Die ungespielten Töne

Marion Tauschwitz legt die erste ausführliche Biografie der Dichterin Selma Merbaum vor

Von Malte VölkRSS-Newsfeed neuer Artikel von Malte Völk

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man kann die Czernowitzer Dichterin Selma Merbaum (bisher meist als Meerbaum-Eisinger bekannt) kaum ohne den Kontext der Ermordung der europäischen Juden wahrnehmen. Auch die davon unabhängige Qualität ihrer Gedichte ändert nichts daran: zu kurz war die Zeit ihres Wirkens, zu erdrückend das Schicksal der im Alter von 18 Jahren der nationalsozialistischen „Vernichtung durch Arbeit“ zum Opfer Gefallenen. Marion Tauschwitz unternimmt dennoch den Versuch, Merbaum lebendig werden zu lassen als eigenständige Künstlerpersönlichkeit, die nicht auf ihren Status als Opfer des Nationalsozialismus reduzibel und die von der künstlerischen Bedeutung her mehr ist als eine rumänische Anne Frank für Lyrik-Fans. Dieser Balanceakt gelingt trefflich und fördert, unter Rückgriff auf bisher unerschlossene Quellen und Dokumente, überraschend plastische und vielschichtige Facetten dieses Lebens zutage. Die Biografie ist hier mit einer Neuausgabe sämtlicher Gedichte verbunden, in der Übertragungsfehler und Eingriffe aus den vorherigen Ausgaben korrigiert werden. Ein solches großes Merbaum-Buch war überfällig.

Die Region Bukowina und die Stadt Czernowitz stehen zu Recht im Ruf, eine hervorgehobene Bedeutung für die Dichtkunst zu haben. Die kulturelle Verbindung der Habsburgermonarchie mit den Traditionen des aschkenasischen Judentums und der literarischen Moderne erzeugte ein Milieu, in dem Dichter wie Paul Celan, Rose Ausländer oder Moses Rosenkranz aufblühten, die, wie Merbaum, in deutscher Sprache schrieben. Tatsächlich ist Paul Celan sogar ein Cousin 2. Grades von Selma Merbaum und sie gehörte wohl zu den ersten Rezipientinnen seiner Gedichte, die er noch schüchtern auf Waldspaziergängen vortrug. Die frühesten erhaltenen Verse von Merbaum datieren auf das Jahr 1939, in dem die 15-jährige Schülerin ihren handgeschriebenen Band „Blütenlese“ beginnen lässt. Knapp 60 Gedichte umfasst das Œuvre schließlich im Juni 1942, als sie das Heftchen einer Freundin überlässt: mit den Deportationen der letzten noch in Czernowitz verbliebenen Juden wird auch Merbaum in die Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus gezogen. Zunächst in einem rumänischen Durchgangslager festgehalten, aus dem noch briefliche Kommunikation möglich war, gehörte sie bald zu den jüdischen Häftlingen, die im Zuge der Organisation Todt zum Straßenbau in der Ukraine eingesetzt wurden. Durch die Zwangsarbeit für das Remscheider Bauunternehmen Dohrmann starb sie im Dezember 1942 an Typhus. Paul Celans Eltern waren mit ihr zeitweise in der Todesbaracke im Lager Michailowka untergebracht.

Mit der Biografie von Marion Tauschwitz entsteht erstmals ein differenziertes und greifbares Bild von Selma Merbaum; ein Bild von einer intellektuell lebhaften jungen Frau, die noch unter den unmenschlichsten Existenzbedingungen im Arbeitslager mit den dortigen Intellektuellen Streitgespräche und insbesondere mit dem Maler Arnold Daghani Dispute führte über die Angemessenheit seiner ästhetischen Praxis.

Merbaums kurzes Leben in Czernowitz war angefüllt mit nicht nur literarisch-intellektuellen, sondern auch politischen Aktivitäten. So war sie etwa – ein bisher wenig bekannter Umstand – Mitglied der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair und verfolgte in teilnehmender Beobachtung die historischen Ereignisse vom Zerfall der Reste des Habsburgerreiches über die sowjetische Besatzung bis hin zum erneuten Einzug der mit den Deutschen verbündeten Rumänen.

