Auf dem Weg zum Nullpunkt der Medienkritik

Daniel Hornuff ruft zur Gründung einer Fakultät für Gedankendesign auf

Von Jörg BernardyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Bernardy

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist wohl kaum ein Geheimnis, dass sich der geisteswissenschaftliche Buchmarkt zu einem auf Innovation und Trends basierenden, schnelllebigen Markt der Forschung und Inszenierung entwickelt hat. Die Frage, die sich Daniel Hornuff stellt, ist daher ebenso dringlich wie ungeklärt: Wie wirken wissenschaftliche Publikationen auf die Forschung und wann haben sie eine durchschlagende Wirkung? Selbstverständlich handelt es sich auch hierbei um ein Trendthema, das sich im wissenschaftlichen Diskurs immer wieder auf’s Neue artikuliert. Nicht zuletzt liegt diesem Thema ein Konflikt zugrunde, der so alt ist wie die Philosophie selbst. Die Abwertung der Form und die Überbetonung von Inhalt und Wahrheit zieht sich seit Platons Kritik an der Rhetorik und an den Künsten wie ein Evergreen durch die akademische Geistesgeschichte. Noch vor ein paar Jahren hat Manfred Frank den Philosophen Peter Sloterdijk in einer öffentlichen Debatte als Sophisten bezeichnet, was so viel bedeutet wie seine Wahrheit zu verkaufen und der Form mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem Inhalt. Vorwürfen dieser Art kann und sollte man mit der sachlichen Frage begegnen, warum Texte eigentlich nicht, wie etwa Kunstwerke, ganz selbstverständlich wie Objekte der Gestaltung gewürdigt werden.

In diesem Sinne lautet auch das Anliegen von Daniel Hornuffs Denken designen, nämlich die Beobachtung der Oberflächenbeschaffenheit von Diskursen. Und erinnert damit mehr als zufällig an Michel Foucaults Diskusanalyse, die der Oberfläche des Ereignisses, dem materialen Monument, mehr Wert zuspricht als dem auszugrabenden Dokument. Aktualisiert und neu formuliert soll die Oberflächenanalyse ihren Ort in einer Fakultät für Gedankendesign haben und damit einen Ausgleich zur inhaltsbetonten Arbeitsweise der Geisteswissenschaften darstellen. Denn „die Frage, wie Gedanken ausgeformt werden, weil sie Ausdruck eines interessegeleiteten Ich – und nicht Produkte einer Objektivierungsmaschine – sind, ruht im blinden Fleck der Geisteswissenschaften.“ Untersuchungsobjekt in der imaginierten Fakultät für Gedankendesign sind also nicht die Gedanken selbst, sondern die Ausformung derselben. Die Übung am Gedankendesign bleibt also Arbeit am Text – und an der Haltung zum Text.

In seinem theoretischen Überbau versammelt Hornuff eine babylonische Stimmenvielfalt, um seinem radikalen Programm eine breite und vielschichtige Basis zu geben. Um die Zusammenhänge von Stil, Form und Design klar zu machen, lässt Hornuff diverse Philosophen, Kunsthistoriker, Wissenschaftshistoriker und Literaturwissenschaftler zu Wort kommen, von Martin Seel, Gottfried Gabriel, Wolfgang Ullrich und Ernst Peter Fischer über Harald Weinrich und Claus Zittel bis hin zu Peter Sloterdijk, Ralf Konersmann und Andreas Urs Sommer. In seinem Ritt durch die imaginäre Fakultät für Gedankendesign schlägt er eine Brücke von der Figur des frühneuzeitlichen Disegno zur Inszenierung von Theorien – und scheut dabei keinen Kampf mit dem unüberschaubaren Potpourri an Terminologien. Eine Gegenüberstellung von Ludwig Flecks Denkstilen, Wölfflins ‚Kunstgeschichte ohne Namen‘ und dem Disegno-Konzept fördert erhellende Momente ans Licht. Es geht nicht um das Sichtbarmachen von kognitiven Mustern, sondern um die Übertragung des Stilbegriffs auf Denk- und Gestaltungsprozesse, um das Ausgraben der Designquellen unter der einzelnen Textform. Das genaue Beobachten der Gedankengestaltung und Haltung birgt Potentiale, die über die literaturwissenschaftliche Methode hinausgehen.

