Selbstheiligung und Kontinuitätsstiftung in drei Dimensionen

Gerd Jäkel analysiert, wie Ordenschronisten die Geschichte ihrer eigenen Institution schreiben

Von Teresa Traupe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Wechselwirkung zwischen Gemeinschaften und ihren Mitgliedern untersucht die Institutional History seit den 1980er-Jahren. Ihr ordnet Gerd Jäkel seine Untersuchung zu. Sein Doktorvater Gert Melville betonte bereits 1992 die ordnungsstiftende Wirkung von Dauerhaftigkeit auf soziale Interaktionen. Insbesondere Orden, wie bereits die Etymologie ihres Namens nahelegt, sind stark von Kontinuität und Sinnstiftung geprägt. Diese Größen, so führte wiederum 1972 Hans M. Baumgartner aus, werden durch historisches Erzählen gebildet.

Vor diesem Hintergrund stellt sich Jäkel die Frage, wie Chronisten beim Verfassen der Geschichte ihres eigenen Ordens vorgehen und durch welche Maßnahmen die Kontinuität der Institution erzeugt wird. Dazu betrachtet er 27 lateinische Ordenschroniken. Um die Struktur der einzelnen Texte herauszuarbeiten, bedarf es einer umfangreichen Analyse nach den Maßstäben der klassischen Quellenkritik. Sie wird erschwert durch die zumeist veralteten Editionen des ausgehenden 19. oder teilweise gar des 17. Jahrhunderts.

Der erste Teil der Untersuchung hat 16 Chroniken der Franziskaner und Dominikaner zum Gegenstand. Aufgrund der ähnlichen historischen Entwicklung ist die Auswahl der Franziskaner und Dominikaner zur Parallelisierung gut geeignet. Zusätzliches Augenmerk wurde darauf gelegt, ob die Chroniken aufgrund ihrer Entstehung in einer bestimmten Ordensphase Besonderheiten aufweisen. Betrachtet werden die Gründungsphase des 13. Jahrhunderts, die Konsolidierung im 14. Jahrhundert und das Zeitalter der Reform im 15. Jahrhundert, wobei diese „Reform“ für die Orden eine Rückbesinnung auf die zentralen Werte und die Regel bedeutete. So findet sich im durch das Abendländische Schisma erschütterten 15. Jahrhundert eine stärkere Betonung der Ordensgründung.

Im zweiten Teil wählt der Autor Chroniken weiterer Orden wie der Cluniazenser, Grandmontenser, Karmeliter, Augustinereremiten und Benediktiner aus. Die Gedanken zur Herstellungsphase in Bezug auf die jeweilige Ordensgeschichte müssen im zweiten Teil aufgrund des Umfangs einer solchen Darstellung verständlicherweise entfallen. Diese Chroniken sind daher hauptsächlich Vergleichsobjekte für die zentrale Frage nach den Kontinuität schaffenden Mitteln der Ordensgeschichtsschreibung.

Die Analyse macht drei Dimensionen der Kontinuitätsstiftung plausibel (Zeit, Raum und Identifikation), die in drei Ergebnisschritten, nämlich für die franziskanischen und dominikanischen Texte des ersten Teils, für die Vergleichschroniken und abschließend in einer Gesamtbetrachtung, ausgewertet werden.

Die häufigste Komponente ist die temporale Gliederung des Textes nach der Sukzession der Ordensleitung, die in 19 der 27 Chroniken maßgebliche Anwendung findet. Zwei Franziskaner und zwei Dominikaner (Galvanus de la Flamma, Laurentius Pignon, Nikolaus Glassberger und Marianus von Florenz) untergliedern die Zeitfolge zusätzlich nach Generalkapiteln. Weil diese in der Regel bei den Dominikanern jährlich und bei den Franziskanern alle drei Jahre stattfinden, ergibt sich daraus eine annalistische Struktur. Insbesondere kleinere Orden wie die Augustiner-Eremiten orientieren sich zuweilen zeitlich auch außerhalb ihrer Reihen an den Amtszeiten der Päpste.

Die zweithäufigste Dimension ist die spatiale Gliederung nach den erschlossenen Ordensprovinzen und nach Klosterneugründungen, die maßgeblich elf der 27 Chroniken prägt. Sie findet sich tendenziell in den früheren Chroniken, während im Spätmittelalter ein Akzent auf den Persönlichkeiten des Ordens festzustellen ist. Heilige, Märtyrer und weitere Vorbilder, die aus dem eigenen Orden hervorgingen, werden mit oft repetitiven Tugenden, Eigenschaften und Verhaltensweisen belegt, was Jäkel unter dem Begriff Performanz zusammenfasst. Eine solche performative Kontinuität, die insbesondere auf die Identifikation des Einzelnen und auf die Selbstheiligung der Institution zielt, ist in acht der 27 Chroniken nachweisbar. Die Performanz beziehungsweise die Repräsentanten der institutionsinternen Werte bilden die dritte Dimension der Kontinuitätsbildung.

Je nach ihrem inhaltlichen Schwerpunkt sind die Chroniken wertvolle Quellen für Klostergründungen in den Provinzen, zu einzelnen Ordensmitgliedern und für die Bestimmungen einzelner Generalkapitel (über letztere gibt etwa die Chronica Ordinis Fratrum des Dominikaners Galvanus de la Flamma Auskunft). Auch dazu finden sich in Jäkels Untersuchung Hinweise.

Wenig geeignet ist der Band für geschichtsinteressierte Laien, denn zum einen werden die Grundlagen der Ordensgeschichte vorausgesetzt und zum anderen erschweren lange unübersetzte lateinische Zitate den Lesefluss.

Die Arbeit ist ein wertvoller quellenanalytischer Beitrag zur Ordensgeschichtsforschung und kann für die 27 Chroniken ergänzend zu Nachschlagewerken benutzt werden. Zur Textüberlieferung erhält der Leser allerdings nur wenige Informationen. Auf ein Personenregister, das – eventuell auf Kosten der Sukzessionslisten der Ordensoberen – wünschenswert gewesen wäre, wurde leider verzichtet.

Die Auswertung der Analysen stellt für sich genommen einen Beitrag zur Institutional History dar, deren Ertrag durchaus in einem größer angelegten Projekt erweitert werden könnte. Nur in einem solchen Rahmen ließe sich, zusätzlich zu einer Erweiterung des Quellencorpus, anhand von Besitzervermerken oder Katalogeinträge auch die Verbreitung und Nutzung der Texte untersuchen, wodurch ergänzend zur werkimmanenten Betrachtung wichtige Erkenntnisse zur Wirkung gewonnen werden könnten.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Gerd Jäkel: …usque in praesentem diem. Kontinuitätskonstruktionen in der Eigengeschichtsschreibung religiöser Orden des Hoch- und Spätmittelalters – Vita regularis: Ordnungen und Deutungen religiosen Lebens im Mittelalter, Abhandlungen 52.
LIT Verlag, Münster 2013.
266 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783643121769

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