Einige von Merbaums Freunden gerieten schon in der Zeit der sowjetischen Besatzung unter die Räder, weil sie nicht schnell genug erkannten, wie unnachgiebig und wahnhaft die stalinistische Säuberungspraxis sich vollziehen sollte. Erschütternd liest sich etwa der naive Versuch eines Teils von Merbaums Jugendgruppe, mit Stalin (!) direkt in brieflichen Kontakt zu treten, um die Gemeinsamkeiten zwischen Sozialismus und Zionismus zu betonen. Die Verfasser des Briefes wurden natürlich umgehend nach Sibirien deportiert, von wo sie nie zurückkehrten. Merbaum selbst erlebte diese Zeit wohl insgesamt ambivalent, schwankend zwischen Entsetzen ob der Brutalität und Hoffnung auf ein wie auch immer geartetes humanistisches Potential des Sozialismus. Mit solchen Aspekten der Biografie revidiert Tauschwitz frühere Einschätzungen, die manchmal dazu tendierten, das junge Mädchen mit einer verklärenden bis pathetischen Innerlichkeit zu belehnen. So war zum Beispiel die Untertitelung einer Ausgabe von Merbaums „Blütenlese“ mit der Sentenz: „Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund“ aus heutiger Perspektive zumindest unglücklich gewählt. Schließlich handelt es sich nicht um pubertäre Schmachtfetzen oder unbeholfene Kommunikationsversuche. Zudem kann Tauschwitz überzeugend darlegen, dass jener Freund wohl eine derart einnehmend Rolle im Leben von Merbaum gar nicht gespielt hat und dass es durchaus vielschichtigere Beziehungskonstellationen etwa auch in ihrer Familie waren, die hier Eingang fanden. Aber die Gedichte können ohnehin von biografischen Aspekten weithin unabhängig bestehen.

Liest man die Gedichtsammlung, die dem Original folgend im Wesentlichen chronologisch angeordnet ist, in ihrem Verlauf, so kann man die Dichterin beim Entwickeln einer eigenen Sprache, eines eigenen Zugangs zur Welt beobachten. Selbst diejenigen ihrer Verse, die man noch als lyrische Suchbewegungen eines Kindes verstehen mag, zeugen schon von einer Sprachbeherrschung und Stilsicherheit, die manchem deutschsprachigen Dichter noch (oder gerade) im Greisenalter abgehen. In seinen stärksten Teilen kann sich das Werk Merbaums durchaus mit den größten der deutschsprachigen Literatur messen. Am besten ist sie dann, wenn sie eine vorsichtig tastende Naturlyrik zu Gunsten von Formexperimenten kippen lässt und über ihren Gegenstand hinaustreibt. So etwa in dieser Strophe aus „Vormittag“ (man beachte den aufwendig sich über die Zeilengrenzen hinweg verschiebenden daktylischen Rhythmus): „Es schauern die Lüfte / und kühlen mein heißes / in Sehnsucht gehülltes Gesicht. / Die ziehenden Wolken verstreuen ihr weißes / der Sonne gestohlenes Licht.“

Die Biografie ist gut geschrieben: die Verfasserin gibt nie die Zügel aus der Hand, tritt aber dennoch weit genug zurück hinter die Schilderung des Lebens von Selma Merbaum. Auf diese Art gelingt es Tauschwitz, eine empathische Darstellung vorzulegen, die jedoch nie vereinnahmend oder pathetisch wird. Dabei ist es sicher nicht einfach, hier den richtigen Ton zu treffen. Schließlich wollen barbarische Gräueltaten und enthemmter mörderischer Sadismus ebenso beschrieben sein wie individuelle Beziehungen Heranwachsender und künstlerisch-intellektuelle Entwicklungsläufe.

All dies ist auf eine Art miteinander verwoben, wie man sie sonst kaum antreffen dürfte. Hinwieder ist es aber nicht so, dass die Verbindung zwischen der Lyrik und der historischen Situation ganz ungebrochen wäre: Merbaums Gedichte sind nicht im Lager entstanden. Sie wurden geschrieben, als die Situation für die Juden in der Bukowina zwar äußerst gefährlich und grausam, zu jenem Zeitpunkt aber aufgrund der Unübersichtlichkeit noch nicht völlig aussichtslos war. Die erratische Umsetzung der deutschen Vernichtungspläne durch die Rumänen eröffnete immer wieder vereinzelte Lücken und es gelang auch einigen von Merbaums Freunden, nach Palästina zu fliehen. Die Recherchen und Quellenarbeiten, mit deren Hilfe die Verfasserin diese Umstände beleuchtet, sind gründlich und differenziert. Zum Teil ist es auch Glück, dass einige der Personen aus Merbaums direktem Umfeld die Shoa nicht nur überleben konnten, sondern zudem reichhaltige Aufzeichnungen angefertigt hatten. Der erwähnte Maler Daghani etwa hat nicht nur eine genaue Chronik des Lagerlebens verfasst, sondern sogar die Szene gezeichnet, in der die verstorbene Merbaum aus ihrer Schlafstätte gehoben wird. Solche Bilder prägen die Wahrnehmung dieser Dichterin und stellen den ästhetischen Genuss auch gleichsam in Frage. In den Gedichten schwingt immer das mit, was nicht mehr geschrieben werden konnte: Das im Leben Versäumte als „ungespielter Ton“ ist ein Motiv aus Merbaums Dichtung, auf das schon ein von Iris Berben verfasstes Vorwort zu diesem Band verweist. Diese ungespielten Töne legen sich dann eben doch immer wieder als stumme Anklage über die gespielten Töne, über die wenigen geschriebenen Gedichte.

Titelbild

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum - Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte.
Mit einem Vorwort von Iris Berben.
zu Klampen Verlag, Springe 2014.
350 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783866744042

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