Tunnelblick in die Zukunft

Felix Bittmanns fortschrittsoptimistische Studie über intelligente Maschinen kann soziologisch nicht ganz überzeugen

Von Josef BordatRSS-Newsfeed neuer Artikel von Josef Bordat

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Felix Bittmann, Student der Soziologe und Geschichtswissenschaft, hat sich Gedanken über die Zukunft gemacht und stellt diese in einer ersten Buchpublikation vor. Deren Titel Soziologie der Zukunft irritiert etwas, denn es geht in dem Text nicht um die Soziologie als Wissenschaft, sondern um ihren Gegenstand: die Gesellschaft. Es werden die möglichen technischen Errungenschaften in ihren Auswirkungen auf Lernen, Arbeiten und andere Lebensinhalte vorgestellt. Richtungsweisend ist der Untertitel: Intelligente Maschinen und ihr Einfluss auf die Gesellschaft. Und der, so Bittmann, wird überaus groß sein. Höhere technologische Leistungsfähigkeit führe zu gravierenden Veränderungen von Sozialstrukturen, bis hinein in die Familie.

Es ist beeindruckend, was da so alles auf uns zukommt – vermeintlich oder tatsächlich, das ist schwer zu beurteilen. Bittmann stellt es so dar, als sei es quasi ausgemachte Sache. Die projizierte Zukunft entstehe  zwangsläufig aus der technologischen Gesetzmäßigkeit des Wachstums: einer Zunahme an Komplexität und Rechnerleistung. Bittmanns Fortschrittsoptimismus wird mit einer ziemlichen Kritiklosigkeit vorgetragen. Ethische Implikationen werden nicht hinreichend mitbedacht. Das Faszinosum Technik hat den Verfasser fest im Griff. Allenfalls zu der Einschätzung, dass auch „richtig schlaue“ Computer den Menschen als ens sociale nicht komplett ersetzen können, ringt sich Bittmann durch.

Dabei ist die Rekonstruktion der behandelten Themen zum Teil recht dürftig. Wer etwa über Liebe, Sexualität, Beziehung, Partnerschaft und Familie schreibt, und die Konzepte jeweils mit knappen Bestimmungen einführt, als ginge es darum, naturwissenschaftliche Sachverhalte zu definieren, macht sich als Geistes- und Sozialwissenschaftler angreifbar.

Es ist schwierig, ein Urteil über das Buch zu fällen, weil recht weitschweifige Einlassungen mit Tendenz zur Banalität neben interessanten Zukunftsentwürfen stehen, die, sollten sie auch nur zum Teil Wirklichkeit werden, unser Leben tatsächlich verändern können. Einerseits wirft Bittmann mutig einen Blick in die Zukunft und skizziert selbstbewusst unsere Gesellschaft des Jahres 2040, andererseits bleiben die dabei verwendeten Konzepte bereits im Ausgang der Analyse unterbestimmt bzw. technizistisch verkürzt, man könnte auch sagen: passgenau zurechtgelegt.

Welche Bedeutung etwa Intelligente Soziale Systeme (ISS) für zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln werden, hängt stark von den Dimensionen ab, die man menschlichen Beziehungen zuschreibt. Je schematischer dies geschieht, desto eher werden technologische Errungenschaften anschlussfähig. Die verblüffende Gradlinigkeit der Darstellung basiert bei Bittmann ganz wesentlich auf stark reduzierten Rekonstruktionen der maßgeblichen sozialen Phänomene. Überzeugen kann sie daher nur den, der diese recht schlichten Prämissen teilt.

Gut ist das Einstreuen informativer Exkurse, gelungen auch die formale und stilistische Gestaltung. Als erste umfangreiche Publikation eines jungen Nachwuchswissenschaftlers ist Felix Bittmanns Soziologie der Zukunft – trotz der beschriebenen offenkundigen Mängel – eine beachtliche Arbeit, die allein schon für den Mut, bereits als Student ein Buch zu schreiben, Anerkennung verdient.

Titelbild

Felix Bittmann: Soziologie der Zukunft. Intelligente Maschinen und ihr Einfluss auf die Gesellschaft.
Epubli, Berlin 2014.
284 Seiten, 11,95 EUR.
ISBN-13: 9783737513838

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