Das Liebesspiel als Liebesgeschäft

Ein Handbuch informiert über Arthur Schnitzlers Leben und Werk

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Arthur Schnitzler zählt zweifellos zu den bekanntesten AutorInnen der Klassischen Moderne. Noch heute werden seine Romane und Erzählungen nicht nur als Pflichtlektüre im schulischen Deutschunterricht und in universitären Germanistik-Seminaren behandelt, sondern sie werden auch jenseits von Bildungsstätten, ganz aus freien Stücken zur Freude, Unterhaltung und zum Kunstgenuss gelesen. Oder sie werden, wie etwa der von Senta Berger gesprochene innere Monolog des „Fräulein Else“, als Hörbuch aus Stadtbüchereien entliehen. Auch führen deutschsprachige Bühnen nach wie vor Stücke von Schnitzler auf, wie etwa „Liebelei“ (1895) und „Reigen“ (1900). Kein Wunder also, dass die Werke des Wiener Autors keineswegs in die Antiquariate verbannt, sondern noch immer in den Buchhandlungen gut vertreten sind. Das lesende Publikum verlangt nach ihnen.

Eher an ein germanistisches Fachpublikum richtet sich das nun im Metzler Verlag erschienene „Schnitzler Handbuch“. Christoph Jürgensen, Wolfgang Lukas und Michael Scheffel haben es herausgegeben. Über 60 Autorinnen und Autoren haben dazu beigetragen, dass der „Versuch, das ebenso umfangreiche wie vielseitige Gesamtwerk Schnitzlers in seinem Kontext zu erschließen“, von Erfolg gekrönt wurde.

Die Herausgeber haben den Band in vier Kapitel untergliedert, deren erstes „Aspekte von Schnitzlers Zeitgenossenschaft“ beleuchtet.  Das zweite bietet nach Werkgruppen geordnete Einzelinterpretationen sowie „Überblicksartikel“ zum „lyrischen, aphoristischen und medizinischen Korpus des Werkes“. In dritten Kapitel werden „Strukturen, Schreibweisen und Themen“ in Werken des Österreichischen Schriftstellers „rekonstruiert“. Das letzte Kapitel zeichnet zunächst „Rezeption und Wirkung“ von Schnitzlers Oeuvre im deutschsprachigen Raum und sodann in weiteren europäischen und außereuropäischen Ländern nach. Ein mit insgesamt etwa vierzig Seiten etwas knapp gehaltener Anhang enthält eine „biographische Chronik“, eine „Auswahlbibliographie“ der Sekundärliteratur sowie „eine Skizze der verzweigten Editionsgeschichte und einen Überblick über Schnitzlers Nachlass“.

Die Beiträge zu den einzelnen Werken folgen meist einer einheitlichen Gliederung, die zunächst über die „Entstehung“ des jeweiligen Werkes informiert, sodann dessen Inhalt zusammenfasst und schließlich eine „Deutung“ offeriert. Gelegentlich wird diese Gliederung jedoch durchbrochen und erweitert. Im Falle von „Lieutnant Gustl“ (1900) etwa tritt der Abschnitt „Nachspiel 1901“  hinzu. In diesem Jahr sprach der „militärische Ehrenrath“ Schnitzler „wegen seiner Novelle ‚Lieutnant Gustl‘ den Officierscharakter“ ab, wie Ursula Renner aus dem „Prager Tageblatt“ vom 20. Juni 1901 referiert.

„Fräulein Else“ (1924), Schnitzlers „zweite große Erzählung in der ‚Gustl Technik‘“, wie Sibylle Saxer aus Schnitzlers Tagebuch zitiert, bietet der Autorin zufolge „mehr als das weibliche Pendant“ zu „Leutnant Gustl“. Denn Schnitzler „entwickelt mit ‚Fräulein Else‘ diese spezifische Erzähltechnik erheblich weiter“. Überhaupt sei diese „Monolognovelle“ noch um einiges „radikaler als die frühere“. Soweit ist Saxer durchaus zuzustimmen. Nicht so jedoch, wenn sie befindet, „in ihrem Bestreben nach Emanzipation und ihrem Wunsch, ihre Sexualität auszuleben“, sei die Protagonistin „fehl am Platz in der Welt vor 1914“. Denn bereits vor dem Ersten Weltkrieg propagierten Feministinnen wie Helene Stöcker die weibliche Emanzipation auch auf sexuellem Gebiet und Frauen der Bohème wie Franziska zu Reventlow lebten sie nach Kräften aus.

