitz "zu gegenwärtigen Zwecken", von "Ritualisierung" und "Monumentalisierung der Schande" in der Holocaust-Mahnmal-Debatte. Auschwitz aber, so Walser, eigne sich nicht dafür, "Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung".

Der Konflikt spitzt sich zu, als Klaus von Dohnanyi, der frühere Hamburger Bürgermeister, Sohn eines ermordeten Widerstandskämpfers, Walser in Schutz nimmt: Dessen Rede sei "die Klage eines Deutschen [...] über den allzu häufigen Versuch anderer, aus unserem Gewissen eigene Vorteile zu schlagen" (F.A.Z., 14.11.). Dohnanyis Bemerkung, "auch die jüdischen Bürger in Deutschland" müßten sich fragen lassen, "ob sie sich so sehr viel tapferer verhalten hätten, wenn nach 1933 ›nur‹ die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären", wird scharf zurückgewiesen. Bubis nennt sie "bösartig" (F.A.Z., 16.11.). Marcel Reich-Ranicki hält Dohnanyis Frage für legitim, doch sei sie - in diesem Kontext formuliert - "leichtsinnig, wenn nicht gar schädlich": "Weil sie befürchten läßt, er wolle - und sei es für einen Augenblick - von der deutschen Schuld ablenken" (F.A.Z., 2.12.). Am 8.12. legen Bubis und Dohnanyi ihren Streit bei: Die Gemeinsamkeiten seien "unendlich viel bedeutsamer als die Streitpunkte der vergangenen Wochen" (›Frankfurter Rundschau‹, 9.12.).

In einer weiteren Reaktion auf Walsers Rede behauptet Bubis, "der DVU-Vorsitzende Gerhard Frey und Ex-Republikaner-Chef Franz Schönhuber" würden über den Holocaust auch nicht anders sprechen. Manfred Fuhrmann läßt seinen Kommentar mit einem versteckten Schönhuber-Zitat ("Ich war dabei") beginnen: "Ich war dabei, ich habe zugehört, ich habe, nachdem Walser seine Rede beendet hatte, wie alle anderen Zuhörer applaudiert. Zwei Tage danach erfahre ich, daß mein Applaus einer geistigen Brandstiftung gegolten hat" (F.A.Z., 14.10.). Peter Schneider, Schriftsteller in Berlin, kritisiert Bubis: "So sehr ich Bubis schätze: Hier hat er sich, finde ich, vergriffen. Ich halte es im Gegenteil für völlig legitim, daß Walser in seiner Rede vor der Gefahr einer Ritualisierung der Trauer warnt" (›Die Welt‹, 14.10.).

"Keine Provokation" sieht Fritz Göttler in der ›Süddeutschen Zeitung‹, "allenfalls auf Mißverständnisse" sei Walser aus: "Starke Sätze enthält die Rede, aber man wird jeden dieser Sätze mißverstehen, wenn man den Text nach rhetorischen, nicht nach literarischen Kriterien angeht. Der richtige Text am falschen Ort - darin besteht die ganze Provokation. [...] Walser war sich des Risikos bewußt und wird mit den Folgen leben" (14.10.). Avi Primor, Israels Botschafter in Deutschland, wünscht sich öffentliche Klarstellung über die "wirklichen Absichten" des Autors: "Dinge, die selbstverständlich sind, sind noch verständlicher, wenn man sie auch erklärt" (F.A.Z., 9.12.).

Walter Jens ist einer der ersten Intellektuellen, die Walser beistehen: Der Friedenspreisträger habe eine "vorzügliche, präzis strukturierte Rede mit vielen nachdenkenswerten Details gehalten" (›dpa‹, 13.10.). Ingrid Bachér, vormalige Präsidentin des westdeutschen PEN, spricht von der "einfachen Machart der anonymen Beschuldigungen" in Walsers Rede (›Die Welt‹, 9.12.). Auch Marcel Reich-Ranicki vertritt die Auffassung, Walser habe "als Redner versagt und auch als Literat": "Ich sehe in seiner Rede keinen einzigen wirklich empörenden Gedanken. Aber es wimmelt in ihr von unklaren und vagen Darlegungen" (F.A.Z., 2.12.). In seinem offenen Brief an Walser gibt sich Elie Wiesel, Träger des Friedensnobelpreises, ähnlich ratlos: "Sie wenden sich gegen die ›Instrumentalisierung‹ des Holocaust ›zu gegenwärtigen Zwecken‹. Von welchen ›Zwecken‹ sprechen Sie? Um welche ›Instrumentalisierung‹ handelt es sich? Sie klagen auch jene an, die Auschwitz als ›Einschüchterungsmittel‹ nutzen. Wen meinen Sie?" (›Die Zeit‹, 10.12.).

