Drohnen als Diskursgegenstand

Zu Grégoire Chamayous Versuch einer Theorie der Drohne

Von Jakob Christoph HellerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jakob Christoph Heller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Dezember 2014 brachte mit der Veröffentlichung des CIA-Folterberichts eine in den Jahren davor zwar nicht abgeschlossene, jedoch aus der medialen Aufmerksamkeit herausgefallene Debatte wieder in den Mittelpunkt: die in Guantanamo und anderen ‚detention sites‘ verwendeten ‚enhanced interrogation techniques‘, die, wie sich erneut bestätigte, mehr mit Folter denn mit ‚enhancement‘ zu tun haben. Waterboarding, Schlafentzug, rektale Zwangsuntersuchung und –ernährung oder Scheinexekutionen sind nur eine kleine Auswahl aus der vielfältigen Welt der Terrorbekämpfungstaktiken US-amerikanischer Provenienz.

Was um den Preis der Aufarbeitung dieser Vergehen in Vergessenheit geriet, war, dass die im Folterbericht ‚aufgedeckten‘ Praktiken und Techniken im Grunde genommen bereits anachronistisch sind. Sie sind gewissermaßen Residuum der Bush-Cheney-Ära; die zeitgenössische Kriegsführung dagegen steht im Zeichen der Drohne. Grégoire Chamayou, Philosoph am CNRS in Paris, benennt diesen Wandel bereits zu Beginn seines Werkes Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne pointiert: „Die Drohne ist zu einem Symbol der Obama-Regierung geworden, als Instrument seiner inoffiziellen Antiterrorismus-Doktrin – ‚Töten statt Gefangennehmen‘: Man gibt der gezielten Tötung und der Predator-Drohne den Vorzug gegenüber Folter und Guantanamo.“

Und auch die zeitgenössische US-amerikanische Fernsehserie, sicherer Gradmesser für die Stimmungslage der Nation, hat darauf längst reagiert: Homeland, jener paranoische Militärthriller um die CIA-Agentin Carrie Mathison, handelte in seiner vierten Staffel nicht mehr von ‚black sites‘ und Folter, sondern von der Terroristenjagd mit unbemannten Flugkörpern – The Drone Queen hieß die erste Folge programmatisch. Popkulturell prominent besetzt, als Reflexionsanlass spätestens seit Zygmunt Baumanns und David Lyons Daten, Drohnen, Disziplin (2013) nobilitiert, wird die Drohne mit Chamayous Ferngesteuerte Gewalt zum Objekt der im Untertitel angekündigten ‚Theorie‘ – und, so möchte man hinzufügen, als Artefakt und Aktant endlich ernst genommen, allemal ernster als es Baumann et al. gelungen ist.

Chamayou verspricht dennoch mehr als das Buch halten kann: Es handelt sich bei Ferngesteuerte Gewalt weniger um eine einheitliche Theorie der Drohne als vielmehr um Bausteine zu einer ebensolchen. Das aber sollte nicht davon ablenken, dass der Autor gerade dank der Aufsplitterung des Blicks auf seinen Gegenstands zahlreiche Einsichten gewinnt, die das Werk zu einer mehr als lesenswerten Beitrag zur Gegenwartsdiagnose machen. In Chamayous Reflexion wird die Drohne – genauer: das unbemannte, bewaffnete Flugzeug – zu einem verwirrenden „‚unidentifizierten Gewaltobjekt‘ […]: Sobald man in etablierten Kategorien über sie nachzudenken versucht, erfasst eine intensive Verwirrung so elementare Vorstellungen wie Gebiet oder Ort (geografische und ontologische Kategorien), Tugend oder Tapferkeit (ethische Kategorien), Krieg oder Konflikt (zugleich strategische und politisch-rechtliche Kategorien).“

Ebendiese elementaren Vorstellungen und Kategorien dienen dann auch als lose Organisationseinheiten des Werkes: Eine Skizze der Geschichte des Luftkriegs ist genauso Bestandteil wie eine ausführliche Diskussion der psychischen Belastung von Drohnenpiloten oder die Auseinandersetzung mit den Verschiebungen im Kriegsrecht. Im Ganzen betrachtet operiert Chamayou dabei mit einer Art Zoom-Out: Von der Drohne und ihren technisch-technologischen Eigenschaften ausgehend, geht es zur Verschaltung Drohne – Operator, Operator – Feind, Operator – Institution (Staat) und schließlich Staat – Bürger.

