Wenn Sammelwut krankhaft wird

Philipp Blom versammelt „Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft“

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was kann man nicht alles sammeln – Briefmarken, Bierdeckel, Ansichtskarten, Anstecknadeln, Münzen, Ü-Ei-Figuren, Matchboxautos oder Zinnkrüge. Zum Sammeln eignet sich scheinbar fast alles, und fast jeder kann von der Sammelwut angesteckt werden. Gesammelt wurde seit Menschengedenken – doch früher waren es keine Dinge der Massenproduktion, sondern Schönes und Wertvolles, und gesammelt haben hauptsächlich Adlige oder Kirchenfürsten. Später verlegte man sich auf das Wunderliche und Exotische, das man noch heute in den barocken „Wunderkammern“ bestaunen kann.

Der Historiker Philipp Blom beleuchtet in seinem neuen Buch an ausgewählten Beispielen diese Sammelleidenschaft der Vergangenheit. Es sind Geschichten und Geschichtchen von Sammlern und ihren einzigartigen Sammlungen quer durch die Kulturgeschichte. Eine der berühmtesten Sammlungen hatte etwa der italienische Renaissance-Naturforscher Ulisse Aldrovandi (1522-1605) zusammengetragen, es war eine vollständige Enzyklopädie der Natur – von Elchen über Siamesische Zwillinge bis zu angeblichen Drachen.

Der Niederländische Anatom Frederik Ruysch (1638-1731) beschäftigte sich mit der Leichenkonservierung und der Herstellung anatomischer Präparate. Teile seines medizinischen Lebenswerkes kann man noch heute im Museum von Leiden, seiner Heimatstadt, bewundern. Der Autor unternimmt mit dem Leser auch Ausflüge in die Geschichte der großen europäischen Museen wie dem Naturhistorischen Museum Wien oder dem Pariser Louvre. Spannend ist auch die Geschichte des Büchernarren Thomas Phillipps (1792-1872) und seiner legendären Bibliothek. Nach eigenen Schätzungen besaß er ungefähr 30.000 Bücher und 20.000 Manuskripte. Die Bibliotheca Phillippica besteht nicht mehr, eigentlich hat sie nie bestanden, denn es war bloß eine Anhäufung von Büchern.

Insgesamt 17 Sammel-Geschichten erzählt Philipp Blom in seinem historischen „Sammel“-Streifzug und beleuchtet dabei eine menschliche Leidenschaft, die skurrile, ja mitunter wahnhafte Züge annehmen kann, von Besitzgier bis zu Ordnungswahn. Wenn der Autor auch häufig auf die Psychologie des Sammelns eingeht, so will er aber keine psychoanalytische Bewertung dieser menschlichen Leidenschaft liefern. Im Mittelpunkt stehen kuriose und ausgefallene Beispiele dieses Phänomens. Dabei weiß Blom immer wieder interessante Hintergründe und Details zu berichten, die den Leser stets in Erstaunen versetzen. Und je weiter man liest, desto spannender ist das, worüber wir informiert werden und wovon wir bisher nichts wussten.

Angereichert wird die unterhaltsame und populärwissenschaftliche Lektüre durch zahlreiche historische Abbildungen und Vignetten. Gemeinsam mit dem äußeren anspruchsvollen Outfit ist ein schön gestaltetes Buch entstanden – vielleicht der Anfang einer eigenen Sammelwut. Und wer sich in die Thematik weiter vertiefen will, findet am Ende eine 12seitige Bibliografie.

Titelbild

Philipp Blom: Sammelwunder, Sammelwahn. Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014.
404 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783423280464

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