Klaus Harprecht, der in seinem Kommentar seine Angst bekennt, "die Erinnerung an das Entsetzen und der Respekt vor den Opfern könnten in Grund und Boden gepredigt werden", weist Walsers Rede zurück: "Nicht aus der Trauer, die sich an den Schulmeistereien eines Günter Grass oder am Hochmut Peter Handkes aufreiben mag, nährt sich sein Appell, sondern aus dem Ressentiment, das in einem beleidigten Nationalgefühl zu Haus ist." (›Die Zeit‹, 15.10.).

Beifall von rechts

Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel und Salomon Korn, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden, befürchten, daß Walsers Rede "eine Tür geöffnet" habe, "die völlig andere politische Absichten verfolgen und auf ganz andere Weise gefährlich sind" (›Die Zeit‹, 10.12.). Dies sei der eigentliche Grund der Kontroverse, meint Korn: "Bubis hat begriffen, daß Walser eine Schneise in einen bisher tabuisierten Bereich geschlagen hat. [...] Ein Schwenk der Eliten stellt immer eine bequeme Rechtfertigung für den Rest der Bevölkerung dar, die gleiche Richtung einschlagen zu dürfen" (›Frankfurter Rundschau‹, 11.12.).

Ganz ähnlich erklärt Ulrich Hammerschmidt, Feuilletonchef der Chemnitzer ›Freien Presse‹, sich und seinen Lesern die Reaktion von Ignatz Bubis: "Doch in Wahrheit, so läßt sich vermuten, reagierte er, der deutsche Jude, so empfindlich, so sensibel, so instinktiv impulsiv, weil er wohl sofort an alle jene dachte, die Walsers Rede so verstehen werden, wie sie sie wollen, also an die, die anders als die verstehenden Paulskirchengänger nur ihr rechtes Ohr aufsperren und halb hinhören könnten" (24.10.).

Der Feuilletonchef der ›Neuen Zürcher Zeitung‹, Martin Meyer, nimmt am 19.10. Stellung: "Martin Walser ist, nach unserem Wissen und Gewissen, weder ein verstohlener Nationalist, noch ginge es ihm darum, die - schließlich breite und geglückte - Vergegenwärtigung des Grauens deutscher Geschichte zu revidieren und über ihr das Tabu auszubreiten. [...] Doch die Intention ist das eine; die Rezeption ist das andere."

Am 21.10. kommentiert der Feuilletonchef des ›Tagesspiegel‹, Peter von Becker, Walsers Rede sei in ihrer "gleichsam gegenkonventionelle[n] Rhetorik" mindestens "fahrlässig" gewesen. Das "publizistische Bezichtigungstheater" jedoch entspringe einem Mißverständnis und setze "Walser noch in seiner Angreifbarkeit ins Recht." Und Rudolf Augstein ergänzt im ›Spiegel‹: "Was Walser im Oktober sagte, mag er bei falscher Gelegenheit gesagt haben, es bleibt trotzdem richtig" (30.11.).

Im ›Freitag‹ schreibt Stefan Reinecke: "Als politische Äußerung ist dies [scil. das Unbehagen an der Gedenkkultur] Unfug. Wenn man über Auschwitz öffentlich nicht sprechen kann, entrückt man es zum ganz und gar Unsagbaren. [...] Wenn man über Auschwitz öffentlich nicht reden kann, ohne es zu instrumentalisieren, warum glaubt Walser, es zu können? Aus diesem Zwiespalt - Walser hält als Privatperson eine politische Rede - resultiert die Bigotterie dieser Veranstaltung. Der Schriftsteller inszeniert sich als Solitär, der von Ferne mit Ekel den Markttrubel betrachtet - um genau diesen verachteten Betrieb so richtig in Schwung zu bringen. [...] Martin Walser ist kein nationalistischer, großmachtsbesoffener Rechter, sondern ein Zeitgenosse, der politische Themen aus der Perspektive ›Deutschland und ich‹ wahrnimmt. Die Wahrnehmung ist ihm mehr wert als die Analyse, die Empfindung näher als der Gedanke, die Anschauung wichtiger als die Idee. Als Schriftsteller kommt man damit weit, als politischer Denker nicht. Unerfreulich ist diese Rede, weil sie auf öffentliche Empörungseffekte spekuliert. Walser verurteilt die Reflexe der Medienöffentlichkeit und bedient gleichzeitig professionell die Medien-Mechanik von Provokation, Tabubruch und Empörungsecho" (23.11.).

