Liebe in Zeiten des Materialismus

Zu Andreas Webers Buch „Lebendigkeit – eine erotische Ökologie“

Von Eckart LöhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eckart Löhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Andreas Weber, Biologe und Philosoph, hat mit Lebendigkeit eine Art Fortsetzung seines 2007 erschienenen Buches Alles fühlt geschrieben, in dem er sich bereits vehement gegen eine rein darwinistische Betrachtung der Natur aussprach. Leben ist für ihn von Beginn an Gefühl, Individualität und darüber hinaus teleologisch verfasst, die Welt bereits auf materieller Ebene beseelt.

In seinem aktuellen Buch mit dem Untertitel Eine erotische Ökologie rückt er die Liebe in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, denn „keine biologische Beschreibung ist vollständig, wenn sie nicht als eine Biologie der Liebe angelegt ist“. Leider bedient er sich dabei als Teil seines philosophischen Konzepts einer gewollt poetischen Sprache, die zum Teil aufgesetzt, pathetisch, prätentiös und im Ganzen einfach nur nervig ist und die Lektüre stellenweise zur Qual werden lässt. Das ist schade, denn viele Gedanken des Autors sind zweifellos richtig und für ein modernes Naturverständnis unverzichtbar.

Dazu gehört unter anderem seine Kritik am Darwinismus, der eben nur „eine Kraft unter mehreren“ darstellt. Für Weber ist nicht der Kampf ums Dasein, sondern der Eros die treibende Kraft des Universums, denn „Berührung und Durchdringung sind die grundlegenden Kräfte der Wirklichkeit“. Wenn er weiter schreibt, dass ohne diese Kraft „die komplexen Stoffe, aus denen eine Zelle aufgebaut ist, blitzschnell zu simpleren und ‚toten‘ Bauteilen zerfallen würden“, dann klingt das allerdings sehr nach einem quasi-vitalistischen Konzept. Nur werden hier die beiden zentralen Begriffe des modernen Vitalismus, Bergsons „Elan vital“ und Drieschs „Entelechie“, durch den Begriff des Eros ersetzt. Darüber hinaus verstrickt er sich in mehrere Widersprüche, die zum Teil darauf zurückzuführen sind, dass er seine ontologischen Voraussetzungen nicht klärt. So kann man, etwas anders formuliert, lesen, dass Materie tot sei und „am allerliebsten für die nächsten Milliarden Jahre als lebloser Staub am Boden liegen würde“, während es ein paar Seiten später heißt, „die Welt [sei] im Innersten lebendig“.

Dabei begeht er außerdem einen weit verbreiteten Denkfehler, wenn er das Leben als permanenten Kampf gegen einen Stoff begreift, „der stets das niedrigste Energieniveau anstrebt“. (Da schleicht sich doch wieder Darwin ein, wenn auch nur auf molekularer Ebene). Doch dieses Streben der Materie nach dem niedrigsten Energieniveau, oder, mit anderen Worten, die Zunahme an Entropie, wie sie der zweite Hauptsatz der Thermodynamik postuliert, gilt lediglich für geschlossene Systeme. Die Erde aber ist ein offenes System, das seit Jahrmilliarden Energie von der Sonne erhält. Dadurch wird Materie in die Lage versetzt, komplexe Strukturen aufzubauen. Das sieht weniger nach Kampf als vielmehr nach Kooperation aus.

Während in Alles fühlt das Lebendige noch Körper gewordene Werte waren, so heißt es jetzt, dass „Materie, die sich selbst und ihren Fortbestand zum Ziel setzt, wie stoffwechselnde Körper das tun, […] somit Außenwelt in Innenwelt“ verwandele. Es scheint so, als könne er sich nicht entscheiden, ob am Anfang der Geist oder die bloße (tote) Materie stand.

Der dritte Widerspruch betrifft den Menschen selbst, wenn der Autor zum einen schreibt, „in der Mitte des Wirbels, den das Wesen in der Materie hervorruft, ist nichts. In unserer Mitte, die aus nichts entsteht wie die Leere im Innern einer Wasserhose, fallen wir zurück an die Welt“, während er an anderer Stelle bemerkt, dass „der Kern der Identität […] durch den Austausch mit der Umgebung, in einem gemeinsamen Spiel der Verwandlung, Wurzeln schlagen und Zweige treiben“ müsse. Hier scheint er zwischen dem Primat der Essenz und dem der Existenz zu schwanken.

Andreas Weber hält das Ich für „radikal immanent“, einen ganz und gar empfindsamen „Teil der Welt“, dem „nichts fehlt“. Allein dieser Satz zeugt von einer derartigen Unkenntnis der conditio humana, dass man sich verwundert die Augen reibt. Gerade die Fähigkeit, uns vor dem Hintergrund metaphysischer Offenheit zu transzendieren, ist ein konstitutives Element unseres Menschseins, oder mit anderen Worten ein Existenzial, um einen Begriff Heideggers zu strapazieren. Offensichtlich kennt der Autor keine Langeweile, denn dann wüsste er, dass sie bereits ein Hinweis darauf ist, dass uns etwas fehlt. Wäre es anders, „könnte es gar keine Langeweile geben: sondern das bloße Dasein, an sich selbst, müsste uns erfüllen und befriedigen“, schrieb bereits Arthur Schopenhauer. Und spätestens Kierkegaard hat gezeigt, dass der Mensch gerade durch seine transzendentale Offenheit ein jederzeit instabiles, gefährdetes und auch bedürftiges Wesen ist.

