Vorbildliche Geschichtsforschung

Publikationen zur Geschichte der Arbeitsanstalt Brauweiler und des Gefängnisses Spandau

Von Kurt SchildeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kurt Schilde

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den vergangenen Jahren sind mehrere interessante Studien zur Zeitgeschichte von Gefängnissen veröffentlicht worden. Neben den hier vorzustellenden Arbeiten über das Gefängnis Spandau (in Berlin) und die Arbeitsanstalt Brauweiler (bei Köln) sei hingewiesen auf die Dissertation von Sylvia de Pasquale „Zwischen Resozialisierung und ‚Ausmerze‘. Strafvollzug in Brandenburg an der Havel (1920-1945)“ (Berlin 2013), die von Petra Behrens, Caroline Sperl und Johannes Tuchel (Gedenkstätte Deutscher Widerstand) stammende Begleitpublikation zur Ausstellung „Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt …“ über die Gestapo-Abteilung des Zellengefängnisses Lehrter Straße 3 (Berlin 2012) und die Studie von Johannes Tuchel „… und ihrer aller wartete der Strick.“ über dieses Berliner Gefängnis (Berlin 2014).

Zum ersten Mal ist die Geschichte des Gefängnisses Spandau von dem Historiker Johannes Fülberth in seiner Dissertation untersucht worden. Das frühere Berliner Gefängnis ist heute eigentlich nur noch bekannt als das alliierte Kriegsverbrechergefängnis des letzten Insassen Rudolf Hess. Die Untersuchung basiert auf zahlreichen überwiegend im Landesarchiv Berlin aufbewahrten Akten. Zunächst werden nach einer Übersicht über die Berliner Gefängnislandschaft die Geschichte der Kriminalität und des Strafvollzugs sowie die Reformversuche in der Zeit der Weimarer Republik untersucht.

Die Geschichte des Spandauer Gefängnisses beginnt als Militärgefängnis der Festung Spandau bei Berlin, deren Besonderheit das Vorhandensein von großen Sammelzellen war: „Von den insgesamt 522 Haftplätzen waren so 420 in Sammelzellen mit bis zu 35 Mann vorgesehen.“ Diese Struktur konterkarierte die Vorstellung, „dass eine Erziehung des Gefangenen nur dann gelingen könne, wenn dieser negativen Einflüssen anderer Inhaftierter entzogen sei“. Fülberth folgt den Spuren der Geschichte, informiert über die Baulichkeiten, Tagesablauf, Personal sowie Häftlinge. Zum Ende der Weimarer Republik dienen die Gebäude von 1926 bis 1932 als Untersuchungsgefängnis, bis die Gebäude am Beginn der Zeit des Nationalsozialismus fast leer sind.

Aus dem Blick von Justiz, Kriminologie und Öffentlichkeit auf die Kriminalität und den Strafvollzug im Nationalsozialismus resultiert eine Verschärfung des Strafvollzuges, der sich auch in Spandau bemerkbar macht. Zu Beginn der NS-Zeit 1933 wird das Gefängnis Spandau zum Haftort von zahlreichen „Schutzhaft-Gefangenen“ – Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere Feinde des neuen Regimes werden hier gefangen gehalten. „Nur vier Wochen nach dem Machtantritt der NSDAP kamen hunderte Schutzhaftgefangene in die Strafanstalt.“ Darunter ist viel Prominenz wie Journalisten und Schriftsteller – Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn, Carl von Ossietzky und Kurt Hiller – und der Rechtsanwalt Hans Litten (auf den ausführlicher eingegangen wird), der Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion Ernst Torgler, der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) und viele weitere Männer. Die schon erwähnten großen Säle erschweren die Kontrolle und so können Lieder wie die „Internationale“ gesungen und Parolen wie „Rotfront“ gerufen werden.