Von deutscher Normalität

Zum 60. Jahrestag des antisemitischen Pogroms im nationalsozialistischen Deutschland ruft Bundespräsident Roman Herzog dazu auf, die mahnende Erinnerung an Auschwitz wachzuhalten. Zugleich warnt er: "Hüten wir uns davor, das Entsetzen in billige Münze umzuwechseln." Auch bezweifelt er, ob "wir die rechten Formen des Erinnerns für die Zukunft schon gefunden haben" (FR, 10.11.).

Neue Impulse kommen durch Beiträge hinein, die den Streit um Walsers Rede in den Kontext zentraler Debatten der letzten Jahre stellen. Genannt werden vor allem der Historikerstreit der achtziger Jahre, die Rede des vormaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger, die Kontroverse um Botho Strauß und seinen ›Spiegel‹-Essay "Anschwellender Bocksgesang", die Goldhagen-Debatte sowie die Frage der Entschädigung von Zwangsarbeitern aus Osteuropa. Die Frage kommt auf, ob Walser in seiner Rede eine Tendenz der neuen Bundesrepublik widerspiegele, sich von ihrer Geschichte zu dispensieren oder "das Eingedenken von Auschwitz nur noch zu einer individuellen Gewissensentscheidung zu machen" (Wolfram Schütte, ›Frankfurter Rundschau‹, 9.12.).

Walser nähre die Vorstellung, so die Schriftstellerin Ingrid Bachér, "›normale‹ nationale Identität" lasse sich "herbeireden" (›Die Welt‹, 9.12.). "Ihm gehe es um eine ›Nation ohne Auschwitz‹, hält Bubis Walser vor", lesen wir in Gunter Hofmanns Annäherung an Ignatz Bubis: "Mit der Berliner Republik, sagt Bubis, solle ein neues Kapitel aufgeschlagen werden" (›Die Zeit‹, 10.12.).

Die Berliner Republik sei auf der Suche nach ihrer "Normalität", meint Reinhard Mohr im ›Spiegel‹ vom 30.11. Auch von anderer Seite wird dies als der "unausgesprochene Kern der ganzen Kontroverse" betrachtet: "Eine neue Generation, die der später Geborenen, ist nun aufgerufen, neue Antworten auf die alten Fragen, Bedrängungen zu formulieren, ihrerseits die Schatten zu vermessen, die eine Vergangenheit wirft, die nicht vergeht. Eben das wäre ein Stück jener Normalität, die vermißt wird", meint Johannes Willms, der Feuilletonchef der ›Süddeutschen Zeitung‹ (8.12.). Dieser Forderung versucht ›Die Zeit‹ Rechnung zu tragen, die am 10.12. einen Beitrag der 23jährigen Germanistikstudentin Mareike Ilsemann veröffentlicht: "Als junge Deutsche sitzen wir zwischen zwei Stühlen. Da ist zum einen die Erwartung der Opfer und deren Nachkommen, für die es nie wieder Normalität geben wird. Und zum anderen die Erwartung, die wir an uns selbst stellen wollen dürfen: nämlich uns als Angehörige des deutschen Volkes genauso ›normal‹ und gut zu fühlen wie ein Franzose oder ein Engländer. Und ich brauche es nicht zu versprechen, denn Versprechen impliziert Pflichterfüllung und Instrumentalisierung: Wir werden erinnern."