Seine, den Menschen betreffenden, Ausführungen zur Liebe zeigen dann ganz klar, woran seine gesamte Philosophie krankt und darum zwangsläufig scheitern muss. Es ist die totale Ignoranz gegenüber der Kategorie des Geistigen. „Die erotische Erfahrung erlaubt, einem Körper nahe zu sein […] und dadurch in die intensivste denkbare Verbindung zu einem Innen zu treten.“ Für Weber scheint demnach Liebe in der Verbindung zweier Körper aufzugehen. Gerade der Mensch zeichnet sich aber dadurch aus, dass seine „intensivste denkbare Verbindung“ zu einem anderen Menschen auch das Geistige mit einschließt, mehr noch ist das Geistige integraler Bestandteil jeder menschlichen Beziehung, und damit ist natürlich nicht nur die bloße Intellektualität gemeint.

Wenn Weber weiter behauptet, dass die Tragik der Moderne die Leugnung des Todes ist, hat er damit sicherlich Recht. Doch auch hier zeigt sich, dass für ihn der Tod lediglich das Ende der Existenz materieller Strukturen bedeutet und er seine metaphysische Komponente völlig ausklammert beziehungsweise nicht wahrnimmt.

Richtiggehend ärgerlich wird es aber, wenn er sich am Ende des Buches zu einer „Lebenskunst“ angesichts der ökologischen Krise äußert und schreibt: „Ein Ausweg aus der Misere wird sich nicht finden, indem wir sie […] zu lösen versuchen.“ Sein Vorschlag besteht darin, die Misere auszuhalten, in „Lebendigkeit zu verwandeln“ und „Mitleid für die Schöpfung“ zu empfinden, „die es weil sie Schöpfung ist, so schwer hat.“

Wer jetzt sagt, dass das ganz schlimm nach Esoterik klingt, hat wahrscheinlich nicht ganz Unrecht. Zu allem Unglück führt der Autor allerdings auch noch den algerisch-französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus als Kronzeugen für seine Philosophie der Körperlichkeit an. Dieser Kämpfer für eine humanere Welt und als Mitarbeiter der Untergrundzeitung „Combat“ im aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten hätte sich Webers fatalistisch-nebulöser Weltsicht mit Sicherheit radikal verweigert. 1948 sagte er in einer Rede, dass „wir es vielleicht nicht verhindern können, dass diese Schöpfung eine Welt ist, in der Kinder gemartert werden. Aber wir können die Zahl der gemarterten Kinder verringern […] und ich werde nie aufhören, gegen diese Welt zu kämpfen, in der Kinder leiden und sterben.“

Aber auch hier zeigt sich eben Webers „geistlose“ Philosophie. Für ihn besteht die Welt aus toter Materie, von Naturgesetzen und – merkwürdig genug – dem Eros gesteuert. Ein ewiges Schauspiel von Werden und Vergehen, dem man sich nicht entgegenstellen sollte, um der Schöpfung ihren Lauf zu lassen. Im Gegensatz zu Camus wird hier der gesamte politische, soziale und kulturelle Kontext des Menschen konsequent ausgeklammert. Der Mensch ist als Teil der Schöpfung aber gerade dadurch Mensch, dass er sich zu dieser Welt verhalten kann und muss. Darüber hinaus ist es seine Natur „nicht nur Natur sein zu können, sondern durch Kunst sich hervorzubringen. Die Natur des Menschen ist seine Künstlichkeit“. (Karl Jaspers) Mit dem Auftreten von Bewusstsein, Reflexivität und der damit verbundenen eigenartigen Tatsache, dass der Geist im Menschen zu sich selbst kommt, ändert sich eben alles, und die viel interessantere Frage wäre, warum die Natur ein Wesen hervorgebracht hat, das sich nicht zuletzt auch mit den Mitteln des Geistes gegen sie wendet?

So kann die Lösung der globalen Krise mit Sicherheit nicht darin liegen, sich dem, nach Weber, Unvermeidlichen zu ergeben und unser Scheitern in Lebendigkeit zu verwandeln, was auch immer das heißen mag. Einem hungernden afrikanischen Kind, das mit seinen Eltern vor den Folgen des Klimawandels flüchten muss, würde dieser Satz wohl wie purer Zynismus erscheinen. Wir können aber auch nicht zurück, denn die immer wieder beschworene (retro)-romantische Einheit mit der Natur gibt es nicht mehr – und wahrscheinlich hat es sie nie gegeben, was nicht ausschließt, dass wir sie in seltenen mystischen Momenten erleben können. Der nächste Schritt kann nur sein, auch unter Einbeziehung vieler richtiger Einsichten des Autors, unsere Rationalität auf einer höheren Stufe mit der Natur zu versöhnen.

Webers „poetischer Materialismus“ – so nennt er selbst seine Philosophie – ist somit nichts anderes als ein, um die Kategorie des Gefühls erweiterter, wissenschaftlicher Materialismus, der zum Verständnis des Menschen als geistigem Wesen und der Situation in der er lebt nichts beitragen kann und sich im schlimmsten Fall im Obskurantismus verliert.

Titelbild

Andreas Weber: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie.
Kösel Verlag, München 2014.
287 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783466309887

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