Was Chamayous Werk immer wieder auszeichnet, ist die detaillierte Analyse und Rückfrage an gewisse feststehende Stereotype des Diskurses um die Drohnen-Kriegsführung. Seine Reflexionen heften sich immer neu an unterschiedliche Setzungen, Klischees und Aussagen, hebeln diese aus, überführen sie in ihrer Absurdität oder Falschheit. Es ist eine detailversessene Arbeit am Material – das ist: an den militärischen Berichten und der Propaganda, den politisch-juridischen Debatten, den Medienkommentaren, Interviews, Augenzeugenberichten und selbst der Ikonographie der Drohne. Um aus dem Buch eines von vielen möglichen Beispielen für dieses Vorgehen aufzugreifen: Ausgehend von einem Zitat des ehemaligen CIA-Direktors Léon Panetta – bewaffnete Drohnen seien „sehr präzise, und zu Kollateralschäden führen sie kaum“ – untersucht Chamayou in klassisch philosophischer Manier die Vermengung ähnlicher, aber nicht synonymer Konzepte im Begriff ‚Präzision‘: „Die Treffgenauigkeit, der Wirkungsradius des Einschlags und die angemessene Identifizierung des Ziels.“ Erst dank dieser (von den Verantwortlichen bewusst in Kauf genommenen) Vermischung lasse sich so die Treffgenauigkeit der Predator-Drohne loben, ohne auch nur zu erwähnen, dass die effektive ‚kill zone‘ – der um das Ziel getötete Bereich – einen Radius von fünfzehn Metern hat. In Chamayous Formulierung scheiden sich die Bereiche des Präzisionsbegriffs darin, „sein Ziel zu treffen oder nur sein Ziel zu treffen“. Aus ebendiesem Grund könne der Drohne im Vergleich mit dem Einsatz von Bodentruppen gerade ein „signifikanter Verlust der operativen Fähigkeiten“ angelastet werden – was natürlich in frappantem Widerspruch zur von Chamayou bloßgestellten militärischen Apologie der Drohne steht, die ihre operativen Fähigkeiten groteskerweise durch den Vergleich mit der Bombardierung Dresdens hervorzuheben sucht.

In solchen im besten Sinne verbissenen, ins Absurde getriebenen Auseinandersetzungen zeigt sich auch Chamayous deutliche Stellungnahme gegen die Art und Weise, wie die öffentliche Diskussion um den Einsatz von Drohnen durch militärische Propaganda beeinflusst wird: „Man fragt sich, in welcher Scheinwelt das Töten eines Individuums mit einer Anti-Panzer-Rakete als ‚präzise‘ angesehen werden kann, die jedes Lebewesen in einem Umkreis von 15 Metern vernichtet“. Und auch von der kolportierten Genauigkeit der Zielerkennung lässt Chamayous Analyse wenig übrig: „Das Paradoxe ist, dass die Drohne, deren großartige Fähigkeiten zur Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten man preist, praktisch die eigentliche Bedingung dieser Differenzierung abschafft, nämlich den Kampf. […] Da die Feststellung einer direkten Teilnahme an Feindseligkeiten aus dem einfachen Grund beinahe unmöglich wird, dass es keinen Kampf mehr gibt, tendiert der Kombattantenstatus dazu, zu einem indirekten Status abzugleiten[.]“ Den naheliegenden Punkt, gerade hier sei der „Übergang von der Kategorie des ‚Kämpfers‘ zu jener der ‚mutmaßlichen Extremisten‘“ festzumachen, greift Chamayou auf, und man ist als LeserIn nicht sicher, ob hier so etwas wie die Ursache des Übergangs aus der Latenz des technischen Apriori gehoben wurde – oder diesem Detail zu viel Beweislast aufgebürdet wird.

