Gegengedächtnislogorrhoe

Halina Hackert liest Einar Schleefs „Gertrud“ als ethnologische Quelle

Von Christian LuckscheiterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Luckscheiter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einar Schleefs Roman „Gertrud“ ist (nicht nur) unlesbar im Sinne Paul de Mans. Liest man ihn fein philologisch von A beziehungsweise u oder D bis Z beziehungsweise r, hat man nicht nur knapp 1.200 Seiten zu lesen, sondern man ist zudem damit konfrontiert, zunächst einmal nichts, überhaupt gar nichts zu verstehen. Angesichts dieses Umstands und verschwindend geringer Lebens- und also Lesezeit scheint es folglich nur logisch, die Lektüre vorzeitig abzubrechen. Dabei soll der Sprachmüll, den Gertrud da auskotzt, hundert Jahre deutscher Geschichte in Sangerhausen (Thüringen) darstellen, das Epos deutscher Geschichte und Leidensgeschichte im 20. Jahrhundert sein, wie Golo Mann schrieb, – und nicht zuletzt Zeugnis davon geben, dass Schleef der einzige Autor sei, dem es gelingt, das Provinzleben der DDR bis ins Detail aufzuzeichnen.

Große Worte. Würde insofern die mühselige und zeitintensive Lektüre doch lohnen? Oder ist damit dem Buch (viel) zu viel zugemutet? Meinte Schleef doch, „Gertrud“ handle davon, dass sich (nicht nur) im Leben Gertruds, trotz „viermal deutsche[m] Reich“, „nichts, nie geändert hatte“. Und es entsteht bei der Lektüre durchaus der Eindruck, Gertrud könnte noch so sehr in ihrem „bißchen Leben“ herumgraben und noch so viel Geschichte ans Tageslicht zu schaufeln versuchen („mich herauswühlen, schaufeln, schaufeln“), es würde nichts klarer machen, sondern im Gegenteil nur zu immer weiterem Sprachmüll führen, die Pyramide aus Sprachschotter, unter der sie sich beziehungsweise ihr „Filius“ sie begräbt, nur immer höher türmen: Das unablässige, sprunghafte, stammelnde Sprechen befreit nicht, es macht alles nur schlimmer.

„Die Sprache mauert mich zu. Nur die Hand noch paßt durch das Loch. Was muß ich sprechen. Schweigen. Dann rumort es in mir, die Sprache pucht gegen die Schläfen, einen Ausweg finden, so die Lippen aneinandergepreßt. Die Schläfen werden schon mürbe, haltet, es läßt sich ein anderer Ausweg finden. Aber es bildet sich Satz auf Satz, der Brei walkt und walkt, dann füllt mich die Masse, an den Ohren steigt der Druck, hinten zieht sich alles zusammen, der Arsch schwitzt, naß grüßt ihn der Rücken, jetzt kommt es raus, ob ich will oder nicht, mein Regime wird endgültig gebrochen.“

Über 1.000 Seiten Logorrhoe also, die lediglich die Ohnmacht des oder eines Subjekts vor der Sprache belegen? Dass „Gertrud“ mehr ist als Sprachmüll und sich sprunghaftes Gestotter und (deutsch-deutsches) Epos nicht ausschließen müssen, zeigt Halina Hackert in und mit ihrer Doktorarbeit „Sich Heimat erschreiben. Zur Konstruktion von Heimat und Fremde in Einar Schleefs ‚Gertrud‛“. Es ist mutig genug, Schleefs „Gertrud“ als Gegenstand für eine Promotion auszuwählen. Doch damit ist der Mut hier noch nicht ausgeschöpft. Denn Hackerts Wahl wurde von ihr nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, im Fachbereich „Neuere deutsche Literatur“ oder „Deutsche Philologie“, sondern im Fachbereich „Europäische Ethnologie“ getroffen. Das hat natürlich Konsequenzen für die Lektüre. Es geht hier weniger um Probleme der Form, literaturgeschichtliche Kontextualisierungen oder die Figur Gertrud.

Hackert geht es um etwas anderes: Sie untersucht „Gertrud“ als „ethnologische Quelle“! Sie geht dabei gleich mehrere Wetten ein: unter anderem und zunächst eben diejenige, dass man einen Roman überhaupt als ethnologische Quelle heranziehen kann; außerdem wettet sie, dass „Gertrud“ Verlässliches über Schleefs eigenes Verhältnis zu Heimat und Fremde, aber auch, und damit verknüpft, zu Gedächtnis und Erinnerung, Region und Dialekt, Körper und Schrift aussagt; dass „Gertrud“ damit zugleich ein „Gegengedächtnis“ zu ‚offizieller‛ DDR-Geschichtsschreibung darstellt; und sie wettet, indem sie sich die heftig umstrittene These aneignet, Literatur könne – sogar „um ein Vielfaches“, wie der Historiker Wolfgang Hardtwig schrieb – aussagekräftiger als wissenschaftliche Ethnographie und komplexer als Historiografie im Hinblick auf das Verstehen ‚fremder’ wie ‚eigener’ Kultur sein (in einer Rezension wurde auf diese Aneignung bereits von Seiten einer Historikerin erwartbar allergisch reagiert), dass folglich und ganz generell die exemplarische Analyse eines literarischen Werks „die fruchtbarste Methode“ sei, um „die Verbindung von Literatur und Ethnologie darzustellen“. Könne doch eine solche Analyse Aufschluss geben „über das Wissen, die Werte sowie die unausgesprochenen Grundannahmen und Wirklichkeitsvorstellungen einer Epoche“ – hier insbesondere der DDR.

In neun Kapiteln sowie einem Nachwort löst Hackert diese Wetten ein. Sie macht dabei den Roman lesbar, indem sie ihn aufblättert, seine Subtexte wahrnimmt und Gertruds Gestammel in Klartext übersetzt. Endlich versteht man etwas! Dabei wird deutlich, dass Schleef mit seinem monumentalen Roman und seinem „mikroskopischen Blick“ eine Wirklichkeit dem Vergessen entrissen hat, wie sie nur hier gespeichert ist. „Gertrud“ fügt überkommenen und feststehenden Bildern der Vergangenheit, vor allem des DDR-Alltags, eine, wie Hackert in enger Lektüre zeigt, einmalige Gegen-Perspektive hinzu, die zugleich, so Hackerts abschließende These und vielleicht auch Hoffnung, „Veränderungsmöglichkeiten im Bereich kultureller Tradierung und Wandlungsmöglichkeiten des kulturellen Gedächtnisses“ aufscheinen lässt.

Titelbild

Halina Hackert: Sich Heimat erschreiben. Zur Konstruktion von Heimat und Fremde in Einar Schleefs »Gertrud«.
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2013.
332 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-13: 9783865991812

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