Große personelle Veränderungen haben nicht stattgefunden. Die vor 1933 meist parteilosen Aufsichtsbeamten sind in der Regel nach Aufhebung der Mitgliedersperre 1937 in die NSDAP eingetreten. Fülberth will dies nicht so hoch hängen, denn: „Hierbei war nicht immer die politische Überzeugung ausschlaggebend, sondern oft die Hoffnung, durch eine Parteimitgliedschaft die geringen Karrierechancen etwas zu verbessern.“ Viele Gefangene kommen am Ende ihrer Haftzeit nicht in Freiheit, sondern in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges sind immer mehr Ausländer im Spandauer Gefängnis. Sie finden bei Fülberth ebenso besondere Beachtung wie Homosexuelle, Juden, Zeugen Jehovas und politische Gefangene sowie Angehörige der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ und Wehrmachtsuntersuchungsgefangene. Nachdem im April 1945 die Rote Armee den Berliner Bezirk Spandau eingenommen hat, ist das Gefängnis wieder fast verlassen. „Wie die Befreiung des Gefängnisses Spandau genau ablief, ist nicht überliefert.“

Nach 1945 wird das Gefängnis zum von den vier Alliierten USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion verwalteten Kriegsverbrechergefängnis für sieben Gefangene: die Großadmirale Karl Dönitz und Erich Räder, die Reichsminister Konstantin von Neurath, Walter Funk und Albert Speer, den Reichsjugendführer Baldur von Schirach und schließlich Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess. Nach dem Tod dieses letzten Gefangenen 1987 erfolgt der Abriss. Damit sollte eine Wallfahrtsstätte für Neonazis und Hess-Sympathisanten verhindert werden. Heute dient die Fläche für Supermärkte und Parkplätze.

Seine sehr informative und wichtige Studie resümierend, hält der Autor fest, dass sich im Spandauer Gefängnis die Änderungsbestrebungen im Strafvollzug der 1920er-Jahre kaum durchsetzen konnten. Denn dem Gefängnissystem ist ein Konservatismus inhärent, „der gegenüber Versuchen der Liberalisierung fast immun ist, neue Konzepte der verstärkten Ausgrenzung und Rechtlosigkeit aber schnell aufsaugt und übernimmt.“

Diese Feststellung gilt auch für die im 19. Jahrhundert entstandene und der „Erziehung zur Arbeitsamkeit“ dienende Arbeitsanstalt Brauweiler (bei Köln). In der Zeit des Nationalsozialismus befindet sich hier ein frühes Konzentrationslager und Gefängnis der Kölner Geheimen Staatspolizei. 1969 ist die „letzte eigenständige Arbeitsanstalt in der Bundesrepublik Deutschland“ geschlossen worden. Seit 2008 existiert die in Teilen der Gebäude eingerichtete Gedenkstätte Brauweiler. Die Historiker Hermann Daners und Josef Wißkirchen haben bereits 2006 mit ihrer Schrift „Was in Brauweiler geschah“ an die Geschichte dieser Anstalt erinnert. Die inzwischen neu hinzu gekommenen Erkenntnisse sind in die vorliegende komplette Überarbeitung eingeflossen.

Die Darstellung ist in sieben unterschiedlich umfangreiche Kapitel gegliedert. Es beginnt mit der historischen Entwicklung der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt in Brauweiler vor der NS-Zeit. Anschließend steht die NS-Zeit im Zentrum der Beschreibung. Die Arbeitsanstalt war die existenzielle Grundlage des Ortes Brauweiler. „Die Bauern der näheren u[nd] weiteren Umgebung erhielten von der Anstalt gute und billige Arbeitskräfte.“