Neben diesen zumeist überzeugenden und detailreichen Tauchgängen in Debatten und Diskurse rund um den Einsatz der Drohne und dessen Apologie verfolgt Chamayou in seinem Werk noch ein tiefergehendes theoretisches Interesse. Im Anschluss an Michel Foucault und Gilles Deleuze gilt Chamayous Aufmerksamkeit der Transformation des Verhältnisses von Macht und Subjekt. Seine These, dystopische Interpretation der Kybernetik, behauptet die „Entäußerung politischer Subjektivität“ als „Hauptaufgabe ebendieser Subjektivität“. Aus der Tatsache, dass die USA die Reduktion menschlicher Kontrolle in der Drohnensteuerung verfolgen, leitet Chamayou den Versuch ab, „langfristig […] die völlige Autonomie“ zu erreichen: „Die menschlichen Akteure befänden sich dann nicht mehr in oder über, sondern gänzlich außerhalb der Schleife. Es ist die Perspektive von ‚Robotern, die tödliche Gewalt ohne menschliche Kontrolle‘“ ausüben können.

Während die Apologeten der Ausschaltung menschlicher Kontrolle – des Wandels von der Drohne zum Roboter – gerade die Menschlichkeit, da Emotions- und Affektlosigkeit, der automatisierten Entscheidung betonen, sieht Chamayou darin zum einen die Ausschaltung der Menschenwürde: „Maschinelle Akteure mit jenem Tötungsrecht auszustatten, das Kämpfenden in einem Krieg zukommt, würde bedeuten, das Töten eines Menschen auf dieselbe Ebene mit der Zerstörung einer bloßen materiellen Sache zu stellen“ –und zum anderen eine bedrohliche Krise juridischer Kategorien, deren implizite Ontologie die Unterscheidung von Waffe und Akteur benötigt. Mit der Identität von Waffe und Akteur, dem Verzicht auf einen intentionalen, menschlichen Akteur, diffundiert Verantwortung: „Ein Roboter begeht ein Kriegsverbrechen. Wer ist verantwortlich? Der General, der ihn eingesetzt hat? Der Staat, der sein Eigentümer ist? Der Industrielle, der ihn hergestellt hat? Die Informatiker, die ihn programmiert haben?“

Entscheidungsträger ist, so Chamayou, letztlich ein Programm und die in ihm vorgenommenen Spezifikationen für Zielidentifizierung, Waffeneinsatz, Kollateralschadentoleranz. Chamayou zielt hierbei auf eine bedenkenswerte Pointe: Indem die einfache Setzung der Variablen, die Entscheidung über die Entscheidung, jeweils als Programm umgesetzt „vielfach multiplizierte, sehr konkrete – allzu konkrete – Effekte“ hat, ist die „gewöhnliche militärische Gräueltat […] im Recht […]. Die modernen Formen der Grausamkeit sind massiv legalistisch. Sie funktionieren im Regelzustand, nicht im Ausnahmezustand. Wenn sie schließlich zu einer Art Ausnahme werden, dann weniger durch Aussetzung des Gesetzes als durch seine Spezifikation, indem man es entsprechend der eigenen Interessen soweit präzisiert, dass es ohne viel Widerstand katapultiert.“ Bei allem Materialreichtum der Untersuchung, Detailverliebtheit und polemischer Schärfe ist vielleicht diese Pointe zum Souveränitätskonzept im Zeitalter der Drohnen-Kriegsführung ein sowohl diskussions- wie kritikwürdiger Höhepunkt von Chamayous lesenswertem Werk.

Titelbild

Grégoire Chamayou: Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne.
Herausgegeben von Peter Engelmann.
Übersetzt aus dem Französischen von Christian Leitner.
Passagen Verlag, Wien 2014.
288 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783709201336

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