Nicht nur in den Feuilletons, auch auf den Leserbriefseiten wird die Diskussion sehr breit fortgeführt. Franz J. Bautz, ehemals Leiter der Abteilung Kulturkritik im Bayerischen Rundfunk, nennt Ignatz Bubis einen "Wort- und Sinnverfälscher" (›Süddeutsche Zeitung‹, 11.12.). Wolfgang Ullmann, Mitglied des Europäischen Parlaments in Brüssel, antwortet am 27.10. auf Manfred Fuhrmanns Beitrag "Gewissenswarte" in der F.A.Z., Fuhrmann wisse genau, wie sehr sich "der Schriftsteller, der angeblich so sprachsensible, [...] vergriffen" habe: "Es war eine angesichts des Ortes, des Anlasses und der Öffentlichkeit unverzeihliche Fehlleistung."

Laudatio und literarisches Werk

"Gespenstisch verhallt" sei die "pathetisch gewagte Laudatio Frank Schirrmachers", schreibt Reinhard Baumgart (›Die Zeit‹, 10.12.). Während sich die meisten Stimmen auf Walser und seine Kontrahenten konzentrieren, nehmen Joachim Güntner (›Neue Zürcher Zeitung‹) und Caroline Fetscher (›Der Tagesspiegel‹) die Laudatio des F.A.Z.-Herausgebers in den Blick. Güntner erkennt in Schirrmachers Worten eine "große Entwertung": er reduziere "den Gegenwartsschriftsteller auf den Nationalschriftsteller" (12.10.). Schirrmacher, stimmt Caroline Fetscher ein, "instrumentalisiert den Autor Walser auf eine so perfide Weise für die Sache des Nationalen, daß Walser von der Tragweite dieser Aktion vielleicht gar nicht alles mitbekommt" (14.10.).

Einige Kommentatoren fragen, inwieweit man Walsers jüngsten Roman, "Ein springender Brunnen" als einen "Subtext für Walsers Rede" (Andreas Montag, ›Mitteldeutsche Zeitung‹, 24.10.) verstehen dürfe. Fritz Göttler sieht in Walsers Rede "nichts als Fortsetzung seines letzten Romans", und Günter Gaus meint in der ›Süddeutschen Zeitung‹, ein Einwand gegen den Roman, "der sich auf Auschwitz bezog", habe Walsers "öffentliches Bekenntnis befeuert" (12./13.12.). Jörg Magenau, Literaturredakteur der ›tageszeitung‹, führt in seinem Beitrag aus: "In seinem jüngsten Roman ›Ein springender Brunnen‹ hat Walser sich mit seiner Schuld auseinandergesetzt, die darin besteht, zur Zeit des Nationalsozialismus ein glückliches Kind gewesen zu sein, das mit ersten Liebeserfahrungen beschäftigt war und von Auschwitz nichts wußte. Daß Auschwitz darin nicht vorkam, fanden auch schon einige skandalös, die von literarischer Perspektive noch nie etwas gehört haben" (14.10.).

Das ›Börsenblatt‹ zitiert am 30.11. Siegfried Unseld, Martin Walsers Verleger: "Noch nie in der Geschichte des Suhrkamp Verlages" habe ein Buch "so große, so rasche Wirkung gezeigt". Die Rede des Friedenspreisträgers mit dem Etikett der "geistigen Brandstiftung" zu versehen, sei nicht nur "unfaßlich", sondern "einfach absurd." Auch frühere Bücher und Reden Martin Walsers - von "Unser Auschwitz" (1965) bis zur Rede auf Victor Klemperer (1995) - werden jetzt teils kritisch, teils als Beleg für seine Integrität in den Blick genommen. Im Stuttgarter Schauspielhaus läßt Dramaturg Horst Brandstätter zwölf Autoren Walsers Aufsatz von 1965 lesen sowie eine Rede, mit der Walser 1979 eine Ausstellung mit Zeichnungen von Auschwitz-Häftlingen eröffnet hat: "Beide Texte belegen, wie intensiv Walsers Denken und Empfinden seit Jahrzehnten um dieses Thema kreist. [...] Schon vor fast zwei Jahrzehnten aber ist Walser bedrängt worden von der Versuchung des Wegsehens. Damals wies er sie zurück." (FR, 14.1.99) Ohne Hinsehen, so der Autor 1979, drohe "Verwilderung".