In der Tat, Daniel Hornuff scheint ein Muster gefunden zu haben. Dies aber nicht in seinem theoretischen Überbau, sondern in der darauffolgenden Serie bestehend aus zwanzig höchst faszinierenden und oftmals überraschend zusammengefügten Designfiguren. In den materialorientierten Designminiaturen wird Theorie mal als Erlösungsliteratur (Frank Schirrmacher) analysiert, hier aus dem Geist des Celebrity Designs (Neil Postman), da aus dem Hyperraum der Simulation (Jean Baudrillard) und ein anderes Mal aus der mehrköpfigen Maske des Philosophen (Michel Foucault) abgeleitet. Neben Klassikern wie Friedrich Schiller und William Henry Fox Talbot wird auch das Theoriedesign von weniger bekannten Medientheoretikern wie Fritz Karpfen, Gotthard Heidegger und Christian Fürchtegott Gellert jenseits der Objektivierungsmaschine ausgelotet. Macht Hornuff in Enzensbergers Schriften den Nullpunkt des Fernsehens als dessen heimliches Gravitationszentrum und entscheidende Designquelle aus, offenbart die Synthese der zwanzig kurzweiligen Designstudien nichts Geringeres als den Nullpunkt der Medienkritik. In der Zusammenschau lässt sich nach und nach lernen, dass Brieftheorie und Fernsehkritik, Analysen der Warenästhetik und des Internetzeitalters, Erörterungen des Theaters und der Fotografie sowie Beobachtungen zum Kitsch aus ähnlichen und artverwandten Designquellen schöpfen.

Die Archäologie der Oberfläche geht somit über in eine Genealogie der Medientheorie, die Hornuff zu folgender kühner These führt: „Auch das Gedankendesign, so dominant, avanciert und kühn es mitunter auftreten mag, ist nicht davor gefeit, historisch hinlänglich etablierte Formen zu wiederholen.“ Ob wir es hier mit einem historischen Apriori moderner Medienkritik zu tun haben, lässt sich nur als vorläufige Hypothese in den Raum stellen. Auch über die Beschaffenheit des eigenen Theoriedesigns und der eigenen Schlüsse gibt der Text keine abschließenden Antworten. Fest steht nach der Lektüre allerdings, dass Medientheoretiker zu besonderem Gedankendesign neigen, da sie sich auf einzigartige Weise auf ihre Gegenstände einlassen und sich von, durch und mit ihrem untersuchten Mediendesign affizieren lassen.

Gedankengestaltung erfordert nicht nur den Mut eines interessegeleiteten Ichs, das seinen subjektiven Intuitionen vertraut und folgt. Für Hornuff erfordert es ebenso den „Geist des Selbstbewusstseins“. Selbstbewusstsein ist aber nicht nur Ausdruck eines interessegeleiteten Ichs, sondern ebenso selbstbewusste Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem objektiven Geist und den geisteswissenschaftlichen Traditionen, ohne die ein Nullpunkt moderner Medienkritik gar nicht denkbar wäre. Offen bleibt ebenso die Frage, ob die Autoren ihre Positionen nur in ihrem Theoriedesign, und nur in diesem, formulieren konnten. Denn schließlich werden die zentralen Thesen und Zusammenhänge ziemlich souverän und pointiert in einer anderen Textform zusammengefasst. Als interessegeleiteter und teilnehmender Beobachter kann man sich die baldige Gründung einer Fakultät für Gedankendesign nur wünschen und darauf hoffen, dass sie den blinden Fleck der Geisteswissenschaften mit dem nötigen Mut zur Wahrheit in einem transdisziplinären, verständlichen und praxisorientierten Diskurs zur Sprache bringt.

Titelbild

Daniel Hornuff: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014.
229 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783770557592

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