Führerschein für Ihre Glück

Güzin Kar hat mit ihrem Roman „Hüsnü, hilf!“ einen verblüffenden Ratgeber geschrieben

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ratgeber gibt es hierzulande wie Sand am Meer: „Heilung mit Gojibeeren – Essen Sie sich ins Glück“, „Andere Länder, andere Titten – Ein Fremdgehratgeber für den Urlaub“ und „Attraktiv jenseits der 40? Was von Frauen übrig bleibt“ sind nur einige Beispiele. Auch wenn diese Titel in Wirklichkeit nicht existieren, stehen sie im Roman „Hüsnü, hilf!“ von Güzin Kar für eine freilich sehr ironisch gezeichnete Ratgeberindustrie, die die Bedürfnisse der Menschen nicht befriedigt: „Jenseits der vierzig gleicht Ihre Partnerwahl nicht mehr einem Einkauf im Delikatessenparadies, sondern der Schlacht am Wühltisch. Die besten Stücke sind schon weg, und was vor Ihnen liegt, ist Mangelware oder vorletzte Saison. Dies war die schlechte Nachricht. Die gute ist: Sie selber sind auch nur noch Ramschware, und unter seinesgleichen muss man sich nichts vormachen.“

Die Antwort der Schweizer Autorin und Filmregisseurin mit türkischen Wurzeln darauf ist Hüsnü Haydaroglu, ein Mann Anfang Dreißig, mit Fliegerbrille, Schnurrbart, Vokuhila und viel Brusthaar. Zwei Jahre lang erscheinen die Lebensweisheiten der in der Schweiz populären Kunstfigur in der „Basler Zeitung“ als Kolumne. Im Frühjahr 2014 kommt dann ein Roman unter dem Titel „Hüsnü, hilf!“ auf den Markt. Eine große Freude – aber nicht für alle: Der Chefredakteur der Basler Zeitung setzt kurz darauf die Kolumne ab. Seit Sommer 2014 berät Hüsnü alias Kar die Leser beim SRF.

„Hüsnü, hilf!“ ist ein unkonventioneller Ratgeber. Das liegt an der auf den ersten Blick skurrilen Figur des in der Türkei geborenen, seit einigen Jahren in Pratteln lebenden Callcenter-Mitarbeiters. Die Ich-Erzählerin lernt Hüsnü kennen, als sie in einem Buchladen – ja – Ratgeber durchblättert. Der „Pornodarsteller aus den Siebzigerjahren“ hat eine magische Wirkung auf sie, die berufstätig, seit einigen Jahren Single und sehr verzweifelt, jede Chance ergreift, ihr Glück zu finden. Sie versucht es mit Alkohol, Männern und Vorträgen über Darmreinigung und Heilfasten – nichts hilft, bis Hüsnü auftaucht.

„,Nachdenkst du bitte nicht so viel über dem Leben‘, sagte Hüsnü, ,nicht eigene und fremde. Leben ist wie Regen. Kommt und geht und geht und kommt, mal ist gut, weil gibt Wasser zu dem Blumen, mal ist schlecht, weil macht teure Schuhe kaputt. Dabei ist immer gleiche Wasser von oben.‘“

Die Ich-Erzählerin ist allerdings nicht die einzige, die Hüsnü bei ihren regelmäßigen Treffen bei Kaffee und Kuchen mit großer Neugierde lauscht. Dieser Mann „ohne jegliche psychologische Ausbildung und nennenswerte Deutschkenntnisse“, der einzige Junge unter sieben Schwestern und nach eigener Aussage Feminist, hilft eines Abends auch einem Journalisten aus einer Krise: „Wann bist nicht zufrieden im deine Leben, dann ist nicht deine Leben schuld, sondern deine Faulheit.“ Der Journalist beschafft Hüsnü als Dank für derartige Ratschläge einen Job als Kolumnist bei seiner Zeitung und schon bald wird Hüsnü, der „Tiefendeutsch“ spricht, zum „Lebensberater für geplagte einheimische Seelen“.

Was ist das Geheimnis seines Erfolgs – und zugleich das Außergewöhnliche an Güzin Kars Roman? Hüsnü verrät es, als er einmal dem Leser Arthur M. antwortet, der sich fragt, warum Hüsnü so beliebt sei, niemand aber seine, Arthur M.s Bücher, Artikel und Glossen haben wolle. „Wann du eine Arbeit machst, ist nicht wichtig, dass du gut machst, sondern anderes. Besonderes. […] Und wann du schreibst Geschichten, dann du musst anderes schreiben als alle anderen. Und anderes denken.“

Hüsnü ist so populär, weil seine Ratschläge und Vergleiche einfach und ungewöhnlich zugleich sind. Wer sich fragt, wie er bloß auf sie kommt, muss sich Hüsnüs alles andere als nur komische Lebensgeschichte anschauen. Sie gibt einen auch bitteren Einblick in das Leben türkischer Arbeiter in Westeuropa seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Hüsnü arbeitet in der Schweiz, um einen Teil seines Lohnes an seine Familie zu schicken. Sein Vater ist mit seinem Telefonladen pleitegegangen, nachdem plötzlich „Taschentelefone“ aufgekommen sind.

„Hüsnü hilf!“ dokumentiert einen ungeheuer humorvollen, zuweilen nachdenklich stimmenden „Zusammenprall der Kulturen“. Auf der einen Seite Hüsnü, gelassen, großzügig und lebenslustig, auf der anderen Seite die witzige, aber auch unsichere und unglückliche Ich-Erzählerin, die trotz der Worte ihres guten Freundes weiterhin Ratgeber liest, die sie eher frustrieren als sie aufzubauen.

Die Handlung des Romans selbst ist nicht so stark und bleibt dem Leser auch nicht so in Erinnerung wie die Titelfigur und seine Ratschläge. Die Ich-Erzählerin und der „Schnurrbart der Herzen“ verlieren sich mehrfach aus den Augen, um wieder zueinander zu finden. Ihre Geschichte endet zu abrupt.

Das letzte Drittel des Buches machen knapp dreißig Kolumnen aus, die Kar aus der Basler Zeitung „textgetreu übernommen“ hat, wie sie im Vorwort schreibt. Hier ist Hüsnü in seinem Element. Wie sich ein 86-jähriger Witwer auf der Suche nach einer neuen Partnerin geben soll („Frau will immer frische und beste Ware, darum musst du und müssen wir alle uns gut verkaufen.“) oder wie eine verzweifelte 37-jährige Mutter mit ihrem pubertierenden Sohn umgehen soll („Vergesst du dich selber nicht, bitte. Mach deine eigene Leben, rede mit deine Sohn ganz normal, und schimpfe nicht wegen jede halbe Stunde, wo kommt er zu spät. Er macht sowieso extra.“) – Hüsnü hat Tipps für alle Lebenslagen.

Güzin Kar ist mit ihrem Roman „Hüsnü, hilf!“ der wohl witzigste und hilfreichste Ratgeber des Jahres 2014 gelungen. Dafür sorgt ihre so real wirkende Titelfigur, dieser Kummerkasten-Onkel, der die Probleme der Menschen aus einem gänzlich anderen Blickwinkel betrachtet und verblüffende Lösungen anbietet. Und am Ende fragt man sich wie die Ich-Erzählerin, „wie man all die Jahre ohne ihn zugebracht hatte, wo das Leben mit ihm doch so viel bunter, ja berauschender war“.

Titelbild

Güzin Kar: Hüsnü, hilf! Sofortglück für alle.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2014.
191 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783036956916

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