Zwischen Korruption, Kokain und Kippensammlern: Rubén Daríos Nachfahren

Sergio Ramírez präsentiert in einer Anthologie die neue Autorengeneration Mittelamerikas

Von Martina KopfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martina Kopf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seiner Erzählung „Der Spaziergang“ beschreibt Gustavo Campos die prekäre Lage des honduranischen Schriftstellers: „Und er beginnt zu schreiben und denkt dabei ständig daran, dass er eigentlich über die zwanzig Toten pro Tag in seinem Land schreiben sollte oder darüber, wie oft er überfallen wurde, oder über die Orte, an denen man Kokain verkauft.“ Zwar geht es tatsächlich um Tote, Überfälle und Kokain, aber das ist nur ein Teil der komplexen Vielschichtigkeit der mittelamerikanischen Literatur, wie die von Sergio Ramírez herausgegebene Anthologie zeigt. Aus Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Panama und – wegen kultureller und sprachlicher Nähe – auch aus der Dominikanischen Republik stammen die 26 kurzen Erzählungen junger Autorinnen und Autoren.

Die Länder Mittelamerikas beschreibt der Herausgeber in seinem Vorwort als „Splitter eines zerbrochenen Spiegels“. Trotz geografischer Nähe und gemeinsamer Geschichte seien diese bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Konflikte verstrickt gewesen, lebten zusammen, aber nur Rücken an Rücken. Ramírez, nicaraguanischer Autor und sandinistischer Revolutionär, hat schon in den 1960er Jahren dem Separatismus den Kampf angesagt und wirkte bei dem Aufbau eines Zentralverlags mit. Nun spricht er von einem Generationenwechsel in der mittelamerikanischen Literatur: Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Blick auf das „Archaische“ oder das Regionale, es ist die sozialpolitische Wirklichkeit, welche die jungen Autorinnen und Autoren interessiert. Militärdiktaturen und anhaltender Autoritarismus, Guerillabewegungen und Völkermorde werden zu „unverzichtbarem Material“ für die Literatur, die daraus ganz verschiedene Geschichten spinnt und die sozialpolitische Wirklichkeit stellenweise zu Gunsten anderer – die Region Mittelamerika überschreitender – Themen ausblendet und doch wieder zu ihr zurückkehrt.

Ein Beispiel dafür ist die Erzählung des guatemaltekischen Autors Eduardo Halfon, der sich in Proust’scher Manier an seine Kindheit im Haus seiner Großeltern und die damit verbundenen olfaktorischen Erlebnisse erinnert. Das große Haus wird täglich anhand eines mit Eukalyptusblättern gefüllten Räucherfässchens parfümiert, nimmt den Geruch der Düfte und Gewürznoten aus der Küche und des mit Kardamomkernen aufgebrühten türkischen Mokkas des Großvaters auf: „Ich erinnere mich, wie er am Kopfende des Tisches saß, das Kupferkännchen in der Hand, den kleinen Finger leicht abgespreizt (sein dreikarätiger Ring blitzte dabei auf), und jedem – ob er wollte oder nicht – ein Tässchen türkischen Mokka einschenkte.“ Als Soldaten das Haus der Großeltern stürmen, scheint dieses für den Protagonisten einzustürzen: „Mit einem Mal war mir das riesige Haus meiner Großeltern zu klein.“

Die Tendenz, sich allgemeingültigeren Themen zu widmen, macht sich auch bei dem aus Costa Rica stammenden Warren Ulloa bemerkbar. In seiner Erzählung porträtiert er einen Pfarrer, der sich von Jesus körperlich angezogen fühlt, dieses Begehren zu unterdrücken versucht und schließlich in der Umarmung mit einer Jesusfigur das Wort zu Fleisch werden lässt.