Bekanntlich war Schnitzler der Psychoanalyse in besonderer, wenn auch ambivalenter Weise verbunden. Doch „bedeutet“ Freuds „legendär gewordene Rede vom ‚Doppelgängertum‘“ für beide, Freud und Schnitzler, „eigentlich das Gegenteil ihrer expliziten Aussage“, wie Jacques Le Rider in seinem Beitrag „Tiefenpsychologie und Psychiatrie“ Freuds berühmtes Wort von seiner „Doppelgängerscheu“ gegenüber Schnitzler deutet. „In Wirklichkeit“ habe Freuds geheime Botschaft Le Rider zufolge besagt: „Wir gelten als intellektuelle ‚Zwillinge‘, uns aber sind die Unterschiede klar.“ Auch weist Le Rider die Rede von der „wechselseitigen Beeinflussung“ beider zurück. Denn Freud habe Schnitzler „eigentlich nichts“ zu verdanken.  Umgekehrt habe Schnitzler zwar „einige Bücher“ Freuds „mit Aufmerksamkeit“ gelesen, „doch immer auch kritisch begutachtet“. Lieber, als sich auf den Psychoanalytiker zu verlassen, habe der Literat „seine eigene Theorie des Psychischen“ entworfen. Denn „im Grunde“ habe Schnitzler die Psychoanalyse für „nichts anderes als eine pseudowissenschaftliche Disziplin“ gehalten. Immerhin aber räumt auch Le Rider ein, dass Freuds zentrales Werk „Die Traumdeutung“ auf Schnitzler „mächtig wirkte“.

Selbstverständlich war Schnitzler ebenso wie alle AutorInnen und überhaupt ein jeder Mensch vielerlei Einflüssen ausgesetzt. Dass und wie die damals junge cineastische Kunst auf Schnitzler wirkte, zeigt Henrike Hahn. Folgt man ihren Ausführungen, sind einige Passagen der Jahrzehnte später von Stanley Kubrick verfilmten „Traumnovelle“ (1925/1926) „offenbar filmisch angelegt“. Schnitzlers Tagebuch „verzeichnet“ Hahn zufolge zudem „über 800 Kinobesuche“. Dort, im Tagebuch, hielt er auch mit Lob und Tadel nicht hinter dem Berg. Von Fritz Langs monumentalem Zukunftsfilm „Metropols“ hielt er wenig, erfährt man aus Hahns Beitrag. Es sei „ein Film, an dem die Ufa zugrunde gehen soll, und zwar mit Recht. Manches technisch ausgezeichnet; inhaltlich prätentiös, albern und verlogen“, zitiert das Handbuch den Tagebuchschreiber. Die Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ mit dem Titel „Der blaue Engel“ fand er hingegen „im ganzen leidlich“. Interessanter aber noch ist, was er zu der cineastischen Transformation eines eigenen Werks – „Fräulein Else“ – anmerkt: „Der Anfang nicht übel; das letzte Viertel dumm und schlecht“. Allerdings erzählten die Zwischentexte des Stummfilms von „einer ganz andere Else als ich gedichtet hatte“.

Den „geradezu leitmotivisch“ hervorleuchtenden „Gender-Konstellationen“ in Schnitzlers Werken geht Stephanie Catani nach. In ihnen entfalte der Literat ein „Typen-Kaleidoskop, das zeitgenössische Geschlechterrollen pointiert einfängt“. Das ist unbestritten, als herausragendes Beispiel hierfür hätte sie etwa sein Stück „Reigen“ herangeziehen können.  „Gender-Konstellationen und genderspezifische Rollenzuschreibungen“, so Catani weiter, werden in Schnitzlers Texten als „gesellschaftliche Konstruktionen“ deutlich, ihr „diskursiver Charakter ästhetisch in Szene gesetzt und zugleich entlarvt“. Der Autorin zufolge ebenfalls „entlarvt“ wird die Institution der Ehe und zwar „in ihrer Scheinheiligkeit“. Überhaupt entpuppe sich bei Schnitzler „das Liebesspiel in Wahrheit als Liebesgeschäft, das Sexualität als Ware und Frauen als Besitz verhandelt“. Dabei seien Schnitzlers Frauenfiguren Catani zufolge keine „individuelle Charaktere, sondern eindimensionale Rollenbilder“, welche die Stücke nicht nur „dominieren“, sondern zugleich auch „problematisieren“. Schnitzlers männliche Protagonisten wiederum seien „Vertreter einer patriarchalischen Ordnung, hinter der sich eine misogyne Sexualmoral verbirgt“. Habe sich „die ältere Forschungsliteratur mitunter enthusiastisch mit Blick auf die vermeintlich emanzipatorische Darstellung der Frau“ geäußert, so seien seit einiger Zeit hierzu auch „kritische Stimmen“ zu vernehmen. Die „neuere Schnitzler-Forschung“ wiederum „sensibilisiert“ der Autorin zufolge „für die Verschränkung sexueller und sozialer Fragen in den Texten“. Als Beispiel hierfür ließe sich Marianne Wünschs Handbuch-Artikel über das Theaterstück „Reigen“ anführen.

Mag sich auch hier und da das eine oder andere monieren lassen, wie das stets bei solchen Unternehmungen der Fall ist, so bleibt der Eindruck, den das Handbuch hinterlässt, doch insgesamt positiv. Denn sein schlüssiger Aufbau ist ebenso überzeugend wie der Kenntnisreichtum der ganz überwiegenden Mehrzahl seiner Artikel.

Titelbild

Christoph Jürgensen / Wolfgang Lukas / Michael Scheffel (Hg.): Schnitzler Handbuch. Leben - Werk - Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2014.
438 Seiten, 69,95 EUR.
ISBN-13: 9783476024480

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