Verlagerung der Debatte

Am 12. Dezember 1998 treffen sich Martin Walser und Ignatz Bubis, sekundiert von Frank Schirrmacher und Salomon Korn, in den Räumen der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹, um Klarheit in den Streit zu bringen, der - zum damaligen Zeitpunkt - seit nahezu zehn Wochen um die Rede Martin Walsers zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geführt wird. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, nimmt seinen Vorwurf vom 12. Oktober zurück, Walser habe in seiner Rede "geistige Brandstiftung" betrieben. Er beharrt aber darauf, "daß der Schriftsteller sich mißverständlich ausgedrückt habe": "Wir müssen einen Weg finden für ein gemeinsames Erinnern. Wenn noch dieser Satz im Text gestanden hätte, dann wäre alles ganz anders." Martin Walser räumt ein: "Ich habe vielleicht zuwenig deutlich gemacht, daß es öffentliche Erinnerungspflege geben soll". Er sieht den Sinn der Aussprache einzig darin, "daß wir eine Sprache finden, in der viele Leute sich ausgedrückt sehen können". Wie man an Auschwitz denke, sei "eine Sache des persönlichen Gewissens". Er habe keinen "Schlußstrich unter die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit ziehen" wollen; er habe diesen Vorwurf "empörend" gefunden (F.A.Z., 14.12.). Wolfram Schütte bewertet dieses Ergebnis des Gesprächs Bubis - Walser als "denkbar schmal", er glaubt nicht, daß es "aus der Schieflage, in der sich die Diskussion seit Beginn befindet", herausgeführt habe. Walser sei rhetorisch "gewissenlos", und Bubis´ Skepsis, daß Walser "die besten Absichten" hatte, sei "vollauf berechtigt" gewesen: "Da spricht ein gewisses Gewissen. Walser - ein Trauerfall" (›FR‹, 15.12.). Auch im Ausland, in Frankreich vor allem, ist die Debatte sehr aufmerksam registriert und begleitet worden. Französische Zeitungen und Zeitschriften haben Gespräche mit Martin Walser und Günter Grass, Hans Christoph Buch und Henryk Broder, Stefan Heym und Monika Maron geführt. Olivier Mannoni von ›L´Événement‹ hat Auszüge aus dem Gespräch zwischen Bubis und Walser nachgedruckt und als Ausdruck des Willens, "dieses Kapitel abzuschließen", kommentiert (F.A.Z., 27.1.1999).

"Weshalb aber der Streit selber?", fragt Robert Leicht in der ›Zeit‹: "Weil wir vor einem Generationswechsel stehen - und damit vor der Frage: Können die Zeitgenossen, können die unmittelbaren oder mittelbaren Zeugen bestimmen, welchen Einfluß ihre Geschichte und ihr Geschichtsbild auf die Nachgeborenen haben werden?" (3.12.) Drohte der Streit noch vor kurzem, "außer Kontrolle zu geraten und Wirkungen zu entfalten, die niemand wollen kann", so Richard von Weizsäcker (F.A.Z., 20.11.), so scheint er jetzt seine sachliche Fortsetzung im politischen und universitären Raum zu finden. Walter Jens sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, jetzt werde die Debatte "jenseits der Personalisiering grundsätzlich" weitergehen (›SZ‹/›dpa‹, 15.12.1998). Auf Kritik stößt, daß das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen Martin Walsers Rede zur "Rede des Jahres" erkoren hat, sogar beim ehemaligen Leiter des Institutes, Walter Jens. Ende Januar 1999 hat eine Jury aus Sprachwissenschaftlern Walsers Begriff der "Moralkeule" unter die "Unwörter des Jahres" gewählt: "Es verwundere, daß ein so sprachsensibler Autor einen schützenswerten Begriff wie Moral mit einem Totschlaginstrument, einer Keule in Verbindung bringen konnte" (›FR‹, 27.1.). Im Rahmen der Mahnmal-Debatte ist Bundespräsident Roman Herzog ein weiteres Mal auf Walsers Rede eingegangen: Sie habe "eine wichtige Auseinandersetzung in unserer Öffentlichkeit provoziert" (›FR‹, 28.1.).

Lutz Hagestedt

Kein Bild

Martin Walser: Ein springender Brunnen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
416 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3518410105

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Martin Walser: Erfahrungen beim Erfassen einer Sonntagsrede. Friedenspreis des deutschen Buchhandel.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
52 Seiten, 5,10 EUR.
ISBN-10: 3518065505

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