Ist bei dem aus einer jüdischen Familie stammenden Halfon das Haus der Großeltern noch mit vielen Delikatessen gefüllt – Aniskringel, Baklava, riesige Holzfässer voll mit schwarzen, violetten und grünen Oliven aus dem Libanon – , so zerlegen zwei hungrige Protagonisten in der Erzählung „Fleischfetzen“ des salvadorianischen Autors Alberto Pocasangre ihren toten Großvater in Stücke. Der tägliche Hunger wird in vielen Erzählungen zum zentralen Motiv, so auch bei dem panamaischen Autor Carlos Oriel Wynter Melo. Er verzerrt das Hungerproblem allerdings auf groteske Weise: Seine Protagonisten lecken sich beim Anblick anderer Menschen die Zähne und werden zu Menschenfressern.  

Die Momentaufnahme des Guatemalteken Javier Payeras scheint in einem Satz das ganze Elend Guatemala Citys zum Ausdruck zu bringen: „Eine schnelle Runde durch die Altstadt: Transvestiten, Kokain, Straßenkinder, Diebe, Triebtäter, Kinder von Triebtätern, Huren und Polizisten – bisweilen alles in einer Person –, Cumbias in Chinarestaurants, evangelikale Heilsprediger, die sich die Lunge aus dem Hals schreien, Taco-  und Grillfleischstände; die Bruderschaft der Kippensammler, Schnorrer und ewig durstigen Kehlen, die man nach neun Uhr abends sieht.“ Berichtet Payeras von einem korrupten Bildungssystem, so handelt die Erzählung der costa-ricanischen Autorin Carla Pravisani von der Mara Salvatrucha, einer gewalttätigen Jugendgang, die in Nord- und Mittelamerika ganze Gebiete kontrolliert, raubt, schmuggelt und hemmungslos mordet. Pravisani erzählt von einem Filmteam, das, einen Monat vor den internen Kandidatenwahlen, im Auftrag des Bürgermeisters einen Werbespot drehen soll. Gefilmt werden ehemalige Gangmitglieder, die ein neues Leben ohne die Gang begonnen haben. Die für die Gang charakteristischen, oft über den ganzen Körper verteilten Tätowierungen, hat sich das Ex-Mitglied Cristian mit Batteriesäure weggeätzt. Das Ergebnis ist eine Haut, die „wie ein Eimer schlecht gemischter Farbe aussieht“, und die „einst tätowierten Buchstaben ziehen sich jetzt auf die Augenbrauen hinunter“. Die Idee, Ex-Gangmitglieder zu porträtieren, um die Nachricht zu vermitteln, dass ein Ausstieg aus der Gang möglich ist, scheitert schließlich: Der Bürgermeister zeigt sich feige und bevorzugt einen Spot mit Kindern. Vom Scheitern handeln einige der Erzählungen. Jessica Clark Cohen aus Costa Rica lässt einen Präsidenten in ihrer Erzählung resigniert feststellen: „Wir waren noch nicht bereit für die Erste Welt.“

Was die Literatur betrifft, so ist Mittelamerika durchaus bereit, der Literaturbetrieb benötigt nur Unterstützung. Doch diese Unterstützung gibt es glücklicherweise bereits: Im vergangenen Jahr war Mittelamerika dank des Goethe-Instituts zum ersten Mal auf der Buchmesse vertreten. Die vorliegende Anthologie wurde ebenfalls unter anderem vom Goethe-Institut unterstützt und markiert einen bedeutenden Schritt in der Vermittlung neuer mittelamerikanischer Literatur. Wäre es denn kein Verlust für die Weltliteratur, wenn die Nachfahren Rubén Daríos, aber auch Miguel Ángel Asturias‘, Ernesto Cardenals und Gioconda Bellis unbeachtet blieben?

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Sergio Ramírez (Hg.): Zwischen Süd und Nord. Neue Erzähler aus Mittelamerika.
Übersetzt aus dem Spanischen von Timo Berger, Sabine Giersberg, Stephanie von Harrach, Lutz Kliche, Elisabeth Müller und Willi Zurbrüggen.
Unionsverlag, 2014.
254 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783293004795

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