Die Autoren haben mehrere biografische Porträts, etwa der Wohlfahrtspflegerin Maria Mathilde Gräfin Marfeld und anderer Personen der Anstaltshierarchie in den Text integriert. Aufgrund des sprunghaften Anstiegs der Häftlingszahlen fungiert die Arbeitsanstalt zu Beginn der NS-Zeit 1933/34 als frühes Konzentrationslager. In dem „Schutzhaftlager“ wurden viele Funktionäre der KPD, aber auch der SPD gefangen gehalten. Einer von ihnen war der ehemalige Kölner Polizeipräsident Karl Zörgiebel. Die meisten KZ-Insassen kamen von weiter her: „Brauweiler war vor allem für ‚Schutzhafthäftlinge‘ aus dem Ruhrgebiet bestimmt und sollte die dortigen Gefängnisse entlasten.“ Unter den Häftlingen befanden sich auch Frauen, die gesondert in einem Frauenhaus untergebracht waren. Bis zur Schließung sind mehr als 2000 „Schutzhaftgefangene“ in Brauweiler inhaftiert gewesen.

Anschließend ist die Arbeitsanstalt wieder eine Einrichtung der Fürsorgeerziehung – diesmal unter den besonderen Bedingungen der NS-Zeit: Daher kommen insbesondere Zwangssterilisierungen und die Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zur Sprache. Während der zunächst noch sporadischen Benutzung der Anstalt durch die Kölner Gestapo befindet sich dort ein Sammellager für anlässlich der Novemberpogrome 1938 verhaftete Juden und für die Deportationen der jüdischen Bevölkerung des Rheinlandes in das Konzentrationslager Dachau. Später existiert ein Sammellager für ausländische Häftlinge (darunter niederländische Studenten und Spanienkämpfer), eine Haftstätte für Edelweiß-Piraten und andere unangepasste Jugendliche im Zweiten Weltkrieg wie die Kölner Navajos.

Eine besondere Rolle spielt die Arbeitsanstalt für Sonderkommandos der Kölner Gestapo, auf deren Personal ausführlich eingegangen wird. Prominentester Häftling damals war Konrad Adenauer. Die weniger Prominenten gehören Widerstandsgruppen der französischen „Action catholique“, der polnischen Heimatarmee „Armia Krajówa“, des „Nationalkomitees“ beziehungsweise „Volksfrontkomitees Freies Deutschland“ an. Ausführlich wird auf die Köln-Ehrenfelder Steinbrück-Gruppe eingegangen und der lange Zeit kolportierte Mythos der Edelweiß-Piraten behandelt. Es gab Gefangene der „Aktion Gewitter“, die nach dem 20. Juli 1944 inhaftiert wurden und Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa. Vielen von ihnen sind schwer misshandelt worden und überlebten nicht.

Die „Täter vor Gericht“ – soweit sie die NS-Zeit überlebten und aufgefunden werden konnten – werden beispielhaft im siebenten Kapitel behandelt. Der Hauptverantwortliche für die von der Gestapo begangenen Verbrechen war Ferdinand Kütter, der sich der gerichtlichen Verantwortung durch Suizid entzog. Die anderen Verbrecher profitierten in der Regel vom Versagen der westdeutschen Justiz und sind nach relativ kurzer Gefängniszeit wieder in Freiheit gekommen. Die Milde der Urteile stieß auf öffentliche Kritik. Abgeschlossen wird der sehr informative und gut bebilderte Band mit einem ausführlichen Orts-, Namens- und Sachregister im Umfang von 16 Seiten.

In beiden Bänden wird Gefängnisgeschichte geschrieben. Die ausgezeichneten Studien von Johannes Fülberth und Hermann Daners/Josef Wißkirchen können als vorbildhaft für weitere Untersuchungen gelten. Sie beweisen zugleich, dass es auch über achtzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus noch möglich ist, wichtige Erkenntnisse über diese Zeit als Licht zu bringen.

Titelbild

Hermann Daners / Josef Wißkirchen: Die Arbeitsanstalt Brauweiler bei Köln in nationalsozialistischer Zeit.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2013.
390 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783837509717

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Titelbild

Johannes Fülberth: Das Gefängnis Spandau 1918-1947. Strafvollzug in Demokratie und Diktatur.
Bebra Verlag, Berlin 2014.
384 Seiten, 52,00 EUR.
ISBN-13: 9783954100347

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